Basel: Stadtcasino – Sinfonieorchester Basel (SOB) – “Märchenhaft” – Patricia Kopatchinskaja (Violine) – Pekka Kuusisto (musikalische Leitung) – und das Konzertpublikum (!) 04.03.2026
Ein zauberhafter musikalischer Märchenabend!
In Märchen gibt es bekanntlich nicht nur für Kinder viel zu entdecken. Daher verwundert es nicht, dass das Sinfonieorchester Basel (SOB) seinen jüngsten Konzertabend unter das Motto «Märchenhaft» stellt, denn das Programm bietet die Gelegenheit viel Neues zu entdecken und ist ziemlich weit davon entfernt, im engeren Sinn als «herkömmlich» zu gelten. Nicht nur das Programm, unter anderem mit Werken zweier neuzeitlichen Komponistinnen der «jüngeren» Generation, sondern auch die Aufführenden versprechen einen facettenreichen Abend der speziellen Art: Mit Patricia Kopatchinskaja an der Violine und Pekka Kuusisto am Pult sind aufregende Hörerlebnisse voller Impulse garantiert!
In ihrer Komposition «The Rapids of Life (2023)», welche heuer als Schweizer Uraufführung erklingt, verarbeitet die finnische Komponistin Outi Tarkiainen die eigenen Erfahrungen bei der Geburt ihres Sohnes, welche sie wie wuchtige Stromschnellen (= «Rapids») des Wassers erlebte. Die Klänge schwellen als gewaltige Wellen an und ab. In die gewaltigen Wogen mischen sich vereinzelt einzelne Instrumente mit musikalischen Fragmenten. Die intensive Interpretation der faszinierenden Komposition durch das Sinfonieorchesters Basel unter Pekka Kuusisto machen die «Rapids» spür- und erlebbar.

Feuer und Flamme: Patricia Kopatchinskaja, Pekka Kuusisto, Sinfonieorchester Basel (Foto: Bettina Matthiessen
Patricia Kopatchinskaja nimmt unter den Violinistinnen zweifellos eine Ausnahmestellung ein. Ihr Feuer und ihre Leidenschaft für ihr Instrument und die Musik sind nicht zu bremsen. Sie kennt ihre Geige in- und auswendig – mehr noch: bei ihrem Spiel scheint sie mit ihrer Violine zu verschmelzen. Traditionsgemäss betritt die Künstlerin mit erhobener Violine und Partitur das Podium und zeigt damit unmissverständlich, dass sie dem Instrument und dem Werk dient – und nicht umgekehrt.
Dass Patricia Kopatchinskaja an diesem Abend unter der musikalischen Leitung von Pekka Kuusisto auftritt, ist ein doppelter Gewinn – denn der Dirigent ist bekanntlich von Haus aus selbst ein grossartiger Violinist (auch schon in Basel) – das gegenseitige Verständnis zwischen der Solistin und dem begleitenden Orchester ist somit weit mehr als nur gewährleistet.
Bei Béla Bartoks «Konzert für Violine und Orchester Nr. 1, Sz 46 (1908)» kann Patricia Kopatchinskaja sämtliche Facetten ihrer Kunst ausleben und ausspielen. Leidenschaftlich und ausdrucksstark mit tiefer innerer Ruhe zelebriert die Künstlerin den meditativen ersten Satz des Konzertes. Mit absoluter Reinheit zaubert sie die hohen leisen Noten und zieht das Publikum in ihren Bann. Voller Energie, Kraft und schier überbordendem Temperament setzt sie den zweiten Satz um, musiziert dabei immer differenziert. An einigen Stellen dreht sich die Solistin zum SOB und spielt ihm einen Ton zur Übernahme zu oder übernimmt im umgekehrten Fall den Ton aus dem Klangkörper zur Weiterführung. Die musikalische Einheit zwischen der Solistin und dem Orchester gelingt perfekt.
Als Zugabe hat sich Patricia Kopatchinskaja etwas ganz Besonderes ausgedacht: Béla Bartok hat sein erstes Violinkonzert der Geigerin Steffi Geyer, in welche er unsterblich verliebt war, gewidmet. Die junge Dame hat das Werk jedoch schubladisiert und nie gespielt. Im letzten Satz des Konzerts erklingt, eigentlich vollkommen losgelöst vom restlichen Werk, ein deutscher Gesellschaftskanon mit dem Text «Der Esel ist ein dummes Tier, was kann der Elefant dafür». Wie Patricia Kopatchinskaja einführend erzählt, hat Bartok diesen Kanon oft mit Steffi Geyer und deren Bruder gesungen. Mit dem Text wollte Bartok (vermutlich) seinen Frust darüber ausdrücken, wie er sich so unsterblich in Steffi verlieben konnte.
Es kommt, was kommen muss: Frau Kopatchinskaja studiert mit dem Konzertpublikum den Kanon vierstimmig ein – es gelingt! – und stellt somit ihre zusätzliche Fähigkeit als Chorleiterin unter Beweis – der ganze Saal singt und wird dabei vom SOB begleitet! Wun-der-bar!
Nach der Pause erklingt das «Entr’acte für Streichorchester», welches die amerikanische Komponistin Caroline Shaw 2014 schuf. Die Komponistin versetzt damit Joseph Haydns letztes Streichquartett in die heutige Zeit. Musikalische Harmonie und Dissonanz werden darin geschickt kombiniert. Den Streicherinnen und Streichern des SOB gelingt eine fein differenzierte, technisch ausgezeichnete Aufführung des zwölfminütigen Werks. Feinste Piani, äusserst präzise Pizzicati faszinieren die Zuhörenden.
Den märchenhaften (gross angelegten) Abschluss des Konzertabends bildet Maurice Ravels Ballettfassung von «Ma Mère l’ Oye» aus dem Jahre 1911. Dieses Werk basiert auf fünf Märchen aus der Sammlung «Contes da ma mère l’ oye» (Geschichten von Mutter Gans) von Charles Perrault. Zuerst als einfache Stücke für Klavier angelegt, erweiterte und orchestrierte der Komponist die Stücke zu einem Ballett. Das SOB setzt unter Pekka Kuusisto Ravels Musik mit grösster Spielfreude fein differenziert und mit grosser Virtuosität farbenfroh um.
Grosser Applaus für diesen reichhalten, überraschenden, märchenhaften, grossartigen Konzertabend!
Michael Hug

