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BASEL: DER ZAUBERBERG nach dem Roman von Thomas Mann – „Ideenlose Gegenwart“

24.01.2015 | Theater

Theater Basel: „Der Zauberberg“ – nach dem Roman von Thomas Mann, Pr. 23.1.2015

Ideenlose Gegenwart

 Man wähnt sich im Klavier-Probenraum des Films „Fame“, doch die vielen säuberlich aneinandergereihten Harmonia und Klaviere (Bühne: Stephan Weber) sollen tatsächlich den Mehrzweckraum des berühmt-berüchtigten Davoser Sanatoriums darstellen, in dem Hans Castorp (Silvester von Hösslin) eigentlich nur seinen Neffen Joachim Ziemssen (Markus Mathis) besucht und dann durch die präzise Monotonie des Tagesablaufes sowie der Ermutigung seiner hypochondrischen Neigungen durch sadistische Ärzte fasziniert bleibt.

 Es soll ein langer Aufenthalt im Sanatorium werden: Aus Castorps veranschlagten drei Wochen werden bekanntlich sieben Jahre. Die besten und wesentlichen Stellen aus Manns tausendseitigem Riesenwälzer herauszugreifen und damit auch noch eine Geschichte zu erzählen: eine der unlösbaren Aufgaben der Menschheit. Eignen sich doch die Hauptstärken des Romans – die detaillierte Beobachtungsgabe des kleinkarierten Protagonisten, die brillanten philosophischen Dispute zwischen dem bitterbösen Ex-Jesuiten Naphta und dem Humanisten Settembrini, das mehrheitlich auf französisch gehaltene spröde Geplänkel zwischen Castorp und Clawdia Chauchat und Manns grandiose Naturbeschreibungen der Davoser Bergwelt – so gar nicht für die Bühne.

 Thom Luz kann hier also nur scheitern, punktet aber immerhin mit ein paar schönen Einfällen wie einem isolierendem Tod in Form eines periodisch herabgleitenden schwarzen Vorhangs, einem niemals funktionierenden Lift (zwar geklaut bei Marthaler oder der Big Bang Theory), einer Bodenluke, durch die das „Sorgenkind des Lebens“ Castorp erst einmal vorsichtig hervorlugt, bevor er sich auf den Zauberberg einlässt. Die meisten Kunstgriffe misslingen aber. So erzielt zum Beispiel Settembrini und Naphta von der selben Person interpretieren zu lassen, nicht den erhofften Effekt, obwohl Cathrin Störmer den komplizierten Text dieser beiden Antagonisten ausgezeichnet spricht. Auch der Kunstgriff, Ellen Brand (Chantal Le Moign) als Erzählerin auftreten zu lassen („ich bin gleich wieder da“) stört eher. Obwohl akustisch allerlei los ist, leise vor sich hingeflüsterte Monologe mit Musik von Wagner über Schönberg bis zu John Cage (Musikalische Leitung: Mathias Weibel) überlappen, dumpfe Bässe als Herzschläge das Ganze untermalen, und die Traumdeutungen des diabolischen Dr. Edhin Krokowski (Daniele Pintaudi) durchaus einige Lacher provozieren, dämmert der Zuschauer spätestens ab der zweiten Stunde dahin. Die immer monotoner werdende Geräuschkulisse und die tristen schwarzen Einheits-Outfits (Kostüme: Tina Bleuler) tun ihr Übriges. Die letzte halbe Stunde besteht praktisch aus der Bewegung einer Glühbirne, ob damit der Schneesturm oder die spiritistischen Sitzungen gemeint sind, ist aber inzwischen jedem egal.

 Die Seele des Jahrhundertromans aber – die minutiöse Beschreibung der Schneekugelgesellschaft eines Sanatoriums der höheren Gesellschaft, wo die Bequemlichkeit eines Balkonstuhls bedeutender ist als der bald drohende erste Weltkrieg – wurde nicht eingefangen. Immerhin: Von der Endlosigkeit einer „ausdehnungslosen Gegenwart“ hat jetzt jeder Zuschauer eine Ahnung.

 Alice Matheson

 

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