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BASEL/ Theater/ Schauspielhaus: DIE SCHÄNDUNG DER LUCRETIA: EIN CASTING – Schauspiel

01.11.2026 | Theater

BASEL/ Theater/ Schauspielhaus: DIE SCHÄNDUNG DER LUCRETIA: EIN CASTING – Schauspiel

Wiederaufnahme: 31.10.2026

auror
© Lucia Hunziker

 Täter-Opfer-Perspektiven und die Wirkung von Vergewaltigung

Ein Thema, das so bedrückend sein kann, braucht Musik. Eine Band darf nicht fehlen.  Berichte von Vergewaltigungsopfern und Shakespeares Langgedicht „The Rape of Lucretia” sind Gegenstand des Abends. Englisch und Deutsch vermischen sich. Die Regisseurin Lola Arias sucht mit dem eigens zusammengestellten Ensemble, sexualisierte Gewalt künstlerisch auszudrücken und zu problematisieren.

Laura Leupi, Autor:in des Buches „Das Alphabet der sexualisierten Gewalt“, steht selbst auf der Bühne und erzählt vom erlebten Übergriff durch ehemaligen Partner. Parallel läuft das Casting um die Rollen des Gedichts und schliesslich geht es in die Darstellung des selben über. Die Figuren Shakespears werden zu allegorischen Täter- und Opferfiguren geschlechtlicher Gewalt. Erlebnisberichte, Rezitation und Livemusik des Ensembles und vor allem des Sängers und Gitaristen Elia Rediger sorgen für viel Emotionalität.

Ntando Cele erzählt sarkastisch von einer Taxientführung nach dem Clubbesuch. Weil es nicht bis zur Penetration gekommen ist, und man damals Menschen ihrer Hautfarbe verbrannt und erschossen hat, hat sie es jahrelang als „nicht so schlimm“ abgetan. Julian Anatol Schneider hat schon früh Pornos geschaut und bewirbt sich für die Rolle des Täteters Tarquinius, fahndet nach Motiven für das Verbrechen und hinterfragt Schuldgefühle. Phil Hayes ist aus der Generation, in der Sex, und die damit verbundene Gewalt einfach kein Thema, ein Tabu war. Und Barbara Colceriu bekommt endlich die Hauptrolle, nachdem sie wegen körperlicher Benachteiligung nur Putzkraft oder Ähnliches spielen durfte.

Live-Film und Echtzeitprojektion des teilweise sichtbaren, manchmal auch verdeckten Schauspiels erreichen einen Perspektivenreichtum, der einen distanzierten Umgang des Themas ermöglichen könnte, jedoch eher in überdimensionaler Detailfilmung subtil stimmungsweisend wirkt (Videodesign Mikko Gaestel).

Links das Casting-Büro und rechts das Schlafzimmer, die Leinwand oder die nackte Bühne (Bühne Dominic Huber) – Gewalt an Frauen ist überall gegenwärtig. So verschieden wie Gewalt auftritt, sind auch die Kostüme. Sie reichen von Requisitenartigkeit bis zur Rüstung und Tiermasken (Kostüme Tutia Schaad).

Das Ensemble stellt Fragen, bringt Angst, Verstummen, Rachegefühle und Scham gehüllt in tiefe Farblichtstimmungen (Lichtdesign Mario Bubic) zum Ausdruck. Animationen des Selbstmordes der Lucretia der Renaissance-Malerei, sowie ein extra gespielt wirkender Bühnensuizid verfehlen dennoch die Wirkung nicht (Dramaturgie Bibiana Mendes).

Pop, Rock und Punkstil spannen die Saite, die Erzählberichte lassen sie zittern und zurückbleiben Bedrückung und ein Publikum, das nachdenklich angestossen, ohne viele Worte, aber mit gutem Applaus den Saal verlässt.

Mit dem Besuch befassen Sie sich mit dem Thema: Es ist Realität und soll gehört werden. Dieses Stück ist feinfühlig, aber auch kräftig, reflektierend und emotional. Über Kunst erlebend lernen und gemeinsam Themen bewegen – dies gelingt Lola Arias und dem Ensemble.

Aurora Rufer

 

 

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