Basel: ‹BEDROOM FOLK›, Ballett von Sharon Eyal, ‹LE SACRE DU PRINTEMPS›, Ballett von Marco Goecke – Pr. 11.9. 2026

©Rahi Rezvani «Le Sacre du Printemps»
Die in Jerusalem geborene Choreographin Sharon Eyal tanzte jahrelang in der israelischen Batsheva Dance Company und wurde von der Fachzeitschrift «Tanz» immerhin zur Choreographin des Jahres 2026 gewählt. Zusammen mit ihrem Ehemann und Kollegen Gai Behar entwickelte sie das Stück «Bedroom Folk» 2015 für das Nederlands Dans Theater 1.
Unaufhörlich pulsierende Techno-Beats von Ori Lichtig geben die Dynamik vor, treiben mit anschwellenden Schlägen zu minimalistischen, beinahe folkloristisch-primitiven Klängen die Tänzer in eine tranceartige Ekstase. Die achtköpfige Tanzgruppe bewegt sich wie ein Korallenriff, ein lebender einziger Organismus, die mit den Beats synchronen Minischritte gewährleisten eine ständige Grundspannung, während die Arme gleichmässige Wellenbewegungen verursachen. Durchbrochen wird dieses natürliche Pulsieren durch Eyals charakteristisch zackige, ultrapräzise Bewegungen, wo natürliche Linien plötzlich gestoppt werden, in Gegenrichtung laufen, um dann wieder – manchmal nach einigem hin und her – in die ursprüngliche Richtung weiterzulaufen – oder in einer anderen, völlig unerwarteten Bewegung zu enden.
Einstudiert wird bei Eyal ohne Spiegel, ohne Anleitung, ohne falsch und richtig. Für diese Präzision müssen allerdings Takte gezählt werden, bis das Gefühl die Bewegungen verinnerlicht hat. Man erkennt vier Frauen und vier Männer trotz minimalistischer Kostüme, doch es gibt keine Geschlechterunterschiede bei Eyal. Frauen sind stark, Männer fragil und umgekehrt, nicht das Geschlecht, die Gruppe ist wichtig. Und um als Gruppe zu funktionieren, muss alles genau getaktet sein, jede noch so kleine Bewegung erzeugt Spannung, hat eine Bedeutung, eine Intention. Dennoch erzeugt die gemischte Gruppe auch die Ahnung, dass es um menschliche Beziehungen geht, um Kontrolle und Kontrollverlust, um zwischenmenschliche Gefühle, wie fast alles in der Welt. Die Gruppe wiegt sich zu den Beats wie Jugendliche in einem Club. Der junge Mann neben mir fängt an mitzuzucken. Weitere folgen. Die Pause ist nach dieser Intensität beinahe erlösend.
Der zweite Teil des Abends wird von Marco Goeckes Interpretation von Strawinskys Meisterwerk «Le Sacre du Printemps» gefüllt. Dafür spielt das Sinfonieorchester Basel das skandalumwitterte Stück live. Von der Story des jungen Mädchens, das dem Gott des Frühlings geopfert wird, ist allerdings nicht mehr viel übrig. Auch hier liegt der Fokus auf der Gruppe, nicht dem Individuum. Oder in dem Gegensatz zwischen Individuum und Gruppe, wenn sich ein Einzelner aus der Gruppe löst, oder zu lösen versucht. Besonders der wilde Tanz des langhaarigen Mannes, wo man nicht weiss, wo Haar endet und Körper beginnt, ist beeindruckend. Goeckes Bewegungen schwirren wie Pfeile, wie Kung-Fu Kämpfer im Schnelldurchlauf, von nervösem Gezappel fliessend in messerscharfe Präzision übergehend, Konflikte, Machtverhältnisse, rituelle Handlungen werden durch Gruppendynamik ausgedrückt. In Paartänzen werden Dominanz und Unterwerfung noch einmal präzisiert. Traumähnliche Sequenzen werden von alptraumhaften abgelöst, monsterartige Wesen reissen sich schwarze Federn vom Leib, ziehen Fratzen, fauchen und krächzen ins Publikum, beinahe wie eine personifizierte Angst, dass bald etwas geschehen könnte, das Stück bleibt sozusagen im «Vor-Opfer-Stadium». Die düstere Stimmung wird von der Belichtung untermalt, nur eine einzige Glühbirne, manchmal nicht einmal diese, taucht die Bühne in schauriges Halbdunkel. Auch bei Goecke spielt das Geschlecht keine Rolle mehr, warum auch, Täter und Opfer sind ja auch nicht mehr zu unterscheiden.
Kein Ballettabend für schwache Nerven.
Alice Matheson

