Nacht der Liebe. Himmelhöchstes Weltentzücken. Pilgerfahrt zu Lise Davidsen.
Von Dr. Eric Alexander Hoffmann
Getragen von einer hochsensiblen musikalischen Leitung, einer genial-minimalen Bühnenausstattung, einer klugen, differenzierten psychologischen Personenführung, einem entfesselten Clay Hilley als Tristan und einem herausragenden Ensemble wird mir Lise Davidsens berauschendes Rollendebüt als glanzvolle Isolde am Liceu für immer in Erinnerung bleiben. Jenseits aller Worte, jenseits aller Tränen, jenseits von allem.
Diese auch von mir lang erwartete Bühnen-Isolde knüpft musikalisch nahtlos an ihr sensationelles Rollendebüt in der konzertanten Aufführung des 2. Aufzugs unter Sir Simon Rattle in der Isarphilharmonie München an, wo mich ihre naturgewaltige, tiefe und samtige Stimme mit unendlicher Kraft, Feinheit in den Piano-Passagen und perfekter Wagner-Diktion
bereits mehrfach umgehauen hatte.
Lise Davidsen erfüllt nun auch in Barcelona den enormen Erwartungsdruck ihres Rollendebüts als Isolde mit beindruckender Leichtigkeit, souveräner Technik und einer fast unverschämt mühelosen stimmlichen Opulenz. Ihre Stimmführung bleibt bis in die exponierten Höhenlinien des zweiten Aufzugs hinein fokussiert, schnörkellos, tragfähig und reich an Farben. Der zweite Aufzug mit den vielen lyrisch-musikalischen Referenzen zu Wagners Wesendonck-Liedern ist ein einziger Rausch.
Im Liebestod bündelt sie die zuvor geschichteten Emotionen zu einem langen, atmenden Bogen, in dem Strahlkraft, Innigkeit und Transzendenz organisch ineinander übergehen.
Magisch! Mit welcher Leichtigkeit, Geschwindigkeit und Kontrolle Lise Davidsen von den leisen Tönen zu den kraftvoll-dynamischen wechseln und stimmlich gleichsam von 0 auf 200 ansatzlos beschleunigen kann, ist einzigartig und atemberaubend. Einfach überwältigend!
Und auch darstellerisch ist sie herausragend. Mit ihrer großen Statur, ihrem vergleichsweise jungen Alter ist sie schon rein äußerlich eine Ausnahmeerscheinung. Wie sie dann aber alle emotionalen Tiefen, Höhen und Wechsel der Figur darstellt, ist beeindruckend. Ich glaube ihr die rasende, verletzte, wütende, auf Rache sinnende Isolde ebenso wie die wie ein schüchterner Teenager verliebte, verträumte, der Welt entrückte Isolde, in die sie sich nach der Einnahme des Liebestranks verwandelt, der ja eigentlich nur dazu dient, den bereits vorhandenen Gefühlen ohne Rücksicht auf Sitte, Kultur, Verluste endlich freien Lauf lassen zu können. Ob dieser Veränderung umd Befreiung reibt sich nicht nur Tristan die Augen, auch Kurwenal versteht die Welt nicht mehr.
Die Isolde des ersten Aufzugs in ihrem an eine Walküre erinnernden weißen Brautkleid mit metallischen Applikationen mehr Kriegerin als Braut, und die Isoöde des zweiten Aufzugs mit zu ihren offen getragenen roten Haaren passendem roten Kleid, sind nicht nur rein äußerlich zwei völlig unterschiedliche Frauen. Erst Brünnhilde, dann Julia.
Und mittendrin zeigt sie dann auch noch ihr komödiantisches Talent, wenn sie Tristan nachahmt, wie er Isolde König Marke zur Ehefrau aufquatscht. Lise Davidsen ist aktuell wohl in musikalischer und darstellerischer Hinsicht die vollständigste Sängerin, insbesondere im deutschen, aber auch im hochdramatischen italienischen Fach.
Clay Hilley ist ein in jeder Hinsicht kongenialer Partner an ihrer Seite, er stellt sich der mörderischen Titelpartie mit leuchtendem, metallisch zentriertem Tenor und beeindruckender Kondition. Vor allem den vokalen Ausdauertest im dritten Aufzug meistert er mit Bravour. Wie sich Clay Hilley mit allem was er hat stimmlich in diese Rolle wirft und sich dabei Lunge und Herz aus dem Leibe singt, ist absolut herausragend.
Auch das Ensemble um beide herum bewegt sich auf extrem hohem musikalischen Niveau: Brindley Sherratt gibt einen warm timbrierten, eher menschlich als majestätisch gezeichneten König Marke mit maximaler Textverständlichkeit, Tomasz Konieczny zeichnet einen markanten, stimmlich kernigen und wie immer auch darstellerisch überzeugenden Kurwenal, und Brangäne, gesungen von Ekaterina Gubanova, setzt mit ihrem wachsam leuchtenden Warnruf “Habet acht!” im zweiten Aufzug einen atmosphärischen Fixpunkt, der lange nachhallt.
Unter der äußerst klar strukturierten musikalischen Leitung von Susanna Mälkki wird das Orquestra Simfònica del Gran Teatre del Liceu selbst zu einem weiteren Hauptdarsteller des
Abends. Mälkki lotet die Partitur mit einer Mischung aus analytischer Präzision, pulsender Dynamik und sinnlicher Wärme aus, eine stets kontrollierte, nie zugedeckte Lautstärke erlaubt den Sängerinnen und Sängern, sich bei aller Wucht frei über dem Orchester zu entfalten.
Bárbara Lluchs minimalistische, psychologisch klug, differenziert und intensiv geführte Neuinszenierung verlegt den Fokus mehr auf die inneren und zwischenmenschlichen Zustände der Figuren, weniger auf äußerliche Effekte, und zeigt Tristan und Isolde als unsternbedrohtes, menschlich allzumenschliches, durch und durch romantisches Liebespaar und als zwei Menschen, die wie Romeo und Julia oder Richard und Mathilde verzweifelt versuchen, aus historisch, kulturell, politisch vorgegebenen Rollen und Muster sowie gesellschaftlichen Zwängen und Lügen auszubrechen.
Füreinander sind sie bestimmt, doch die Verhältnisse, die sind nicht so. Das gesellschaftliche Prinzip Kapitalismus, das Streben nach Macht, Ruhm und Ehre, Gier, Rachegefühle, machen romantische, bedingungslose Liebe unmöglich.
Die Bühne ist überwiegend öd und leer, dennoch variabel und raffiniert gebaut, mal weit und offen, mal eng und geschlossen oder mit einem Sternenhimmel. Konkrete visuelle Elemente wie Schiffe, Tische oder Betten werden wie eine leicht erhöhte Bühne durch abstrakte, schiefe Vierecke aus massiven Holzplanken dargestellt. Bretter, die die Innenwelt bedeuten.
Auch von der Beleuchtung eher zurückhaltend und düster sowie in schwarz und weiß gehalten. Der dritte Aufzug ist dann jedoch nicht von dieser Welt und mit einem runden, schwarzen Spiegel, der schräg über der Bühne hängt und wie ein Loch im Himmel den Blick in andere Galaxien eröffnet, in ästhetischer Hinsicht wirklich spektakulär.
Lise Davidsens Isolde-Debüt und Clay Hilleys Tristan markieren gemeinsam einen Abend, der in seiner Kombination aus vokaler Brillanz, orchestralem Glanz und szenischer Raffinesse weit über Barcelona hinausstrahlen wird. Eine Aufführung für die Geschichtsbücher. In New York wird dann in wenigen Wochen ein weiteres Kapitel hinzugefügt, erneut mit Ekaterina Gubanova als Brangäne, an der Seite von Lise Davidsen wird dann Michael Spyres als Tristan sein Rollendebüt geben. Aber das ist Zukunftsmusik.
Für alle, die Richard Wagner, Lise Davidsen oder große Oper lieben, ist dieses Haus mit dieser Produktion und mit dieser Besetzung in diesen Tagen mehr Pilgerstätte als Theater. Und an der Metropolitan Opera wird es dann sicher auch nicht anders sein.
Dr. Eric Alexander Hoffmann

