Basel: Theater Basel: Grosse Bühne – Ballett Basel – “Van Manen/Kylian/Goecke” – Weit mehr als ein «gewöhnlicher» Ballettabend!
Première vom 25. April 2026
Dem Leading-Team des Ballett Basel – Marco Goecke, Nadja Kadel und Ludovico Pace – liegt dieser Abend besonders am Herzen, denn sie alle haben einen direkten und sehr persönlichen Bezug zu den heuer aufgeführten Choreographen. Marco Goecke, seit dieser Spielzeit künstlerischer Leiter und «Haus-Choreograph» des Ballett Basel, wurde während seiner Ausbildung zum Tänzer am Königlichen Konservatorium in Den Haag durch die Werke von Jiri Kylian und Hans van Manen entscheidend geprägt, was auch in seinem Schaffen in Basel deutlich erkennbar wird – selbst wenn Marco Goecke – vermeintlich – eine vollkommen andere, eigene choreographische Sprache spricht. Es kam zu persönlichen Kontakten zwischen ihm und den beiden Meisterchoreographen, aus den Kontakten entstanden Freundschaften. Hans van Manen hatte sogar den Wunsch geäussert, an dieser Première in Basel dabei zu sein – leider war ihm dies nicht mehr vergönnt. Darum wird ihm dieser Abend gewidmet. Künstlerische Linien, Begegnungen und Freundschaft sind die tragenden Elemente des Abends – Themen, welche in van Manens Chorographie so wunderbar zur Geltung kommen und bravourös umgesetzt wurden; dazu später mehr. Nadja Kadel erlebte während ihrer Studienzeit Van Manens «The Old Man and Me» in der Originalbesetzung mit Sabine Kupferberg / Gérard Lemaître. Ludovico Pace hat als Tänzer Werke aller Choreographen des heutigen Abends aufgeführt. Die Geschichte dieser «wunderbaren Freundschaften» geht noch weiter: Auch die Ballettmeister*innen, welche die Choreographien mit dem Ensemble einstudierten, weisen direkten Bezug aus: Ken Ossola tanzte 1995 die Uraufführung von Kylians «Bella Figura», Feline van Dijken ist seit Kindesbeinen mit den Choreographien von Hans van Manen fasziniert und mit ihnen bestens vertraut und Giovanni Di Palma zeichnet sich seit Jahren als gefragter Goecke-Spezialist in der Ballettwelt aus. Das ganze Team brennt für diese Produktion und überträgt dieses Feuer, die Freude und Leidenschaft auf die Tänzerinnen und Tänzer des Ballett Basel.
Jiri Kylians «Bella Figura» eröffnet den Abend. Zur Musik von Foss, Pergolesi, Marcello, Vivaldi und Torelli malt der Choreograph eine Vielfalt von Bildern. Im Zentrum stehen jeweils einzelne Paare, zu welchen eine dritte Person dazu kommen möchte. Manchmal gelingt das, manchmal nicht. In diesen Dreierkonstellationen bleibt immer eine/r aussen vor. Die Paare untereinander wissen auch nicht so recht, was sie miteinander anfangen sollen. Nähe, Verlust, Sinnlichkeit – Grenzen verschwimmen. Eindrückliche Bilder, getragen durch einen breiten musikalischen Spannungsbogen von Barock bis Moderne. Ken Ossola, Madoka Kariya und Cora Bos-Kroese haben das Werk mit dem Ensemble präzise einstudiert. Die Umsetzung durch Ana Paula Camargo, Maurus Gauthier, Rosario Guerra, Chisato Ide, Elliana Mannella, Anthony Ramiandrisoa, Lisa Van Cauwenbergh, Giada Zanotti, Nikita Zdravkovic gerät leidenschaftlich und grosser Sensibilität.
«The Old Man and Me» von Hans van Manen erzählt die Geschichte einer Beziehung von der Eroberung des «Machos» durch die junge Frau (Musik: J. J. Cale «The Old Man and Me») zu den vergnügten Spässen der Verliebten (Musik: Strawinsky «Circus Polka für Orchester») hin zur hingebungsvollen tiefen Liebe, auf welche dann zu Mozarts Adagio aus dem Klavierkonzert Nr. 23 die Krise und dann die Trennung folgt. Lydia Caruso und Rosario Guerra sind als Paar absolut perfekt besetzt. Sie glänzen tänzerisch und im Ausdruck. Ihre Darstellung geht über blossen «Tanz» hinaus; sie leben ihre Rollen. Auch aus etwas weiterer Entfernung ist ihre tänzerische und mimische Ausdruckskraft spürbar.

Bewegung und Ausdruck: Louis Steinmetz (Foto: Rahi Rezvani)
Marco Goeckes 2009 in Monte Carlo uraufgeführte Choreographie “Le Spectre de la Rose” beinhaltet eigentlich wenig örtliche Bewegung – mal eine Linie nach links, rechts, vorne, hinten. Die Tänzerinnen und Tänzer bleiben hauptsächlich an Ort und Stelle – und drücken sich durch eine Bewegungsvielfalt des ganzen Körpers aus. Faszinierend, was Louis Steinmetz (Rosengeist) und Sandra Bourdais (Mädchen) und das Ensemble (Filippo Ferrari, Maurus Gauthier, Rosario Guerra, David Lagerqvist, Jamal Uhlmann Cheng-An Wu) präsentieren. Die Choreographie fordert exakteste Präzision in allen Bewegungen – und seien diese noch so klein – denn sie alle werden sichtbar. Das ist etwas, was für mich an den Arbeiten von Marco Goecke so fasziniert. Die Aufführenden des Ballett Basel werden dem hohen Anspruch ihres künstlerischen Leiters mehr als nur gerecht. Dazu kommt, dass auch Ausdruck und Emotion wunderbar gelingen.
An diesem Ballettabend wird neben grosser Tanzkunst auch der persönliche Beziehung aller Beteiligten zu dem, was sie aufführen, auf der Bühne spür- und erlebbar. Marco Goecke, seinem Team und dem Ensemble des Ballett Basel ist hier etwas Faszinierendes, Berührendes – kurz: Grossartiges! – gelungen.
Standing Ovation – schon jeweils zwischen den einzelnen Teilen! – Wiedersehen macht Freude!
Michael Hug

