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BALLON

24.09.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 27. September 2018
BALLON
Deutschland / 2018
Regie: Michael „Bully“ Herbig
Mit: Karoline Schuch, Friedrich Mücke, David Kross, Alicia von Rittberg, Thomas Kretschmann u.a.

Wenn Michael Herbig, den man in diesem Zusammenhang nicht mehr „Bully“ nennen möchte, im Interview sagt: „Zuallererst wollte ich einen unterhaltsamen Thriller inszenieren“, greift er bescheiden zu kurz. Sicher, „Ballon“ ist spannend, es ist – vor allem im zweiten Teil – die übliche Gejgate / Jäger-Geschichte, wo man so sehr mit den Gejagten, die aus der DDR fliehen wollen, bangt und dann (so viel darf ja verraten werden) erleichtert, selig mit ihnen triumphiert. „Ist das der Westen?“ fragen die Geflüchteten verzweifelt, als sie durch den Wald irren, und bekommen die schöne Antwort: „Nein, Oberfranken…“

Aber wenn „Ballon“ nicht mehr wäre als eine spannende Geschichte, gäbe es keinen neuen Michael Herbig, der mit 50 Jahren zeigt, wie viel er über seine brillanten Komödien hinaus („Der Schuh des Manitu“, 2001 als Beginn und Krönung seiner „Bully“-Film-Karriere) zu bieten hat.

Herbig erzählt eine wahre Geschichte, die nur der wagemutigste Drehbuchautor erfinden würde. Der Entschluß zweier im Raum Gera lebenden Ehepaare, mit ihren Kindern um jeden Preis die von einer Todesmauer umgebene DDR zu verlassen, war 1979 so stark, dass sie einen aberwitzigen Plan fassten: Sie wollten in einem selbst genähten (!) Ballon in die Lüfte steigen und in der Bundesrepublik wieder Boden unter den Füßen finden. Was erst beim zweiten Anlauf gelang.

Den ersten unternahm die Familie Strelzyk allein und scheiterte. Ihr Ballon (wir erleben das handwerkliche und intellektuelle Geschick, mit dem er entsteht) stürzte ab, mit Mühe fanden sie den Weg nach Hause zurück und hatten nun die Stasi auf dem Hals, die diese „Republikflüchtlinge“ mit ihren ganzen bedeutenden Mitteln jagte – ein beängstigender Apparat, dem in der Verfolgung seiner Feinde nichts zu teuer war…

Und hier zeichnet der Film ein erstaunlich dichtes Bild eines erstickenden DDR-Alltags, in dem sich nur die Privilegierten wohl fühlten (vielleicht auch da nicht alle) – und nur jene, die der Stasi zu Diensten waren, mit gewissen Vorteilen zu rechnen hatten. Es war eine Welt, wo man selbst in der Familie nicht immer wagte, etwas auszusprechen, wo man nicht nur stetiger Überwachung, sondern auch stetigen Verratenwerdens gewärtig war. Das Drehbuch, das Herbig mit Kit Hopkins und Thilo Röscheisen geschrieben hat, zeigt das nicht nur anhand der betroffenen Familien und ihrer scheinbar so betulichen, aber bösartig wachsamen Umwelt, sondern auch am Beispiel des „Jägers“.

Der von Thomas Kretschmann außerordentlich vorzüglich gespielte Stasi-Oberstleutnant Seidel ist mit Abstand die interessante, am schärfsten umrissene Figur des Films: Denn intelligente Menschen wie er waren sich natürlich dessen bewusst, was sie da taten, obwohl auch er vorgeben musste, bis in die Knochen ideologietreu zu sein. Doch wenn er einen Untergebenen fragt, ob man die Flüchtlinge, die offenbar die Vorzüge der DDR nicht zu schätzen wüssten, nicht einfach gehen lassen sollte … dann weiß er, dass er von niemandem eine ehrliche Antwort erhalten wird, sondern nur die vorgeschriebenen Treuesprüche zum System. Ohne diese gab es nichts, kein Leben, keinen Job, kein Fortkommen…

Das Bild der DDR, das sich hier im scheinbar so friedlichen Alltag einer sehr kleinen Stadt in Thüringen entfaltet, ist der beklemmendste und gelungenste Teil des Films. „Aber wenn jemand nun ins Grübeln kommt, was das Thema Flucht bedeutet, dann habe ich nichts dagegen“, sagte Michael Herbig in einem Interview auch, aber das „Warum“ der Fliehenden hat er im Grunde nur peripher bearbeitet.

Keine Freiheit, keine Möglichkeiten, ständige Bespitzelung – dem waren schließlich alle ausgesetzt, und prozentuell haben nur wenige dafür den tödlichen Wahnsinn der Republikflucht auf sich genommen.

Wenn wir die Stelzigs (Friedrich Mücke und Karoline Schuch) und die Wetzels (David Kross und Alicia von Rittberg) kennen lernen, beide Familien mit je zwei Kindern, drei davon noch klein, sind sie zu dem irrwitzigen „Abenteuer“ schon entschlossen. Als die erste Flucht der Stelzigs (allein unternommen) misslingt und die Bluthunde der Stasi hinter ihnen her sind, setzt dann der Teil des Films ein, der unterhaltsam sein könnte, wenn da Harrison Ford ganz einfach kinogerecht von Tommy Lee Jones gejagt würde und bloß Kino stattfände… Aber es war Wirklichkeit, und das macht jede Minute beklemmend.

Und was Michael Herbig nun tatsächlich gelungen ist, ist ein Film über die DDR, der man sich von Seiten des geeinten Deutschland ja nun erst langsam nähert – man will die „Ossis“, die sich noch immer als solche fühlen, nicht verletzen, aber es geht auf die Dauer nicht an, alles, was damals geschehen ist, unter den Tisch zu kehren.

Renate Wagner

 

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