Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Bariton FLORIAN SEMPEY über die Inspiration, die er aus Maria Callas schöpfte, über Leidenschaft, Glaube, Einsamkeit und seinen ständigen Begleiter.

06.11.2026 | Sänger

FLORIAN SEMPEY über die Inspiration, die er aus Maria Callas schöpfte, über Leidenschaft, Glaube, Einsamkeit und seinen ständigen Begleiter.

 Das Interview findet in Wien statt, wo Florian Sempey gerade den Graf Almaviva in Le nozze di Figaro an der Wiener Staatsoper sang. Es ist später Nachmittag. Der Bariton, der zu den gefragtesten Opernsängern unserer Zeit zählt, kommt in Begleitung seines aufgeweckten Zwergdackels Uther – er trägt den Name von König Arthurs Vater – in das Café Sperl. Er spricht über seine Anfänge, die Freude am Singen und seinem Leben aus dem Koffer.

Interview von Johannes Ifkovits

semp1
Florian Sempay. Copyright: Yoann Le Lan

Du bist in einer musikalischen Familie aufgewachsen. Dein Urgroßvater komponierte Akkordeonmusik; deine Mutter hat jeweils zehn Jahre lang Klavier und klassischen Tanz studiert und wurde später Malerin. War dein eigener Weg dadurch bereits vorgezeichnet?

Die künstlerische Ader stammt aus der Familie meiner Mutter. Dort haben sich alle, damals wie heute, künstlerisch betätig, wenn auch nicht auf professionellem Level. Mein Onkel hat zum Beispiel eine Jazz-Gruppe gegründet, die auf Tournee geht – doch alle Mitglieder sind Amateure. Ich wollte eigentlich Ägyptologe werden. Das alte Ägypten war und ist auch heute noch eines meiner größten Ziele, und ich habe mein Leben wirklich im Sinne Ägyptens gesehen und nicht auf der Bühne. Mit 12 Jahren wollte ich Priester werden – ich bin bis heute ein überzeugter Katholik –, und dadurch entdeckte ich das Leben sowie Teile meiner selbst. Dieser Aspekt ist mir geblieben: Ich besuche recht häufig die Heilige Messe und lese in der Bibel. Besonders interessieren mich die Texte und ihre Bedeutung – nicht nur das, was dort geschrieben steht, sonder auch, was sie damals, zurzeit Jesu, tatsächlich bedeuteten. Doch dann entdeckte ich die Oper, als meine Mutter mir eine CD mit einer Aufnahme von Maria Callas in der Rolle der Carmen schenkte. Ich verliebte mich in Callas und ihre Arien, und als junger Teenager sang ich ständig Carmen in meinem Zimmer (beginnt die Habanera zu singen).

Und wie ging es dann weiter?

Während meiner Gymnasium-Zeit nahm ich dann Klavier Unterricht am Konservatorium, und irgendwann klopfte ich an die Tür der Gesangsklasse. Der Lehrer sagte zu mir: „Setz dich“ – und so fing alles an. Es war wirklich ganz einfach, und von da an bis heute ist es wie auf einer Schnellstraße! Auf beruflicher und künstlerischer Ebene geht es zügig voran, das ist genau der richtige Weg! Die Dinge entwickeln sich von selbst, und ich folge einfach diesem Lauf. Doch während alles weiter wächst, bleibt kaum noch Zeit für meine anderen Leidenschaften.

Du hast die richtige Auffahrt genommen und rast entlang der Schnellstraße?

Ja, so ist es seit ich 31 bin, und darüber ich bin sehr froh. Manchmal wünsche ich mir allerdings, ich hätte mehr Zeit für mich selbst – und für ein Privatleben. Ich bin Single, denn es ist schlicht unmöglich, ein Privatleben zu führen, wenn man in diesem Beruf auf einem so hohen Niveau arbeitet und ständig unterwegs ist. Wer wäre schließlich bereit, jemanden überallhin zu begleiten und dabei das eigene Leben in den Hintergrund zu stellen? Es ist daher schwierig, die richtige Person dafür zu finden.

Ist das Künstlerleben ein einsames?

Einsamkeit – das ist natürlich ein Thema. Und jede Medaille hat zwei Seiten, das ist die andere Seite. Man muss mit Einsamkeit umgehen können. Einmal sang ich in Madrid die Rolle des Dandini in La Cenerentola – es war ein riesiger Erfolg für mich! Als ich für den letzten Vorhang auf die Bühne trat, schlug mir ein Orkan aus Jubel und Applaus entgegen – ich war überglücklich. Doch dann: die Bühnenschminke ablegen, das Kostüm ausziehen, die eigene Kleidung anziehen, auf den Bühnenausgang zugehen – und da ist niemand! Man tritt durch den Bühnenausgang hinaus, schließt die Tür hinter sich und steht auf einer Straße in Madrid. Es ist Mitternacht, und man ist völlig allein. In einem jener seltenen, stillen Momente meiner Laufbahn wurde mir dieser Widerspruch besonders deutlich: der Kontrast zwischen immensem Erfolg einerseits und einem Gefühl völliger Leere andererseits. Wenn du nicht stark genug bist – und das habe ich immer wieder betont, sowohl in meinen Meisterkursen als auch im Privatunterricht –, dann sage ich: Du magst die schönste Stimme der Welt haben, du magst eine wunderbare Künstlerin oder ein wunderbarer Künstler sein, doch wenn du nicht mental gefestigt und stark bist, dann kann es einfach nicht funktionieren, bist du für diesen Beruf nicht geeignet!

semp3
Florian Sempay. Copyright: Yoann Le Lan

Hast du ein Vorbild?

Nein – aber es gibt drei Baritone, die mich besonders interessieren, und jeder von ihnen verkörpert einen anderen Aspekt, den ich schätze: Ludovic Tézier, Leo Nucci und Sherrill Milnes. Jeder von ihnen steht für einen ganz eigenen, für mich sehr wichtigen Aspekt. Tézier für die kluge Gestaltung seiner Karriere; Milnes für seine Stimmtechnik und Auswahl des Repertoires; und  Nucci für die Klarheit, die Diktion und die Leuchtkraft seiner Stimme. Selbst im Alter von 72 Jahren konnte er den Figaro singen – und das mit einer erstaunlichen stimmlichen Frische! Leo Nucci ist ein echtes Vorbild dafür, wie man seine Stimme so einsetzt, dass sie brillant, frisch und klar bleibt; das ist natürlich eine Frage der Technik, aber auch des Repertoires und der Rollenwahl! Das Wichtigste ist, was ich singe, wann ich es singe und wo ich es singe. Einige Opernhäuser drängen mich beispielsweise dazu, Verdi zu singen – worauf ich antworte: NEIN, ich bin erst 38! Letztes Jahr habe ich in Marseille zum ersten Mal den Ford im Falstaff gesungen – in einem vertrauten und wunderbaren Opernhaus, und unter Freunden. Für die Zukunft konzentriere ich mich jedoch ausschließlich auf Rossini, Mozart, Donizetti und das französische Repertoire – das ist besser für die Gesundheit meiner Stimme. Ein guter Test, um zu prüfen, ob die eigene Stimme in Form ist: Sing einfach Mozart. Wenn du Mozart nicht korrekt singen kannst, solltest du deine Technik hinterfragen.

Hast du neben deinem Studium gearbeitet, um dir etwas dazuzuverdienen?

Ja, als ich 18 war, habe ich im Keller eines Supermarkts in Bordeaux gearbeitet. Ich musste unzählige Weinflaschen nach oben tragen und in die Regale einräumen. Und als ich am Konservatorium in Bordeaux studierte, arbeitete ich zudem im Opernhaus von Bordeaux als Billeteur. Damals sagte ich zu meiner Mutter: Weißt du, Mama, selbst wenn ich nur die Sitze putzen oder irgendeine andere Arbeit verrichten müsste – ich wäre mein ganzes Leben lang glücklich, allein schon deshalb, weil ich im Opernhaus von Bordeaux sein dürfte! Sie antwortete darauf: „Na gut, wenn du unbedingt an der Oper arbeiten willst…“ – doch sie hätte sich niemals vorstellen können, dass ich eines Tages den Beruf ausüben würde, den ich heute habe: nämlich auf der Bühne zu stehen.

Hattest du einen Plan B für den Fall, dass es nicht geklappt hätte?

Ja, Musiklehrer, deshalb habe ich angefangen, Musikwissenschaft zu studieren.

Musstest du während deiner Ausbildung auf viele Dinge verzichten?

Überhaupt nicht! Meine Studienzeit am Konservatorium in Bordeaux habe ich sehr genossen, denn Bordeaux ist – und war schon damals – eine großartige Stadt. Ich verbrachte meine Tage durchgehend am Konservatorium. Ich hatte Einzelunterricht bei meiner Lehrerin sowie Kurse bei anderen Dozenten. Wenn ich einmal Zeit übrig hatte, blieb ich im Übungsraum, um an meiner Technik zu arbeiten oder anderen Sängern zuzuhören – ich fühlte mich dort wie zu Hause. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich einmal mit meiner Lehrerin im Raum war, während sie gerade jemand anderem Unterricht gab; sie sah mich an und sagte: „Geh doch mal los und bring mir einen Kaffee mit!“ So war ich drei Jahre lang auch ihr Kaffee-Bote. Ich genoss dieses Gefühl der Zugehörigkeit und habe mich dort einfach rundum wohlgefühlt.

Wie geht man an ein Stück heran, das unbezwingbar erscheint?

Wenn ich eine Rolle annehme, weiß ich, dass ich über das nötige Rüstzeug verfüge, um sie zu meistern! Ich muss lediglich meine Arbeit gut organisieren, dann läuft alles von selbst. In drei Jahren werde ich zum Beispiel zum ersten Mal den Eugen Onegin und den Wilhelm Tell singen. Ich singe zwar noch nicht auf Russisch, aber ich weiß, dass ich die stimmlichen und musikalischen Voraussetzungen mitbringe – ich muss mich also nur noch auf die Sprache konzentrieren. Italienisch beherrsche ich sogar fließender als Englisch; bei Sprachen, die ich noch nicht kenne – wie etwa Russisch –, ziehe ich einen Coach hinzu.

sep2
Florian Sempay. Copyright: Yoann Le Lan

Welche Art von Musik hörst du?

Ich gehe sehr spät ins Bett – weit nach Mitternacht – und höre dann gerne Jazztrios, dazu eine gute Zigarre – nicht oft, etwa zwei bis drei Zigarren im Monat – und ein Glas Armagnac, das ergibt einen perfekten Abend (lächelt verschmitzt). Ich höre auch Hard Rock und Heavy Metal – ich habe sogar selbst Hard Rock- und Heavy Metal-Stücke aufgenommen. Ich liebe Gustav Mahler und Jean Sibelius. Opern höre ich nicht so oft, aber es gibt einige Sängerinnen, die ich sehr schätze – meist Mezzosopranistinnen. Es gibt nur eine einzige Sopranistin, die ich immer wieder höre: Mariella Devia. Meiner Meinung nach verfügt sie über die beste Gesangstechnik der Welt. In die Oper gehe ich allerdings nie, weil ich dort immer nur auf die technischen Aspekte achte. Dafür höre ich jeden Tag Marilyn Horne. Wer wissen will, wie man Belcanto singt, der muss sie einfach hören.

Was tust du, was niemand glaubt, der dich auf der Bühne sieht?

Ich hege eine große Leidenschaft für die Suche mit dem Metalldetektor. Besonders in der Gegend im Südwesten Frankreichs, in der ich lebe. Dort bin ich häufig mit meinem Metalldetektor unterwegs und habe schon viele Fundstücke aus dem Mittelalter entdeckt.

Mein wertvollster Fund ist eine Silbermünze mit dem „Fleur-de-Lis“-Motiv (Lilienblüte) aus dem Frankreich des 14. Jahrhunderts.

Wie verbringst du den Tag deines Auftritts?

Ich schlafe lange und verbringe den Tag vor der Aufführung in Stille, ohne mit jemandem zu sprechen – meine Familie und meine Freunde wissen das. Ich schone meine Stimme, da sie an diesem Abend stark beansprucht wird. Ich esse spät zu  Mittag – eine Mahlzeit, die reich an Eiweiß ist oder aus Nudeln besteht. Ich gehe früh ins Opernhaus, weil ich spüren möchte, wie sich die Energie des Abends allmählich aufbaut, und weil ich es genieße, die Menschen bei ihrer Ankunft zu beobachten.

Was nimmst du immer mit in die Oper?

Meine kleine Kaffeemaschine, denn ich  bin kein Fan von Kaffee aus Vollautomaten. Mein Kreuz und meinen Rosenkranz habe ich immer bei mir, und den Ehering meiner Großeltern  trage ich ausnahmslos.

Bist du abergläubisch?

Es gibt Dinge, die ich nicht tue: Ich reiche niemandem das Salz direkt in die Hand, ich gehe nicht unter einer Leiter hindurch, das Brot muss auf der rechten Seite des Tisches liegen, und bevor ich ein neues Brot anschneide, zeichne ich ein Kreuz darauf – so wie es mein Großvater getan hat. Ich glaube fest an die Liebe Gottes. Wenn man in Gottes Armen geborgen ist, braucht man nichts zu fürchten.

sep
Florian Sempay. Copyright: Yoann Le Lan

Reisen gehört zu deinem Beruf – stört es dich, ständig unterwegs zu sein?

Das gehört eben dazu. Wenn man eine internationale Karriere anstrebt, muss man das in Kauf nehmen. Man kann nicht nur die schönen Seiten sehen; die Kehrseite ist, dass man ständig von zu Hause weg ist. Ich mag Flughäfen, ich mag Bahnhöfe – ich genieße die Zeit am Flughafen sogar richtig, also ist das völlig in Ordnung.

Hast du Zeit für Hobbies, und welchen Hobbies gehst du nach?

Ich lese für mein Leben gern, ich könnte jeden Tag lesen. Zu meinen Interessen zählen Geschichte, biblische Themen und spirituelle Literatur. Außerdem gehe ich gerne spazieren, und Uther, mein dreijähriger kurzhaariger Zwergdackel, sorgt dafür, dass ich nach draußen komme. Er ist mein ständiger Begleiter – ich kann ihn sogar mit ins Flugzeug nehmen – und leistet mir wunderbare Gesellschaft. Zudem bleibt mein Herd selten kalt; ich koche viel und habe große Freude daran, fantastische Rezepte auszuprobieren!

 

Herzlichen Dank für das Gespräch und deine Einblicke in dein Künstlerleben, und weiterhin viel Erfolg!

 

Zur Person:

Florian Sempey, 38, wuchs in Sainte-Foy-la-Grande, 60 km östlich von Boredaux, in einem kulturell engagierten Elternhaus auf. Mit 21 Jahren debütierte er noch während seines Studiums am Konservatorium Bordeaux an der Opéra national de Bordeaux als Papageno in der Zauberflöte. Die Rolle des Figaros in Rossinis Il barbiere di Siviglia ebnete ihm schließlich den Weg zu einer erfolgreichen internationalen Karriere. Der Bariton tritt an den weltweit renommiertesten Opernhäusern, in den berühmtesten Konzertsälen und bei den bedeutendsten Festivals auf. In seiner Freizeit hört er gerne Jazz-Trios, wobei er auch im Hard Rock und Heavy Metal vertraute Rhythmen wiederfindet. Und wann er wieder zu Hause ist, widmet er sich seiner großen Leidenshaft: der Suche nach verborgenen Schätzen mithilfe eines Metalldetektor.

 

Florian Sempeys Tourplan 2026/27:

 

NOVEMBER 2026:

THÉATRE DES CHAMPS-ELYSÉES, Paris: 20.-30. November 2026

Florian Sempey – Les Pêcheurs de perles-Proben: November

DEZEMBER 2026:

THÉATRE DES CHAMPS-ELYSÉES, Paris: 3.-14. Dezember 2026

Florian Sempey – Les Pêcheurs de perles: 3., 5., 7., 9., 11., 14. Dezember

JANUAR 2027:

BASILIQUE SAINT-GERVAIS, Avranches: 2. Januar 2027

Florian Sempey – Konzert: 2. Januar

GRAN TEATRE del LICEU, Barcelona: 10. Januar 2027

Florian Sempey – Les Pêcheurs de perles: 10. Januar

DEUTSCHE OPER BERLIN: 28.-31. Januar 2027

Florian Sempey – Le nozze di Figaro: 28. Januar

FEBRUAR 2027:

DEUTSCHE OPER BERLIN: 1.-9. Februar 2027

Florian Sempey – Le nozze di Figaro: 2., 4., 9. Februar

OPÉRA ROYAL DE VERSAILLES: 15.-28. February 2027

Florian Sempey – Il barberie di Siviglia-Proben: Februar

MÄRZ 2027:

OPÉRA ROYAL DE VERSAILLES: 1.-21. März 2027

Florian Sempey – Il barberie di Siviglia: 13., 4., 20., 21. März

APRIL 2027:

WIENER STAATSOPER: 1.-29. April 2027

Florian Sempey – Così fan tutte: 16., 19., 23., 26., 29. April

MAI 2027:

OPERNHAUS ZÜRICH: 1.-30. Mai 2027

Florian Sempey – Don Pasquale-Proben: 23., 27., 30. Mai

JUNI 2027:

OPERNHAUS ZÜRICH: 1.-11. Juni 2027

Florian Sempey – Don Pasquale: 4., 6., 11. Juni

TEATRO REAL Madrid: 18.-31. Juni 2027

Florian Sempey – Il barberie di Siviglia-Proben: Juni

JULI 2027:

TEATRO REAL Madrid: 1.-21. Juli 2027

Florian Sempey – Il barberie di Siviglia: 4., 7., 12., 15., 19., 21. Juli

 

Diese Seite drucken