Johann Sebastian Bach: Matthäuspassion • La Cetra Barockorchester Basel • Martinskirche, Basel • Konzert: 13.03.2026
«Behüte Gott! Ist es doch, als ob man in einer Opéra Comédie wäre!»
Osterzeit ist Passionszeit – in den reformierten Gebieten noch stärker als in den Protestantischen. So gehört in diesen Städten die Aufführung mindestens einer Passion in der Osterzeit zum Jahreskreis.

Bachs Passion nach dem Evangelium des Matthäus, schon in der Familie des Komponisten «die grosse Bassion» genannt, prägt (neben dem Weihnachts-Oratorium) als epochales Meisterwerk die Wahrnehmung des Komponisten in der Gegenwart. Mit der Aufführung einer gekürzten Fassung am 11. März 1829 in Berlin leitete Felix Mendelssohn Bartholdy die Bach-Renaissance ein. Der Thomas-Kantor kam so zurück ins Bewusstsein der Musik-Welt.
Uraufgeführt wurde die Matthäus-Passion am Karfreitag des Jahres 1727 in der Thomaskirche zu Leipzig. Bereits 1729 überarbeitete Bach das Werk, als er Teile der Passion für die «Köthener Trauermusik («Klagt, Kinder, klagt es aller Welt», BWV 244 a) für seinen früheren Dienstherrn Fürst Leopold von Anhalt-Köthen verwendete (BWV 244b). Aus dieser Überarbeitung stammt der Ausbau zur charakteristischen Doppelchörigkeit. Eine Überarbeitung aus dem Jahr 1736 – für Bach war die Matthäus-Passion kein epochales Meisterwerk, sondern Gebrauchsmusik, die er entsprechend für jede Aufführung an die Gegebenheiten anpasste – ist die Basis heutiger Aufführungen, denn für diese Fassung erstellte Bach das einzigartige Autograph «mit der roten Tinte» (für das reine Bibelwort und den Eingangschoral «O Lamm Gottes unschuldig»).
Zentrales Charakteristikum der Matthäus-Passion ist ihre Konzeption für zwei Chöre und zwei Orchester (mit entsprechend zwei Continuo-Gruppen und zwei Orgeln). Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Praxis der Mitwirkung eines Knaben- oder Mädchenchores (vor allem für den Choral «O Lamm Gottes, unschuldig») um das Klangbild der mit Erwachsenen besetzten Laienensembles wieder dem barocken Klangbild anzunähern. Bach setzt die Antiphonie (Wechselgang) ganz gezielt in wichtigen Passagen, so zum Beispiel im Eröffnungschor, ein, um mit der Handlungsebene (Zeugen der Passion Christi) und der Reflexionsebene (Gemeinde) den Zuhörer direkt ins Geschehen hineinzuziehen und zu beteiligen. In der Druckfassung von Picanders Text trägt der Eröffnungschor den Zusatz «Die Tochter Zion und die Gläubigen»: Die Gläubigen als Allegorie der Gemeinde befragen die Tochter Zion als Inkarnation der zeitgenössischen Anhänger Jesu über das Geschehen auf der Via Crucis (Kreuzweg). Damit, und dem Einbezug lutherischer Choräle, erreicht Bach einen Dialog über die Jahrhunderte hinweg und eine (in der Passionsliteratur) singuläre Lebendigkeit, die eine Adlige, die 1729 der Aufführung beiwohnte, zur einzig erhaltenen Kritik aus dieser Zeit bewegte: «Behüte Gott! Ist es doch, als ob man in einer Opéra Comédie wäre!».
Mit zwei Orchestern, Continuo-Gruppen und Orgeln und zwei Chören gestaltet Andrea Marcon (musikalische Leitung) eine Aufführung von sensationeller Qualität und Eindrücklichkeit. Die jeweils 20 Musiker des La Cetra Barockorchester musizieren Bachs Meisterwerk farbenfroh und tief beseelt, schlicht exquisit. Die jeweils 20 Sänger des La Cetra Vokalensemble Basel (Einstudierung: Carlos Federico Sepúlveda) und der Mädchenkantorei Basel (Einstudierung: Marina Niedel) überzeugen mit wunderbar homogenem Wohlklang und superber Textverständlichkeit.
Nicht nur superbe Textverständlichkeit, sondern auch mustergültige Wortdurchdringung ist bei allen Solisten Standard. Raphael Höhn gibt den Evangelist und die Tenor-Arien und lässt dabei einen perfekt fokussierten, hellen, bis weit in die Alt-Lage hineinreichenden Tenor hören. Raoul Steffani fasziniert als Jesus mit schlankem, agilem Bariton. Miriam Feuersinger gibt die Sopran-Partie mit markantem, tadellos geführtem Sopran. Carlos Mena begeistert mit seinem strahlend klaren Altus. Tobias Berndt gibt die Bass-Partie mit kernigem, gepflegtem Bass.
Exquisiter und eindrücklicher kann man sich die Matthäus-Passion kaum vorstellen.
Gastspiel im Rahmen des 31. Internationalen Bachfests Schaffhausen am 15.05.2026 um 17.00 in der Kirche St. Johann Schaffhausen: https://www.bachfest.ch/programm.
16.03.2026, Jan Krobot/Zürich

