Theater Basel: Bartók: «Der wunderbare Mandarin/Herzog Blaubarts Burg» – Pr. 3.12.2022

Szene aus «Der wunderbare Mandarin», Foto: Matthias Baus
Wer Béla Bartóks einzige Oper auf den Spielplan bringt, sieht sich sofort mit der Frage konfrontiert, womit man denn den Abend komplettieren könnte. Der neue Basler Chefdirigent Ivor Bolton und Regisseur/Choreograph Christof Loy waren sich einig, dass man bei Bartók bleiben sollte, und haben sich für die einaktige Tanzpantomime «Der wunderbare Mandarin» des ungarischen Komponisten entschieden. Eine gewagte Wahl, löste doch die als unmoralisch angesehene Story bei seiner Uraufführung 1926 in Köln (bei der ebenfalls Blaubarts Burg gespielt wurde) einen handfesten Skandal aus und wurde sofort abgesetzt: Eine junge Frau (Carla Pérez Mora) wird von drei Zuhältern zur Prostitution gezwungen, deren Freier dann von diesen ausgeraubt werden. Ein Fremder erscheint, der die Menschen in seinen Bann zieht. Auf drei Arten versuchen die Zuhälter, den «Mandarin» (Gorka Culebras) zu töten, aber erst als das Mädchen Mitleid mit ihm hat, stirbt er.
Die kompromisslose Atonalität, der höllisch-schraffe Klang im Stil eines zum Exzess gebrachten Schönberg ist nichts für schwache Nerven. Die Regie hat sich dann auch übertan mit den expliziten Sexszenen in einer kaputten Telefonkabine und in den Tötungsversuchen, die eher wie grausame Foltersitzungen anmuten. Meine Begleitung aus dem Nahen Osten hielt das jedenfalls nicht aus und verliess das Theater.
Beinahe, um dies wieder gutzumachen, als musikalische Katharsis, wird noch der erste Satz der «Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta» hinterhergeschoben, die Béla Bartók immerhin für Paul Sacher und das Basler Kammerorchester komponiert hatte. Begleitet wird die Musik durch die Tanzerzählung «Auferstehung» von Christof Loy, wo Mädchen und Mandarin erleben, dass Liebe stärker ist als der Tod.
Die Dame an der Kasse hatte in der Pause dennoch einiges zu tun, die Verlassungswilligen zum Umkehren zu bewegen. Diejenigen, die ihrem Rat folgten, wurden aber belohnt.
Wie vor dem Mandarin spricht Nicolas Franciscus einen ungarischen Prolog, was die beiden Teile zusammenschweissen soll.

Evelyn Herlitzius, Christof Fischesser, Foto: Matthias Baus
Aus Liebe zieht Judith in Herzog Blaubarts feucht-schaurige Burg. Evelyn Herlitzius scheint die ungarische Sprache zu liegen, auf die Bartók seine Musik zugeschnitten hat, trotz der ungewohnten Abfolgen von offenen und geschlossenen Vokalen. Ihre Stimme ist eher schrill, passt hier aber bestens. Der deutsche Bass Christof Fischesser als Blaubart hat weit weniger zu singen, da er auf die drängenden Fragen Judiths anfänglich nur einsilbige Antworten gibt, seine warme Stimme, ausgezeichnete Diktion und sein makelloses Spiel hinterlässt aber fast den grösseren Eindruck.
Für die Öffnung der 7 Türen der Burg hatte Bartók schon im Libretto klare Klangfarben vorgegeben: Die Folterkammer hinter der ersten Tür leuchtet rot, das Xylophon lässt die klirrenden Folterinstrumente und Ketten erahnen. Die strahlenden Blechbläser tauchen die Waffenkammer hinter Tür 2 in rötlich-gelbes Licht. Die Schatzkammer hinter Tür 3 erstrahlt in D-Dur, der flirrende Sopranton Judiths lässt einen Gold und Silber erahnen. Die blau-grüne Wiese hinter Tür 4 bereitet den Weg für den musikalischen Höhepunkt hinter Tür 5: Beim Anblick seiner Ländereien darf Blaubart auch endlich in Dur singen, das volle Orchester mit Orgel lässt weisses Licht erstrahlen. Hinter Tür 6, dem See der Tränen, erkennt Judith langsam die grausame Realität, die hinter Tür 7 erscheint: Blaubarts frühere Frauen müssen als Morgen, Mittag und Abend ihr Dasein fristen, Judith wird zur Königin der Nacht, als sie sich einreiht, sind wir wieder beim Fis Moll angekommen.
Leider überlässt das Bühnenbild (Márton Ágh) dies völlig unserer Fantasie. Keine Farben, ja nicht einmal Türen. Die schaurige Burg ist eher eine nüchterne Pfahlbausiedlung, hier hätte man doch mit wenig Aufwand die Klangfarbenwelt Bartóks auferstehen lassen können.
Vom Sinfonieorchester Basel wird an diesem Abend Höchstleistung gefordert, die es auch abliefert. Musikalisch gesehen jedenfalls ein Erfolg.
Alice Matheson

