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BASEL/ Theater: AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY von Bert Brecht/ Kurt Weill

03.09.2025 | Oper international

Theater Basel: Brecht/Weill: «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny» – Pr 28.8.2025

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© Ingo Höhn

Dass sich das Theater Basel zum Saisonauftakt etwas ganz Besonderes einfallen lassen würde, schwante dem Besucher schon lange vor dem Theaterabend, hatte es doch 5 Gesetze verschickt: Du darfst Teil von Mahagonny sein, du darfst Schnäppchen jagen, du darfst dich frei bewegen, du darfst fernsehen, du darfst auf die Bühne.

Wer sich durch diese Warnung von einem Besuch nicht abhalten liess, wurde schon vor dem Eingang zum genau 50 Jahre alten Theater-Neubau (auch damals gab es Brecht) daran erinnert, trieben sich doch auffällig viele vermeintliche Theaterbesucher in gar bunten Kleidern und Perücken an der eigens auf dem Theaterplatz aufgebauten Mahagonny-Bar herum.

Der erste Akt fand denn auch bereits im Foyer des Theaters statt (die Idee ist allerdings auch schon 50 Jahre alt), wobei die Handlung mit einer Kamera live gefilmt und auf verschiedene Leinwände übertragen wurde.  Umringt also von seltsam gekleideten Kreaturen, die einen zum Mit-Verkleiden, Mit-Tanzen und Mit-Saufen von Mahagonny-Sekt animierten, wurde auch dem Uneinsichtigsten bald klar: Man war nicht mehr Besucher, sondern Teil des Ensembles.

Spätestens als die Hurrikanwarnung die inzwischen recht homogene Masse an Publikum und Schauspielern in den «Schutzbunker» (den eigentlichen Theaterraum) befahl, die dort Angekommenen mit «bringen Sie sich in Sicherheit» von den abgedeckten Sitzreihen auf die Bühne getrieben wurden, und die bunte Menschenmischung sich auf den vorsorglich auf der Bühne ausgelegten Matratzen breitmachte, waren auch die spielresistentesten Zuschauer Teil von Mahagonny.

Schauspielerisch bleibt vor allem Jasmin Jorias als Witwe Begbick im Gedächtnis, mit ihrer böse-schnoddrigen clownesken Stimme und einer Präsenz wie Hella von Sinnen. Sie ist es, die – als ihr Auto zusammenbricht – mit Fatty (Ronan Caillet) und Dreieinigkeitsmoses (Andrew Murphy) die «Netzestadt» Mahagonny in der Wüste gründet, eine Art Ur-Las Vegas.

Auch 4 Holzfäller aus Alaska hat die Netzestadt eingefangen: Sparbüchsenbilly, Alaskawolfjoe, Jack und Jim Mahoney (charismatisch: Rolf Romei), der sich alsbald in die Prostituierte Jenny (Solenn’ Lavanant Linke: hervorragend vielschichtig im Alabama-Song) verliebt. Doch die Krise macht auch vor Mahagonny nicht halt, auch die sinkenden Whiskey-Preise können den Exodus nicht aufhalten. Im Bunker erfindet Jim schliesslich einen neuen Werbeslogan für die Stadt: Statt «Hier ist verboten…» heisst es nun «Du darfst!» – zu allem. Nur kein Geld zu haben, wird mit der Todesstrafe bestraft.  

Der Hurrikan verschont die Stadt, und nun fallen sämtliche Schamgrenzen: Fressen, Huren, Boxen und Saufen sind nun die einzigen Richtlinien, mit tödlichen Folgen: Jack überfrisst sich, Joe wird im Boxkampf getötet, Jim verwettet sein ganzes Geld, wird festgenommen und schliesslich – gemäss seinem eigenen Gesetz – zum Tode verurteilt. Als Gott die Stadt besucht, haben die Einwohner weder Angst noch Ehrfurcht: «Wir sind schon in der Hölle!» schallt es ihm entgegen. Mahagonny endet im Chaos gegnerischer protestierender Gruppen, geht an ihrer Anarchie, Moralumwertung, Gesetzlosigkeit unter.

Die Inszenierung von Benedikt von Peter lädt aber nicht nur zum Mitmachen ein, sie macht uns auch mitverantwortlich, ja mitschuldig an der Gier, dem Exzess und schliesslich der Selbstvernichtung (einen Hurrikan braucht es dazu gar nicht).

Die Oper mit 20 Musiknummern rast quer durch alle Genres, ein wilder Mix von E- und U-Musik, mit einigen ironischen Zitaten (z.B. aus dem Freischütz), exotische Instrumente wie das Banjo und die Hawaii-Gitarre tun ihr Übriges. Der unruhige punktierte Leit-Rhythmus, der vielen Stücken zu Grunde liegt, weckt ein Gefühl der Unruhe, der Unkorrektheit, der Problemhaftigkeit. Trotz schwieriger Akustiksituation: Stefan Klingele hat das Orchester Basel ebenso im Griff wie Michael Clark den Chor.

In einer Zeit, in der Kapitalismus in vielen Teilen der Welt zum Darwinismus wird, wo es fressen oder gefressen werden heisst, wo Liebe meist nur eine Ware ist und Armut praktisch das Todesurteil bedeutet, kommt man zur Erkenntnis:

Brecht ist immer noch so relevant, dass es wehtut.

Alice Matheson

 

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