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BASEL/Theater Basel: Ballett GISELLE – (Choreographie Pontus Lidberg, Musik Adolphe Adam). Premiere

10.11.2022 | Ballett/Tanz

BASEL: Ballett Theater Basel: Giselle (Choreographie Pontus Lidberg, Musik Adolphe Adam) – Pr 4.11.2022

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Photo: Ingo Höhn

Der Ballettklassiker schlechthin mit modernem Anstrich: Herzog Albrecht wurde zurückgestuft auf ein Mitglied der Oberschicht und das Bauernmädchen Giselle ist eine Putzhilfe mit Migrationshintergrund. Was bleibt, ist eine tragische Liebesgeschichte über Klassengrenzen hinweg, die aber am Klassenunterschied scheitert, der nicht überwunden werden kann. Albrecht steht zu seiner standesgemässen Verlobten Bathilde (Celia Sandoya), Giselle bringt sich um.

Berühmt ist das Ballett vor allem für seinen zweiten “weissen” Akt in der Tradition der romantischen französischen Ballettstücke wie Schwanensee und La Sylphide. Statt Schwänen schweben hier die Wilis herum: Elementargeister, nach Heinrich Heine Bräute, die vor der Hochzeit gestorben sind und deshalb auf ewig Männer «in den Tod tanzen».

Choreograph Pontus Lidberg hat aber auch eigene Ideen: So ist Giselles Verlobter Hilarion (Daniel Rodriguez Domenech) hier ihr patriarchaler Onkel, der sie offensichtlich eher bewacht als begehrt, ausserdem stellt er Giselle zwei Schwestern an die Seite, die in den früheren Versionen nicht vorkommen. Der grösste Unterschied zu den Standardchoreografien ist aber natürlich der völlige Verzicht auf Spitzentanz (inzwischen lebt man in Basel schon eine ganze Generation ohne) und die ganz eigene Tanzart, nicht so extrem wie in der Version von Richard Wherlock 2011, aber doch wird hier viel am Boden gewälzt, umhergeschwenkt, verknotet. Die Bewegungen sind interessant und ansprechend, funktionieren aber praktisch nur als Paar, wo man die verschlungenen Hebebewegungen variieren kann, als Solo wirkt der Tanzstil schnell langweilig.

Giselle (Serena Landriel) – durch Albrechts (Max Zachrisson) Zurückweisung von Sinnen (die Wahnsinnszene aus Lucia di Lammermoor mag hier inspiriert haben) – wird nach ihrem Selbstmord in die geisterhafte Parallelwelt der Wilis aufgenommen, dazu verdammt, Männer in ihren Bann zu ziehen. Bald fällt diesen Wesen Hilarion zum Opfer. Auch Albrecht soll von Giselle «zu Tode getanzt» werden, doch entwickelt sich ein berührender Tanz der Liebe, bei dem Albrecht aber durch Giselles hölzernes In-sich-Zusammenfallen bald erkennt, dass er nur noch einen Leichnam in den Armen hält. Mit Abstand die beste Szene des Abends.

Die ganze «Geisterstunde» scheint hier ein Produkt von Albrechts schlechtem Gewissen, immer wieder sieht er seine Braut sterben, sein Trauma wird durch die Multiplizierung der sterbenden Giselle noch verstärkt.

Die Bühnenbilder hat der Choreograph gleich selbst erfunden: Grossformatige schwarz-weisse Fotografien von Alltagsgegenständen mit etwas zu offensichtlichem symbolischen Gehalt, so bei Albrecht ein prunkvoller Leuchter, Geschirr bei Giselle, später auch eine Lilie, die sowohl als Braut- als auch als Todesblume dienen kann.

Das herrlich aufspielende Symphonieorchester Basel, dirigiert von Thomas Herzog, ist ein weiterer Grund, sich die sehr ansprechende Neubesetzung dieser 2012 in Genf uraufgeführten Version anzuschauen.

Alice Matheson

 

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