Joseph Haydn: Die Schöpfung • Theater Basel • Premiere: 22.04.2023
«Die Schöpfung» nicht umsonst
Das Theater Basel bietet eine Weltklasse-Aufführung von Haydns «Die Schöpfung». Aber nicht «umsonst».

Foto © Theater Basel
Das Theater wird an diesem Abend zur moralischen Anstalt und um intellektuell, moralisch und emotional auf das Publikum einzuwirken, arbeitet Regisseur Thomas Verstraeten (Inszenierung und Bühne) mit Verfremdungseffekten. Und diese Verfremdung geschieht durch Inklusion in verschiedenster Weise:
Inklusion # 1: Der erste Teil des Abends findet im Foyer statt und das Publikum steht dabei. Es wird die Welt ausserhalb der Theaterbühne und der dort üblichen Verhaltensmuster in die Aufführung mit einbezogen.
Inklusion # 2: Im ersten Teil des Abends erklingt, vor der «erwachsenen» Schöpfung (so formulierte es die Dramaturgin in der Einführung), eine Kurzfassung (Arrangements Schöpfung im Foyer: Daniel Brenner). Diese Kurzfassung findet auf einer traditionellen Guckkastenbühne mit traditionellen Kostümen (Kostüme: Sietske Van Aerde) und traditionellen Theatermitteln statt.
Inklusion # 3: Die Kurzfassung der Schöpfung bestreiten Gymnasiasten der Gymnasien in Muttenz und Oberwil, die mit diesem Projekt ihr 50-jähriges Jubiläum feiern. Der Kreis der Mitwirkenden wird als über die «üblichen Verdächtigen» hinaus erweitert.
Inklusion # 4: Während der Aufführung im grossen Saal schwärmen die SchülerInnen in die Stadt aus und senden mit ihren Handys aufgezeichnete Clips zurück ins Theater, die im «Sendezentrum» auf der Bühne aufbereitet und auf die Gross-Leinwand übertragen werden. Die Welt ausserhalb der Theaterbühne und der dort üblichen Verhaltensmuster wird nun nochmal, aber auf andere Weise, in die Aufführung miteinbezogen.
Inklusion # 5: In der ersten Fassung gibt es «nur» einen Menschen, noch kein Adam und Eva. In der Aufführung auf der Hauptbühne lassen sich in den Clips der Schüler langsam Adam und Eva erkennen. Es sind zwei Gymnasiastinnen, die die Liebe des ersten Menschenpaares, wenn es dann zur Sache geht, unerwartet deutlich illustrieren. Es werden also die verschiedensten sexuellen Orientierungen inkludiert.
Inklusion # 6: Während des dritten Teils geht, während des gemeinsamen Frühstücks von Adam und Eva, die Sonne auf. Zum Duett von Adam und Eva setzen sich die Sänger an deren Tisch. Ein Vorhang ist hochgegangen und gibt die Sicht auf das Teenagerzimmer auf der Bühne frei. Zum Schlusschor wird dieses Zimmer nach oben gezogen. Die Grenzen zwischen den Welten beginnt zu verschwimmen. Was ist Realität, was ist Fiktion? Letztlich wird die Welt des Theaters und der Bühne eins.
Inklusion # 7: Zur Warnung Uriels («O glücklich Paar, und glücklich immerfort/wenn falscher Wahn euch nicht verführt/noch mehr zu wünschen, als ihr habt/und mehr zu wissen, als ihr sollt!») und zum Schlusschor bewegt sich eine grosse Anzahl Schüler von der Hinterbühne auf das Publikum zu. Die Schüler werden in die Aufführung im Grossen Haus inkludiert. Und wieder verschwimmen die Grenzen.
Fazit: Dem Regisseur ist mit diesen Verfremdungen eine hochklassige szenische Umsetzung der Schöpfung gelungen. Sensibel stellt er das Thema der gesellschaftlichen Vielfalt zur Diskussion. Stellvertretend für die Vielzahl der Mitwirkenden in Schulorchester, Engelschor, Schlusschor und als Solisten seien Natalia Kujawa und Noémi Müller als Eva und Adam genannt und Ihnen die ungeteilte Bewunderung für ihre grossartige Leistung ausgedrückt.
Das La Cetra Barockorchester Basel unter musikalischer Leitung von Jörg Halubek macht den Abend zum musikalischen Ereignis. Haydns Partitur wird hoch konzentriert mit seidigem Klang und idealer Dynamik umgesetzt. Die zahlreichen lautmalerischen Passagen kommen mit grösster Plastizität zur Geltung. Chor und Extrachor des Theater Basel, vorbereitet von Michael Clark, zeigen sich mit homogenem Klang und
Mit Álfheiður Erla Guðmundsdóttir als Gabriel, Ronan Caillet als Uriel und Alex Rosen als Raphael sind drei Solisten versammelt, die ideal harmonieren, mit grossem Wohlklang und vor allem sensationeller Textverständlichkeit das Publikum zu begeistertem Applaus animieren.
Absolute Empfehlung: Ein Muss!
Weitere Aufführungen:
Mi. 26.04.2023, 19:30; Fr. 28.04.2023, 19:30; So. 30.04.2023, 18:30; Di. 02.05.2023, 19:30;
Do. 04.05.2023, 19:30; So. 14.05.2023, 16:00; Mo. 05.06.2023, 19:30; Di. 13.06.2023, 19:30;
Do. 15.06.2023, 19:30; Sa. 17.06.2023, 19:30.
23.04.2023, Jan Krobot/Zürich

