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BASEL: LUCIA DI LAMMERMOOR. Premiere

Lucia in der Klapsmühle

21.10.2018 | Oper

Theater Basel: Donizetti: „Lucia di Lammermoor“ – Pr. 19.10. 2018

Lucia in der Klapsmühle


©Sandra Then

 Nach Macbeth in Basel und Penelope in Strassburg war es klar, dass dies eine düstere Angelegenheit werden würde: Regisseur Oliver Py ist berüchtigt für seine Suizidgedanken auslösende Inszenierungen, und Lucia ist hier keine Ausnahme. Vom Himmel regnende Asche, ein schwarzes Todeskarussell mit Sensenmännern und Skeletten, ein sich verdunkelnder Mond, schwarz-weisse Kostüme (bei Bühne und Kostüme vertraut Py nur Pierre-André Weitz) und die spitalähnliche Lichtführung (Bertrand Killy) sind also Programm. Immerhin: Der Mann hat seinen Stil gefunden.

Bei der Basler Lucia-Produktion setzt Py aber noch einen drauf: Von Anfang an wird Lucia an ein Spitalbett gefesselt, mit Stromstössen behandelt und überhaupt vollends durchgeknallt dargestellt. Als sei das nicht genug, räkelt sich auch noch ein gehörnter Teufel unter ihrem Spitalbett, und ihr Schrank quellt über vor Totenköpfen. Ja, wir ahnen: Das kann nicht gut ausgehen.

Selten hat man das Symphonieorchester Basel einen Dirigenten so anhimmeln sehen. Bald wurde klar warum. Giampaolo Bisanti dirigiert sehr energisch und zügig, ohne schwülstiges Pathos und ausgesprochen aufregend, lässt den Sängern aber auch Raum wo nötig. Dies kommt natürlich vor allem Rosa Feola als Lucia zu Gute, die ihre Wahnsinnszene voll ausleben kann. Auch sonst meistert die bei Renata Scotto gelernte italienische Sopranistin diese Mammutrolle mit Bravour und verdientem grossen Zwischen- und Endapplaus. Ihre wunderschöne Stimme mit grossem Umfang und zarten Koloraturen und ihre dramatische Erscheinung hinterlassen bleibenden Eindruck. Blass bleibt hingegen Ernesto Petti als ihr Bruder Enrico. Fabián Lara als Edgardo hat anfangs Mühe, die richtigen Töne zu treffen, fasst sich aber zusehends und entwickelt im Laufe des Abends seine schöne warme Tenorstimme.  Hyunjai Marco Lee fährt als Arturo einen Achtungserfolg ein. Die zweitbeste Stimme des Abends gehört aber zweifellos dem jungen griechischen Bassbariton Tassos Apostolou, der als Raimondo nicht mehr als Kaplan/Erzieher, sondern als Arzt der Lucia im weissen Kittel agieren muss. Auch Ena Pongrac als Alisa muss als Krankenschwester auftreten, singt aber ausgezeichnet, und auch Karl-Heinz Brandt als Normanno macht seine Sache gut. Der Chor des Theaters (Leitung: Michael Clark) ist ebenfalls in Hochform.

Eine zweite Lucia aus dem Ballettensemble (grossartig: Mirjam Karvat)  tanzt sich die Verzweiflung aus der Seele, während die echte Lucia ihr Bett in der schon vorweggenommenen Klapse praktisch nicht mehr verlässt. Obwohl in sich stimmig, zerstört Py mit seinen unaufhörlichen Unheilsboten in Form von Schattendämonen, Skeletten, Totenköpfen und vor allem der Vorwegnahme des Wahnsinns vollends den Spannungsbogen vom fröhlichen verliebten Mädchen bis zur verzweifelten Frau, die in ihrer Aussichtlosigkeit langsam und zusehends dem Wahnsinn verfällt.

Allerdings – und dieser Punkt geht an den Regisseur – gibt die ans Bett gefesselte Lucia ein wunderbares (wenn auch etwas plumpes) Bild für die in der patriarchalen Welt gefangene Frau ab. Die Todfeinde Edgardo und Enrico bekämpfen sich gegenseitig ja nie wirklich, beide sind aber grausam gegenüber Lucia. Wie auch alle Frauen in dieser Welt die Leidtragenden der Machtkämpfe der Männer sind. In der Tat zum Verrücktwerden.

Alice Matheson

 

 

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