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BAYREUTH/ Festspiele/ „Der Ring des Nibelungen“: SIEGFRIED- zweiter Ring-Durchlauf

14.08.2022 | Oper international

Bayreuther Festspiele.:  SIEGFRIED  13.8.2022. Zweiter Durchlauf des „Ring des Nibelungen“

Auch die Musik geht im SIEGFRIED, dem ‚Scherzo‘ des RINGs, etwas eigenständige Wege, wenn im 1.Akt die Rat- und Mutlosigkeit des Zwerges Mime geschildert wird, weil er nicht rausfindet, wie er in den Besitz des Ringes gelangen kann. Ein wie rollend sich repetierendes Motiv macht sich breit, wird vom Orchester makellos heruntergeschnurrt. Die vagen Zwischentöne, wenn Mime nicht richtig sieht, und der Boden ihm schwankt, werden von Cornelius Meister gekonnt gegensätzlich belichtet. Der Auftritt des Wanderers bei der ‚Wissenswette‘ mit dem Verzagten strahlt die große Gelassenheit und majestätische Art aus, noch scheint der Gott alles im Griff zu haben, und es fällt ihm nicht schwer, Mime auszutricksen. Es wirkt auch ganz dicht gewoben und wird mit Impetus von den Festspiel-Streichern intoniert. In den Schmiedeliedern greift Wagner auf populäre Volksweisen zurück, oder sie fliegen ihm zu und führt sie zu einem überwältigend rasanten Aktschluss. Meister läßt dabei in seinem Dirigat immer die Feinstruktur der Kompositionstechnik durchhören und animiert seine Musiker dabei zu sehr intelligenter Spielweise.

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Alexandra Steiner, Anreas Schager, Arnold Bezuyen, Branko Buchberger. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele.

Mime ist in diesem Akt zuerst ein Zauberer mit  langem spitzen Hut, der ihm von Siegfried aber andauernd abgenommen wird. In vielen Zimmerchen, die sich nach oben türmen,  und einem Kaspertheater spielt sich das Geschehen ab. Statt eines Bärs bringt Siegfried natürlich eine Person mit. Den Ring schmiedet er jedoch ganz traditionell, findet dazu auch die passenden Werkzeuge, während Mime vorn einen Schlaftrunk bereitet. Im Folgeakt knüpft die Regie von Valentin Schwarz wieder mehr an ihr eigentliches Konzept der „neuen Personenerfindung“ an. In einer wieder modern designten und gestylten Wohnlounge liegt Fafner in einem Krankenbett mit Rücken zum Publikum und wird von Pflegerinnen aufgepäppelt, was aber meist schief geht, er schreit, und sie drehen durch. Alberich geht hier als ‚Oberwärter‘ ein und aus. Natürlich dringt auch der Wanderer ein und führt seinen altklugen Disput mit dem eher naiven Nibelungen, der bei Fafner nichts erreicht. Siegfried schubst dann den aufgestandenen Fafner am Rollator um, worauf dieser stirbt. Er bandelt mit einer Pflegerin an, die sich später als Waldvogel entpuppt. Am Sofa sitzen sie und spielen ein paar harmlose Spielchen, auch mit der Florettstange. Diese Pflegerin ist wohl das kleine Mädchen, das Erda im RHEINGOLD mitgenommen hat. (Hier scheinen alle eine Großfamilie zu sein.) Der Pfleger Fafners, der immer rechts von ihm saß, entpuppt sich als der junge Hagen (Branko Buchberger), der sich Siegfried und dem Waldvogel als ‚Ringersatz‘ zugesellt, und sie feiern zu dritt  nebeneinander auf dem Sofa, und Siegfried kredenzt ihnen von den reichlich in einem goldenen Wandschrank vorhandenen Getränken. In Schwarz‘ Deutung hat Alberich Hagen also nicht gezeugt, sondern er hat ihn sich beim Raub des Rheingolds  als ‚Ring‘ angeeignet. Zusammen ziehen die drei los, um Brünnhilde zu gewinnen.

Vorher steigt Wanderer aber ins Souterrain des Art deco Palazzos, der auch Betten mit nicht identifizierbarem Krimskrams darauf enthält, der aber auch eine gewisse ästhetische Eleganz nicht verleugnen kann. Dort umarmt er nicht zuerst Erda, wie man wohl glaubte, sondern eine andere jüngere Frau, wohl Waltraute, ihre Walkürentochter. Sie kauert am Boden vor einem Bett. In der Szene übernimmt wieder die Musik mächtig die Führung, und sie wirkt dräuender abgeklärter nach 15jähriger Unterbrechung der Komposition, was C. Meister auch wiederzugeben vermag. Bei der Auseinandersetzung mit Erda ergibt wie häufig eine durchdachte Personenregie, die den weitläufigen Raum ausfüllt. Wieder oben angekommen sieht sich Wotan seinem Enkel gegenüber, von dem sich die zwei Freunde abgenabelt haben. Der junge Hagen bleibt aber, noch eine Weile in Reichweite, rechts hintergründig stehen. Siegfried zerhaut dem Wanderer die Florettstange (sic!).- Auf der linken Seite taucht nun Brünnhilde auf im weißen Überkleid und Sonnenbrille. Das nicht von ihr weichende Roß Grane in Menschengestalt (Igor Schwab) prüft, ob ihr Kopfverband noch richtig sitzt, plaziert sich dann in ca. 5 Meter Abstand. Siegfried nimmt ihr den Verband ab, und ihr langes Goldhaar kommt zum Vorschein. Zum Kuss dreht er sie um. Mit ‚Grane‘ gibt es auch noch eine kleine Rauferei, dann passiert nichts mehr großartig, bis sich Brünnhild entschließt, ‚Siegfried’s‘ zu werden. Das Festspielorchester bietet bei dieser Erweckung die gewohnte Glanzleistung, so daß man bis zum Schluß gebannt auch die seltsam ungewohnte Szene in ‚Augenstarre‘ nimmt.

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Andreas Schager, Igor Schwab, Daniela Köhler. Foto: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

Den Waldvogel singt Alexandra Steiner, die sich vom Knappen im Parsifal aufgeschwungen hat, sehr lieb und reizvoll. Eine wichtige Entdeckung ist Daniela Köhler als Brünnhilde.  Mit schönem Schmelz macht sie ihre verzögerte Hingabe, da das Göttliche erst noch von ihr abfallen muß, glaubhaft. Die Erda gibt Okka von der Damerau als gleichwertiger Wotanspartner mit überlegener Gesangskunst. Einen bedeutungsvollen Fafner stellt Wilhelm Schwinghammer mit tiefgründigen Baß. Olafur Sigurdarson scheint sich von Rolle zu Rolle zu steigern. Hier ist er mal Hausherr und kann auch im Bruderzwist und im Schlagabtausch mit Wanderer heftig reüssieren. Auch dieser macht es in Gestalt von Tomasz Konieczny wieder sehr gut. Seine Niederlagen machen ihn stärker, und er singt mit großem heldenbaritonalen Aplomb, auch apart timbriert. Arnold Bezuyen zeigt als Mime einzigartige Stimmkunst, wie auch der zum Heldentenor gereifte Andreas Schager mit dramatischem Timbre. Er holt alles aus Siegfried heraus, was drin steckt und wirkt manchmal  mit langen Haaren sogar feminin.                                                

Friedeon Rosén

 

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