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BASEL/ Theater: „Go With Your Heart”, Tanz von Tim Etchells und Vlatka Horvat, UA

23.03.2025 | Ballett/Performance

Theater Basel: „Go With Your Heart”, Tanz von Tim Etchells und Vlatka Horvat, UA – 21.3.2025

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© Ingo Höhn

Die künstlerische Leiterin des Balletts Basel, Adolphe Binder, liebt Experimente: Zwei Künstler, die mit Ballett nicht viel zu tun haben, mit einem Tanzstück zu beauftragen, kann man mutig nennen. Der britische Schriftsteller Tim Etchells, auch bekannt für seine Performance-Kunst, Videos und Installationen, und die bildende Künstlerin Vlatka Horvat, die neben Zeichnungen und Skulpturen auch Installationen und Performance-Kunst produziert, wurden offenbar gerade deshalb ausgewählt, weil sich beide nicht in eine Schublade stecken lassen. Im heutigen Verständnis von Choreographie findet sich kein fertiges Konzept, keine vorgegebenen Schrittfolgen mehr. Folgerichtig gibt auch keine Proben, sondern einen mehrwöchigen Workshop, an dem die „Choreographen“ mit den 16 Tänzer(inne)n Bewegungen und Konzepte vorschlagen, diskutieren, ausprobieren, verwerfen. Themen, oder eher Tasks, werden den Tänzer(inne)n vorgegeben, die Erarbeitung aber ihnen überlassen. Die Entscheidungen für die Bewegungen werden offengelassen, jeder Abend wird deshalb anders aussehen. Ein gut schweizerischer demokratischer Prozess also.

 Das Leitmotiv des Abends ist Kopieren. Da aber am Anfang noch nichts Kopierbares existiert, sucht sich jeder Tänzer ein architektonisches Element im Raum (eine Linie, einen Winkel) und ahmt es mit dem Körper nach. Es entsteht ein spannender Gegensatz zwischen Geometrischem, Geradem, Kantigem und dem weichen, kurvigen, unregelmässigen Körper. Die Bewegungen und Posen werden nun zaghaft voneinander kopiert, sich zu eigen gemacht, dann abgewandelt, bis etwas Neues entsteht.

Andeutungsweise kann man nun das Aufkommen von sozialen Gesten, sozialen Gruppen, einer Normbildung und der Abweichung von der Norm erkennen. Menschen, die nicht wissen, zu welcher Gruppe sie gehören, zu welcher sie gehören wollen, sich dann anbiedern durch Kopieren – und auch mal ihre Meinung ändern – und dennoch versuchen, ein Individuum zu bleiben. Die sozialen Gesten werden eindringlicher, Hände rutschen vom Nacken zum Gesicht, Hände vor dem Mund werden zu Luftküssen. So und nicht anders funktioniert auch verbale Kommunikation.

Das alles zu einer von Etchell kompostierten Musik – komponieren kann man das nicht nennen – aus klassischer Gitarren- und Klaviermusik, in kleine Stücke geschnitten und mit verzerrten Geräuschen von Verkehrschaos und Maschinen zu einer Kollage zusammengestückelt. Schnell assoziiert man Szenarien wie Harmonie, Markttreiben aber auch Grossstadt oder Krieg. Der Sound legt sich wie eine weitere Ebene auf die Bewegung, manchmal den Tanz untermalend, mal antreibend, mitunter aber im Gegensatz dazu.

Als zum Schluss zum Beispiel die peitschende Musik schneller und lauter wird, eine Handlung fordernd, werden die erschöpften Tänzer eher langsamer, die Bewegungen durch diese dramatische Musik immer erratischer, inkorrekter. Die Grenzen des durch hängende Tücher verschiedenster Textur abgegrenzten Raums werden durchbrochen, umgangen. Die Aussenwelt wird in den Raum geholt, um sie zu begreifen. Das verirrte und verwirrte Tier, das durch Kopieren gelernt hat, ein Mensch zu sein, kann jetzt über sich und seinen beschränkten Raum hinauswachsen, in die Welt gehen.

Nun ist Kopieren ja so ziemlich das Gegenteil von dem, wie man als Kunst definiert, aber die Choreographen wollten ja auch nicht Kunst machen, sondern zeigen, was ein Mensch ist, wie das Menschsein entsteht und weitergegeben wird. Eben zaghaft, verwirrt, halbherzig und planlos. Dies ist denn auch die Krux dieses pausenlosen Abends. Als Zuschauer fühlt man sich wie ein Zaungast bei einem elend langen Tanzworkshop. Was einer Emotion noch am nächsten kommt sind enttäuschte Erwartungen, wenn eine Gruppe dann doch nicht als Einheit agiert, wenn Körper sich durch die drängende Musik nicht drängen lassen, wenn weder das Kopieren noch das Transformieren deutlich nachvollziehbar ist. Die Nebelhaftigkeit, das Vage, die Absenz von Drama ist offenbar gewollt.

Aber gehen wir nicht genau deshalb ins Theater?

Alice Matheson

 

 

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