Basel: Stadtcasino – Sinfonieorchester Basel (SOB) – “Summertime – Livin’ is easy” – Indira Mahajan (Sopran), Alison Buchanan (Sopran), Ronald Samm (Tenor), Hawkins Gordon (Bariton) – Chor des Theater Basel, Basler Madrigalisten – Wayne Marshall (Leitung)
(besuchte Aufführung) 15. und 16. April 2026
«Porgy and Bess» – Gershwins Groove

Gordon Hawkins, Indira Mahajan, Wayne Marshall, Ronald Samm, Alison Buchanan, Sinfonieorchester Basel, Chor des Theater Basel, Basler Madrigalisten (Foto: Betina Matthiessen)
Konzertante Oper ist etwas ganz Besonderes: Sie ermöglicht dem Publikum sich voll und ganz auf Musik und Text des Werks einzulassen, ohne dabei von einer Inszenierung abgelenkt zu werden. Zweifellos visualisieren szenische Aufführungen die Geschichte, transferieren sie vielfach (manchmal mehr und manchmal weniger geglückt) in die heutige Zeit und zeigen die Bedeutung des Werkes «im Heute» auf. Und das ist auch gut so. So manche «klassische» Oper erstrahlt heute mit erschreckender Aktualität.
Bei einer konzertanten Aufführung eröffnet sich dem Publikum die Gelegenheit, Musik und Text des Werkes für sich neu zu entdecken oder zu erschliessen – und dabei eigene Bilder zu kreieren. Wichtig, denn diese sind oft die nachhaltigsten, sie stehen denjenigen von Bühne und Film an Intensität um nichts nach.
Und so tauchen wir im jüngsten Konzert des Sinfonieorchesters Basel (SOB) ein in das musikalische Universum von George Gershwins Oper «Porgy and Bess», welche der Komponist als Auftragswerk der Metropolitan Opera New York von 1924 bis 1935 umsetzte – elf Jahre intensive Auseinandersetzung und Arbeit an dem Stoff nach dem Roman «Porgy» – von einer wahren Begebenheit inspiriert – von Edwin DuBose Heyward aus South Carolina. Gershwins Bruder Ira schuf das Libretto der Oper.
Es ist einerseits die Geschichte des handikapierten Bettlers Porgy, welcher mit Bess, dem «Mädchen» des brutalen Hafenarbeiters Crown, zusammenkommt, diesen im Streit umbringt, dafür ins Gefängnis kommt und nach seiner Entlassung feststellen muss, dass Bess inzwischen dem Drogendealer Sportin’ Life nach New York gefolgt ist. Verzweifelt folgt Porgy seiner geliebten Bess nach New York – Ausgang offen …
Andererseits ist Gershwins Oper auch ein Sittengemälde des krisengeschüttelten, von Armut, Arbeitslosigkeit, Gewalt, Alkohol und nicht zuletzt Rassismus geprägten Alltags in (mittlerweile nicht nur) Amerika.
In «Porgy and Bess» integriert Gershwin Jazz-Musik, die «amerikanische Antwort «auf die «klassischen» europäischen Musik. Jazz beruht ja eigentlich stark auf Improvisation. Für seine Oper musste George Gershwin eine Partitur notieren – eine musikalische Konfliktsituation. Und das ist in der Umsetzung wohl nicht immer ganz einfach.
«Man muss seine (Gershwins) Musik fühlen», so Dirigent Wayne Marshall im Interview mit dem «Magazin» des SOB. «Ich fordere die Musiker*innen auf, sich nicht so exakt an die Noten zu halten und zum Beispiel Tonlängen zu verändern. Das Entscheidende ist der Groove!»
Der Maestro weiss, wovon er spricht – er ist einer der Gershwin-Experten schlechthin. Er hat die abendfüllende Oper in eine mitreissende Konzertfassung von 90 Minuten gewandelt – die Spiritual-, Blues- und Jazzelemente kommen dabei voll zum Tragen und verfehlen ihre Wirkung auf die Zuhörenden nicht. Das Sinfonieorchester Basel versteht – besser: fühlt – bestens, was es zu tun hat, und liefert «Gershwin-Groove» vom Feinsten. Eher «europäisch-klassisch» zurückhaltender agieren da der Chor des Theater Basel und die Basler Madrigalisten, welche mit choralischem Schönklang berühren und gefallen.
Wie schon Gershwin bei der Uraufführung, besetzt auch Wayne Marshall die Solorollen mit People of Color. «Ich denke nicht so viel über die politische Dimension nach. Mir geht es um den Willen des Komponisten und um den richtigen Sound. Meine Eltern haben mir das Gefühl mitgegeben, genauso zu sein, wie alle anderen. Ich sehe mich nicht als schwarz oder weiss – ich bin Wayne, that’s it. Wir sind alle gleich auf diesem Planeten», so Wayne Marshall im Interview. Und damit ist alles gesagt – Punkt.
Die aufführenden Sängerinnen und Sänger liefern allesamt mitreissende Leistungen. Ihre Freude und Leidenschaft für Gershwins Musik ist jederzeit spürbar. Indira Mahajan (Sopran), Alison Buchanan (Sopran), Ronald Samm (Tenor) und Gordon Hawkins (Bariton) bilden eine Traumbesetzung für Gershwins wunderbare Oper. Mit kleinen szenischen Elementen verstärken die Aufführenden die Wirkung ihrer Darbietungen.
Langer, jubelnder Applaus und Standing Ovations für diesen konzertanten Opernabend! Prädikat: Outstanding!
Michael Hug

