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BASEL/ Theater: HEIDI von Richard Wherlock – ein Mythos entwickelt sich weiter. Uraufführung

07.05.2022 | Ballett/Tanz

Basel: Theater Basel, Grosse Bühne – Ballett Theater Basel – «Heidi»

 – Uraufführung / Premiere 06.05.2022

«Heidi» – ein Mythos entwickelt sich weiter

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Gaia Mentoglio als Heidi und Diego Benito Gutierrez als Geissenpeter.  Foto: Ingo Hoehn/ Theater Basel

Es gibt ja fast nichts, was es über Johanna Spyris Meisterwerk der (Schweizer) Jugendliteratur nicht gibt: Klassische und «moderne» Verfilmungen, eine Zeichentrickserie aus Japan, Comics und, und, und … alles vorhanden – ausser einem Handlungsballett. Und diese Lücke schliesst der Basler Ballettdirektor und Chefchoreograph Richard Wherlock mit seinem wohl letzten grossen Ballettabend, bevor er die Stadt am Rheinknie nach 22 Jahren verlässt. In dieser Zeit hat der Brite in Basel in Sachen Tanz viel bewegt und bewirkt. Allem voran hat er als Nachfolger des in Basel heftigst umstrittenen Joachim Schlömer und seinem Tanztheater das, was in der Stadt als «Ballett» verstanden und innigst geliebt wurde, wieder zurückgegeben. Mehr noch, er hat das vor Schlömer durch Heinz Spoerli und Youri Vamos äusserst klassisch geprägte Ballett in seine Tanzsprache übersetzt und weiterentwickelt. Es entstand die sehr populäre Mischung aus klassischem und modernem Tanz, kombiniert mit Elementen des Tanztheaters. Wherlock ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Und als solcher präsentiert traditionelle Stoffe wie «Schwanensee» oder «Peer Gynt» aus seiner Sicht klassisch-modernisiert – und traf damit weitgehend den Geschmack des Basler Ballettpublikums.

Der beliebte Ballettdirektor legte grossen Wert darauf, dass seine Tänzerinnen und Tänzer die Gelegenheit erhielten von Gastchoreographen zu profitieren – und sich zudem in den «Dance Labs» selbst als Tanzschaffende zu versuchen und zu profilieren.

Die Qualität seiner Compagniemitglieder war und ist «1A». Wherlock «züchtete» keine Stars, sondern war darum besorgt, dass sich jedes Ensemblemitglied tänzerisch individuell entwickeln konnte und auch die Chancen auf eine «grosse» Rolle erhielt. So entstand über die Jahre eine heterogene Truppe mit grossartigen Persönlichkeiten – eine grosse Tanzfamilie eben!

Diese Tanzfamilie, dieses Miteinander ist in Wherlocks Uraufführung «Heidi» nochmals zu erleben! Richard Wherlocks jüngstes Ballett zeigt die wichtigsten Handlungsstränge von Johanna Spyris Roman, erliegt dabei jedoch der Versuchung, gefälligen Kitsch zu zeigen (das kann ja auch hübsch sein), nicht.

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Foto: Theater Basel/ Ingo Hoehn

Heidi wird von ihrer Tante Dete zum Alpöhi gebracht; die Eroberung ihres Grossvaters gelingt der Enkelin allerdings nicht so einfach. Das Kind ist jedoch selbstbewusst genug und findet heraus, wie sie den Öhi für sich gewinnen kann. Zwischen dem Geissenpeter und ihr funkt es auf Anhieb, eine fröhliche Kinderfreundschaft entsteht. Auch die rauhen Seite des vermeintlich idyllischen Landlebens lernt Heidi kennen, als bei einem Fest zu Ehren der Ziegen eine davon geopfert wird. In der grossen Stadt, in welche Heidi von ihrer Tante gegen den Willen des Alpöhis gebracht wird, um dort bei der Familie Sesemann als Freundin derer Tochter Klara zu leben, ist das Kind vom Lande von der Hektik überfordert. Dennoch trotzt sie der Gouvernante Rottenmeier, welche ihr in äusserst dämonischer Art und Weise das Korsett der feinen Gesellschaft aufzwingen will. Das ist nichts für Heidi – sie rebelliert und gewinnt mit ihrer Art die Herzen des Dieners Sebastian und des Dienstmädchens Tinette. In Klara, welche im Rollstuhl sitzt, findet Heidi eine Freundin. Das Heimweh jedoch bleibt. Klaras Vater beobachtet Heidi beim Schlafwandeln und beschliesst, das Kind wieder in seine heimatlichen Berge zurückzuschicken. Beim Besuch der Familie aus der Stadt auf der Alp geschieht das Wunder, dass Klara wieder gehen lernt – und viel von Heidis rebellischem Geist auf ihren weiteren Lebensweg mitnimmt.

Zu diesem Plot liefern Tino Marthaler und Alain Pauli eine wunderbare «komplexe Klanglandschaft zwischen Natur und Stadt»: Elektronische Musik mit Alphornklängen, Kuh- bzw. Ziegenglockengeläute, einzelne Textfetzen aus dem Roman. Zusammen mit der toll ausgeleuchteten (Lichtdesign: Jordan Tuinman) Bühne von Bruce French und den passenden Kostümen (Land bunt, Stadt grau) von Bregje van Balen entsteht ein stimmungsvolles Miteinander zwischen Akustik und Optik.

Es ist erstaunlich, wie sich Richard Wherlocks Tanzsprache in den vergangenen Jahren fortlaufend entwickelt und gesteigert hat. «Heidi» ist nun aber eine absolute Herkulesaufgabe, welche die Basler Compagnie mit grösstem Vergnügen und Engagement bravourös meistert. Allen voran Gaia Mentoglio in der Titelrolle. Sie ist in jeder Beziehung die Idealbesetzung «unserer» Heidi. Frank Fannar Pedersen überzeugt als recht grobschlächtiger Alpöhi und Diego Benito Gutierrez begeistert mit grosser Virtuosität als quirliger Geissenpeter. Wie eine Spinne umgarnt Lydia Caruso als Gouvernante Rottenmeier bedrohlich das Schweizer Kind und versucht furchteinflössend – aber erfolglos – Heidi den strengen städtischen Regeln zu unterwerfen. Beeindruckend gestaltet Eva Blunno den Wandel Klaras von der resignierten gelähmten Tochter zum rebellischen Backfisch. Die Szene, in welcher Heidi ihrer Freundin das Gehen beibringt, bildet ein Highlight für sich.

Richard Wherlock gelingt es erneut, den einzelnen Figuren eine Persönlichkeit zu geben, welche dann von den grossartigen Tänzerinnen und Tänzern aufs allerbeste verkörpert werden. Herrlich auch die vielfältig einstudierten Ensembleszenen der Dorfbewohner und der Ziegen. Dieser Ballettabend ist schlicht und ergreifend ein Meisterwerk.

Das Publikum feiert seine Ballett Compagnie und seinen Ballettdirektor und Choreographen Richard Wherlock mit frenetischem Applaus und vielen Vorhängen. – Im Raum steht für viele Basler Ballettfreundinnen und -freunde die bange Frage, was die tänzerische Zukunft am Theater Basel bringen wird. Die Signale sind klar – und werden hoffentlich von der Intendanz des Hauses verstanden.

 Michael Hug

 

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