Domenico Cimarosa: L’Olimpiade • La Cetra Barockorchester Basel • Martinskirche, Basel • Konzert: 29.01.2026
Schweizer Erstaufführung
Aufzeichnung der Niederländischen Erstaufführung vom 31.01.2026 im Radio:
14.02.2026 um 14.00 auf NPO Klassiek (Niederlande)

Eine atemberaubende Entdeckung
2018 brachten das La Cetra Barockorchester & Vokalensemble Basel in seiner Reihe «Opera ritrovata» Antonio Vivaldis (1678-1741) «L’Olimpiade» (1734) als Schweizer Erstaufführung. Nun folgt, ebenfalls als Schweizer Erstaufführung, die Vertonung des gleichen Metastasio-Librettos (1784) von Domenico Cimarosa (1749-1801).
Erstmals wurde Metastasios Libretto «L’Olimpiade» 1733 von Antonio Caldara anlässlich des Geburtstags von Kaiserin Elisabeth Christine (Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel, Gemahlin von Kaiser Karl VI. und Mutter von Maria Theresia) vertont. Das Buch wurde rasch sehr populär und wurde im Lauf der Jahrhunderte über siebzig Mal von Komponisten wie Pergolesi, Leo, Galuppi, Hasse, Traetta, Mysliveček, Jommelli oder Piccini vertont. Beethoven legte seiner Canzonetta für Singstimme, einstimmigen Chor und Klavier „O care selve“ einen Textausschnitt aus Metastasios „L’Olimpiade“ und 1817 setzte sich Gaëtano Donizetti mit diesem Stoff auseinander, von dessen Bearbeitung ein Duettfragment (Scena e Duetto Aristea-Megacle) überliefert ist. Für Cimarosas «L’Olimpiade» zur Eröffnung des Teatro Eretenio in Vicenza (10.07.1784) überarbeitete ein Anonymus das Libretto Metastasios. Dabei traten, obwohl sie der Ausgangspunkt des Ganzen sind, im Plot die Schicksalsschläge im Leben des Clistene gegenüber der Geschichte der beiden Liebespaare und der Bromance von Megacle und Licida zurück.
Ausgangspunkt und Vorgeschichte der Handlung ist, dass Clistene, als er Vater von Zwillingen geworden ist, den Knaben Filinto, nach der Weissagung des Orakels von Delphi, er werde von seinem Sohn getötet werden, aussetzen lässt und nur die Tochter Aristea aufzieht. Als diese sich als junge Frau in den Athener Megacle verliebt, hintertreibt er diese Verbindung dermassen, dass Megacle angesichts der Aussichtslosigkeit seiner Bestrebungen nach Kreta flieht. Dort angekommen, wird er von Räubern überfallen. Licida, der (vermeintliche) Sohn des Königs von Kreta, rettet ihm das Leben, was zur Grundlage einer engen Freundschaft wird. Licida leidet wie Aristea unter einem dominanten Vater: der König von Kreta hat seine Geliebte Argene gezwungen das Land zu verlassen. Sie lebt nun als einfache Hirtin unter dem Namen Licori in Elis, wo im Altertum die Athleten trainierten, ehe sie im nahen Olympia zu den Wettkämpfen antraten. Zum Vorsteher der aktuellen Spiele wurde der König von Sikyon, Clistene, gewählt: als Preis für den Sieger setzt er die Hand seiner Tochter Aristea aus. Als Licida, der beschlossen hat zur Ablenkung an den olympischen Spielen teilzunehmen, Aristea erblickt, verliebt er sich sofort in sie und vergisst Argene. Da er kein geübter Sportler ist, sein Freund Megacle aber bei den Spielen mehrfach erfolgreich war, lässt er diesen kommen, damit er unter seinem Namen, als Licida bei Spielen antrete und ihm die Hand Aristeas sichere. Von der Liebe zwischen Aristea und Megacle weiss Licida nichts. Beinahe zu spät trifft Megacle in Elis ein. Nach dramatischen Vater-Sohn-Konflikten, Liebesbeziehungen jeglicher Couleur, emotionalen Affekten aller nur denkbaren Vielfalt, wundersamen Errettungen, die zu einer gefühlten Ausweglosigkeit der Konfliktknoten führen, kommt es dann doch noch zum gattungsspezifischen «lieto fine».
Cimarosa hat dazu eine atemberaubend virtuos und unglaublich farbenreich instrumentierte, gleichermassen faszinierende wie überraschende Musik komponiert, die in ihrer «Klassizität» immer wieder an seinen Zeitgenossen Mozart erinnert und mit ihren herrlichen Melodien weit in die Zukunft, bis zu Donizetti vorausweist, sich aber, ähnlich seines letztlich noch mehr als er selbst unterschätzten Zeitgenossen Giovanni Simone Mayr (1763-1845), jeder Kategorisierung entzieht. Bemerkenswert ist die umfangreiche Beteiligung der Blechbläser an der Partitur. Wie damals üblich schneiderte Cimarosa die Gesangspartien der ihm für die Uraufführung zu Verfügung stehenden Besetzung auf Mass. Und die war, da es ein neues Theater, das mit 1200 Plätzen für das kleine, im venezianischen Hinterland gelegene Vicenza riesige Teatro Eretenio, einzuweihen galt, vom Feinsten: die beiden Heldenpartien waren mit den Star-Kastraten Giuseppe Benigni und Luigi Marchesi und die Partie der Aristea mit der Star-Sopranistin Francesca Danzi Lebrun besetzt.
Das La Cetra Barockorchester Basel unter Leitung von Andrea Marcon bringt diese atemberaubende Partitur in ihrer ganzen Brillanz mit der aus der ihm eigenen Detailverliebtheit resultierenden Perfektion zu Gehör. Aus dem Virtuosentum jedes Einzelnen erwächst ein wunderbar harmonisches Ganzes.
Daniela Mack gibt die Megacle mit gut fokussiertem, ausgesprochen agilem, heldisch-strahlendem Mezzo. Gleich in der ersten Arie «Superbo di me stesso» (mit reicher Blechbläserbegleitung) wird erkennbar, wie anspruchsvoll Cimarosa nicht nur ihre Partie komponiert hat. Olivia Vermeulen als Licida findet nach kurzen Anlaufschwierigkeiten gut in die Rolle hinein und begeistert mit ihrem warmen, dunklen Mezzosopran. Jone Martinez gibt die Aristea mit strahlend klarem, souverän geführtem Sopran, der stratospärische Höhen erreicht, dem keine Koloratur zu schwierig und kein Intervall zu vertrackt ist. Schon ihre Auftrittsarie «Tu di saper procura» gelingt atemberaubend. Ihre grosse Arie «Mi sento, oh Dio!» mit obligater Oboe (berückend virtuos: Bettina Simon) wird zum absoluten, «unerhörten» Höhepunkt des Abends. Die Argene von Chelsea Zurflüh ist etwas dunkler timbriert, farbenreich und voller feuriger Leidenschaft. Jorge Franco anstelle des erkrankten Emiliano Gonzalez Toro gibt den Clistene mit nobel timbriertem, klarem und höhensicheren Tenore di grazia und überzeugt in der für Tenöre eher unüblichen Vater- und Königsrolle vorbehaltlos. Marcello Nardis fehlt als Aminta, im positiven Sinn, eindeutig die Bühne. Er legt den Hofmeister Licidas mit strahlendem, agil geführtem Tenor und überragender Bühnenpräsenz weniger als älteren (klar subordinierten) Ratgeber sondern als quasi gleichaltrigen besten Freund an.
Eine atemberaubende Entdeckung!
Weitere Aufführungen:
Samstag, 31. Januar 2026 13:30 im Concertgebouw Amsterdam (NTR Zaterdag Matinee).
Aufzeichnung der Niederländischen Erstaufführung vom 31.01.2026 im Radio:
14.02.2026 um 14.00 auf NPO Klassiek (Niederlande)
01.02.2026, Jan Krobot/Zürich

