Theater Basel: Wagner: «Das Rheingold», Pr. 9.9.2023

Photo: © Ingo Höhn
Die Geschichte des Rings des Nibelungen wird als Rückblende von Brünnhilde erzählt: Ihre Stimme aus dem Off nimmt das katastrophale Ende voraus, beginnend mit der letzten glücklichen Familienszene, an die sie sich erinnern kann: Zum 5. Geburtstag des kleinen Siegfried ist sich Opa Wotan nicht zu schade, ein Puppentheater samt Kröte und Drachen aufzufahren. Wie konnte nur alles so schiefgehen?
Walhall – eigentlich fertiggebaut – wird als Penthouse-Rohbau dargestellt, als sei Wotan dann trotz des tragischen Handels mit den Riesen das Geld ausgegangen. Ebenso nackt die kahle Weltesche, alles vor schwarzem Hintergrund (Bühne: Natascha von Steiger). Die Kostüme (Katrin Lea Tag) sind (vielleicht etwas zu) alltagstauglich, einzig Wotans Fellmantel versprüht einen Hauch von Göttlichkeit.
Auch die Rheintöchter werden als Stabpuppen umhergeschwenkt, während ihre Stimmen (Inna Fedorii, Valentina Stadler und Sophie Kidwell) in schwarzen Kostümen danebenstehen. Die Puppen sind durchaus beeindruckend, aber wird den Szenen, wie die drei ihren Spass mit Alberich treiben, so ihre Interaktivität genommen.
Dieser (Andrew Murphy wurde als indisponiert «mit Schleim» angekündigt, deshalb vielleicht etwas zu wenig dämonisch in seiner Fluchszene), hält grandios durch (auch als einer seiner Auftritte durch einen Feuerausbruch unter der Bühne verzögert wird), und trottet im Laufe des Abends tatsächlich als fette Kröte durch die Szenerie.
Der Abend gehört aber Nathan Berg als Wotan: Der gewalttätige Überpatriarch mit ständigen Geldsorgen, der einerseits versucht, den Clan mit unlauteren Deals über Wasser zu halten, anderseits ständig um seine Machtposition (auch innerhalb der Familie) kämpfen muss, der Macho, der nur vor seiner Gattin Fricka Schiss hat: Nathan Berg singt den Wotan manchmal etwas schludrig, aber man nimmt ihm den Scheissjob als Göttervater jede Sekunde ab.
Ihm gegenüber avanciert der aalglatte Loge (Michael Laurenz) mit seiner überklaren Diktion und seinem wuseligen Charme zum Publikumsliebling.
Solenn’ Lavanant-Linke als Fricka findet das perfekte Mass zwischen ihrer schönen Stimme und der Rolle der keifenden Ehefrau. Deren Schwester Freia (Lucie Peyramaure) steht ihr nicht nach.
Hervorragend auch Thomas Faulkner als Fasolt und Runi Brattaberg als Fafner, besonders positiv hervorzuheben ist Karl-Heinz Brandt als Mime. Auch Ronan Caillet als Froh und Michael Borth als Donner machen ihre Sache ausgezeichnet. Die Besetzung der 80jährigen Hanna Schwarz als Erda kann als Hommage an diese wundervolle Sängerin gewertet werden.
Wagners Vision und dem Bayreuther Festspielhaus zu Ehren spielt das Orchester aus dem Untergrund unter der Bühne. Stardirigent Jonathan Nott macht seinem Ruf alle Ehre, aber die Akustik des grandios aufspielenden Sinfonieorchester Basel war – zumindest in den ersten Reihen –nicht optimal, vielleicht aber in ihrem dunklen unterweltigen Ton durchaus im Sinne des Komponisten. Dafür waren die Stimmen aber für einmal glasklar, und wirklich jedes Wort zu verstehen (da brauchte man die sehr vereinfachten englischen «Übersetzungen» gar nicht…).
Obwohl Brünnhildes Kommentare den Fluss der Oper etwas stören, geht das Konzept von Benedikt von Peter (Regie) und Caterina Cianfarini (Co-Regie) Konzept, die vier Opern als soap opera in 4 Teilen zusammenzubinden durchaus auf (und Wagner mit seinen vorausweisenden und rückbeziehenden Leitmotiven ist da einfach subtiler). Lediglich die Ausführung ist etwas verwirrend: Wenn am Schluss Siegmund depressiv herumhockt (wie bei Brünnhilde muss dafür die Originalbesetzung herhalten), während der kleine Siegfried im Wolfsfell mit seinen Puppen herumrennt, oder Wotan es auch schon mal mit den Nornen treibt: Nicht-Wagnerianer sind da manchmal etwas verloren. Und die anderen auch.
Basel feiert die Neuinszenierung (die Walküre folgt eine Woche danach) mit einem mehrwöchigen Ring-Festival mit zahlreichen Produktionen und Aktivitäten, an dessen Beginn eine Prozession mit Rheinwasser vom Rhein zum Theater stand. Es lohnt sich also durchaus, nächstens ins Schweizer Mini-Bayreuth zu pilgern.
Alice Matheson

