BASTAD RAVINEN KULTURHAUS Birgit Nilsson Hall – Liederabend mit der Sopranistin MATILDA STERBY und MATTI HIRVONEN am Klavier; 6.8.2026
BIRGIT NILSSON FESTIVAL 2026

Matti Hirvonen, Matilda Sterby. Foto: Ingo Waltenberger
Birgit Nilsson war nicht nur die unvergleichlichste hochdramatische Wagner- und Strauss Sängerin sowie eine der beeindruckendsten Verdi- und Puccini Heroinen der 60-er und 70-er Jahre, sie kümmerte sich schon auf dem Höhepunkt ihrer Laufbahn aktiv um den sängerischen Nachwuchs.
Seit 1973 stützte die Heroine mit dem Birgit Nilsson Stipendium junge Talente. Ins Leben gerufen wurde das Stipendium bereits 1969 in Memoriam von Nilssons Gesangslehrer Ragnar Blennov. Darunter darf man sich aber kein herkömmliches Stipendium für mittellose Studierende mit außerordentlichem Talent vorstellen, sondern eine Anerkennung für vielversprechende junge Sängerinnen und Sänger auf dem Weg in ihre internationalen Engagements. Mit dem Ziel der materiellen Stütze der Entwicklung im Sinne von, nicht auf jedes Angebot angewiesen zu sein, das ev. der stimmlichen Entwicklung schaden könnte. Heute wird die Institution als Teil der Birgit Nilsson Foundation verwaltet, wie auch der Birgit Nilsson Preis, das Museum, die Masterclasses und das jährlich im Sommer stattfindende Festival.
Immerhin waren so fixe Durchstarter wie Nina Stemme oder Daniel Johansson unter den Stipendiaten. Nina Stemme ist mit dem Wechsel zur Amme im Charakterfach angelangt, aber wer weiß? Vielleicht ist ja wieder einmal eine dramatische Sopranistin unter den geförderten Studentinnen, die das deutsche und italienische Fach gleichermaßen beherrscht wie es Birgit Nilsson tat.
Wobei offenbar ein Unterschied in der Gage bestand oder besteht, wenn man sich Nilssons berühmt gewordenen Spruch „Wagner machte mich berühmt, Puccini reich“ genüsslich auf der Zunge zergehen lässt. Noch typischer für die Nilsson war allerdings ihre Antwort auf die Frage „Was denn das wichtigste für eine Götterdämmerungs-Brünnhilde sei?“ und darauf lapidar erwiderte „Gute Schuhe.“
Wer Birgit Nilsson live erlebt hat, etwa im berühmten „Kipferl“ des Parterre Stehplatzes der Wiener Staatsoper, der spürte im Rücken bei den hohen, wie Blitz einfahrenden höchsten Tönen die Wand vibrieren. Ein Phänomen, das niemand sonst auslöste. Klarerweise ohne Mikro oder sonstigen Schwindel. Ob Nilsson tatsächlich einmal mit ihrer Stimme ein Kirchenfenster zum Springen brachte, kann man zumindest im Nilsson Museum erfahren.

Foto: Ingo Waltenberger
Heute soll die Haupt-Aufmerksamkeit aber der schwedischen Sopranistin Matilda Sterby gelten. Sie erhielt das mit 250.000 SEK dotierte Nilsson-Stipendium 2024. Die Opernhochschule Stockholm hatte sie 2019 abgeschlossen. Die Sängerin mit der Stimme wie eine erfrischende Gischt an einer Steilküste verfügt über ein enormes Stimmvolumen. Unverwechselbar sind insbesondere die untere Mittellage in Apricot-Ockerfarben und die tiefen Register timbriert. Sterbys Fach ist anhand ihrer Rollen am besten als lyrisch-dramatischer Sopran zu charakterisieren. Aktuell reüssiert sie mit Rollen wie Donna Anna, Agathe, Mimi, Fiordiligi (Wiener Volksoper), der Figaro-Gräfin oder jüngst mit der Marschallin im „Rosenkavalier“ in Garsington.
Im Ravinen Kulturhaus nahm sie sich Lieder von Franz Schubert, Edvard Grieg, Jean Sibelius und Gösta Nystroem vor. Ein nicht untypisches Programm für skandinavische Sängerinnen, würde ich meinen. Begleitet vom aufmerksam und anschlagssensitiv aufspielenden schwedischen Pianisten Matti Hirvonen, der schon mit Elisabeth Söderström arbeitete, gab es nach der Pause die Höhepunkte des Konzerts. Schon ab den ersten großdimensionierten Tönen war klar, dass hier nicht eine geborene Liedersängerin die Bühne beherrscht, sondern eine genuine Opernsängerin, die sich gerne dem Liedgesang widmet. Mit viel Temperament und Engagement stürzte sich Sterby theatralisch expressiv auf die lyrischen Miniaturen.
Textlich und gestalterisch beeindruckend gelangen die Kostproben aus dem Schaffen Edvard Griegs und von Jean Sibelius. Als echte Entdeckung für mich entpuppten sich die drei Lieder von Gösta Nystroem. Der nordische Klangimpressionist, Maler, Musikkritiker und Kunstkenner schrieb in den 40-er Jahren des 20. Jahrhunderts harmonisch komplexe Lieder, die dem Zauber der Natur, des Meeres, des Windes als Gleichnis für zarte seelische Empfindungen huldigen. Besonders gefiel der eigenständige Klavierpart, der goldfädendurchwirkt in diaphaner Stofflichkeit gleißt und schimmerte.
Bei den Franz Schubert Liedern wiederum gelangen am besten diejenigen, die wie „Die junge Nonne“ oder „Rastlose Liebe“ Elementargewalten des Gefühlslebens durchmessen oder wie die Ballade „Der Zwerg“ eine ausgesprochen erzählerische Kraft erfordern. Bei rein poetisch stillen Nummern wie „Nacht und Träume“ fehlte aber doch ein gerüttelt Maß an Piani, Pianissimi in korrespondierend weit gedachten Legatobögen.
Am Ende hatte ich den Eindruck, einer gefühlvoll eingesetzten, riesig dimensionierten dramatischen Sopranstimme von singulärer Qualität auf dem Weg in jugendlich dramatische Gefilde begegnet zu sein. Die elegant auftretende Künstlerin wird bei entsprechend gutem Ressourcenumgang und konsequenter Fortführung ihres Wegs ohne Zweifel eine große Karriere hinlegen.
Fotos:Ingo Waltenberger
Dr. Ingobert Waltenberger

