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BASEL/ Theater: CARMEN – Handlungsballett von Johan Inger

21.02.2019 | Ballett/Tanz

Basel/Theater Basel: Carmen- Handlungsballett von Johan Inger

Besprochene Vorstellung: 20.02.2019

Der schwedische Choreograph Johan Inger bringt den berühmten Stoff der Novelle von Prosper Mérimée, zusammen mit der Musik von Goerges Bizetauf die Bühne. Carmen ist jedem Schauspiel-und Opernbegeisterten durchaus ein Begriff, jedoch wirft es im Bezug zum Ballett doch die eine oder andere Frage auf- kann das denn funktionieren? Ja, natürlich kann es das. Und das tut es auch in der gelungenen Produktion des Theater Basel.

Inger choreographiert das Handlungsballett um die nymphomanische Carmen wie ein spannungsgeladener Thriller auf psychischer Ebene, indem er sich auf die Kleinigkeiten konzentriert und das Geschehen auf das Wesentliche karg und unbarmherzig hinunterbricht. Die Tänzerinnen und Tänzer spielen ihre Rollen tanzend auf eine sehr ausdruckstarke Weise. Inger kreiert Bewegungen, welche sofort einer Emotion zugeordnet werden können, auch wenn diese Bewegungen in der Realität in einem anderen Kontext vorkommen. Diese natürliche Selbstverständlichkeit erlaubt es dem Publikum, sich von den Tänzerinnen führen zu lassen und stets zu wissen, was in den Köpfen der Charaktere vorgeht. Besonders ergreifend fällt die Szene aus, als Don José, zerrissen von seiner Eifersucht, auf Carmen einschlagen möchte, in einer „Freeze-Position“ verharrt und durch veränderte Lichtstimmungen und Musik ein emotionaler Tanz zwischen Carmen und Don José beginnt, welcher seine innersten Wünsche nach Frieden und Liebe offenbart, bis die Szene in der vorherigen bedrohlichen „Freeze-Position“ endet. In der Rolle der Carmen ist Debora Maiques Marin und als Don José Max Zachrisson zu erleben. Nicht nur die zwei Protagonisten begeistern mit ihrem Ausdruck und der physischen Ästhetik ihres Körpers. Javier Rodriguez Cobos überzeugt als anmutiger Torero. Piran Scott tanzt Josés Widersacher Zuniga und Alba Carbonell Castillo gibt das unschuldige, imaginäre Kind, welches die Handlung beginnt und die Protagonisten auf ihrer Reise beobachtet.

Bildergebnis für basel carmen inger
Max Zachrisson
in der Rolle des Don José zusammen mit Debora Maiques Marin als Carmen. ©Lucian Hunziker

Das Bühnenbild, bestehend aus mehreren identischen Bühnenelementen, welche flexibel verschoben und gedreht werden können, hilft der Choreographie sehr. Auch hier gilt: aus dem Minimum wird das Maximum herausgeholt. Für das Bühnenbild ist Curt Allen Wilmer verantwortlich. Das stimmige Lichtdesign stammt von Tom Visser. Ebenfalls sehr schlicht aber sehr passend sind die Kostüme von David Delfin. Auf jeglichen Pomp und Kitsch wird verzichtet. Die Kostüme nehmen zusätzlich spannende Rollen in der Choreographie ein, da manches An-und Ausziehen fliessend in den Tanz eingewoben ist.

Musikalisch gesehen ist der Abend ebenfalls sehr interessant und ungewöhnlich. Als das Orchester mit der Ouvertüre beginnt, sind eigenartige Marimba-Töne zu hören, welche die Melodie haben. Dies ist doch gewöhnungsbedürftig, wenn man das gängige Vorspiel von Goerges Bizet in den Ohren hat. So ist doch manche scheinbar bekannte Stelle im Verlauf des Abends völlig neu und wirkt wie zum ersten Mal gehört. Dies liegt daran, dass Rodion K. Schtschedrin Bizets Musik zu einer Ballettmusik arrangierte. Zudem komponierte Marc Àlvarez in das Stück eingefügte Eigenkompositionen, welche über die Lautsprecher das Orchester ablösten. Mit elektronischen Basstönen und den darin auftauchenden Motiven von Bizets Musik aus seiner Carmen, sind diese Musikalischen Neukompositionen alles andere als störend. Nur schade, dass das leidenschaftlich spielende Sinfonieorchester Basel (SOB) unter der hervorragenden musikalischen Leitung von Thomas Herzog oft von diesen Eigenkompositionen abgelöst wird, denn man hätte den Klängen des SOB gerne ununterbrochen gelauscht.

Ein rundum gelungener Ballettabend, welcher das Ausverkaufte Haus mehr als rechtfertigt. Das Publikum bedankt sich mit herzlichem Applaus und Jubelrufen, welche sich alle Beteiligten redlich verdient haben.

Philipp Borghesi

 

 

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