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BADEN / Stadttheater: Bühne Baden mit der Wiederaufnahme von ANATEVKA

16.01.2022 | Operette/Musical
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Aliosha Biz, der Fiddler on the Roof, mit Georgij Makazaria. Alle Fotos: Bühne Baden

BADEN / Stadttheater: ANATEVKA / FIDDLER ON THE ROOF – Wiederaufnahme

15. Jänner 2022 (Premiere 24.10.2020)

Von Manfred A. Schmid

Das Vorhaben, die im Herbst 2020 gleichzeitig auf die Bühne gebrachten Neuinszenierungen des Musicals Anatevka in Graz und Baden miteinander zu vergleichen, fiel, wie viele Pläne in den letzten beiden Jahren, der Pandemie zum Opfer. Es hat gerade noch gereicht, über die Grazer Premiere zu berichten. Die Bühne Baden war dann schon wieder zu. Zum Glück kommt es nun – und wiederum fast gleichzeitig – an beiden Häusern zu Wiederaufnahmen der jeweiligen Produktion.

Die am Stadttheater Baden dargebotene Aufführung – besucht wird die vierte Folge der laufenden Serie – wird vom Publikum regelrecht gestürmt und ist, bei penibler Einhaltung der Corona-Regeln und Sitzpläne, zur Gänze ausgelastet. Auch für den Online-Merker-Rezensenten gibt es nur noch Platz ganz oben am Juche. (Dass andere Gründe dafür verantwortlich sein könnten, etwa die beiden jüngsten, nicht gerade positiv ausgefallenen Kritiken, darüber will man erst gar nicht zu spekulieren beginnen…) Die Mundpropaganda nach den ersten Vorstellungen hat also gewirkt. Es hat sich herumgesprochen, dass es sich lohnt, dabei zu sein. Geboten wird eine kurzweilige, lebendige, auch zum Nachsinnen und Innehalten anregende Aufführung, geht es dabei doch auch um das Thema Verfolgung und Vertreibung. Um ein Schicksal also, das in der Gegenwart leider gerade wieder sehr aktuell geworden ist.

Das Musical von Jerry Bock (Musik) und Joseph Stein (Buch), mit Gesangstexten von Sheldon Harnick, behandelt auch das Verhältnis von Tradition und Veränderung. Am Beispiel eines russischen Schtetls und insbesondere der Familie von  Milchmann Tevje wird – anhand der emanzipatorischen Schritte der fünf Töchter – gezeigt, wie um 1900 die über Jahrhunderte bewahrten und gepflegten Bräuche und Sitten zunehmend gelockert und letztendlich ganz ignoriert werden und so  ihre gesellschaftlich bestimmenden Rolle mehr und mehr einbüßen. Ein verhalten hoffnungsfroher, aber auch skeptischer und ungewisser Aufbruch in eine neue Welt, die – wie man heute weiß – neben Verbesserungen leider auch sehr, sehr viel Grässliches und Böses mit sich bringen sollte.

Die Inszenierung von Volker Wahl und Michaela Ronzoni arbeitet geschickt die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe der Handlung heraus. Als es zum ersten – angekündigten – Übergriff auf die jüdische Bevölkerung des Schtetls Anatevka kommt, dauert dieser nur kurz, aber das Klirren von zerbrechendem Glas hallt noch lange nach und kündigt  mahnend, ebenso wie der Widerschein von brennenden Gebäuden in der Ferne, die knapp 40 Jahre später im Mitteleuropa stattfindende Zeit der „Reichskristallnächte“ an.

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Shlomit Butbul (Heiratsvermittlerin Jente) und Maya Hakvoort (Golde).

Die Bühne (Ausstattung Stefanie Stuhldreier) ermöglicht rasche Schauplatzwechsel durch Verwendung einer runden Spielfläche in der Mitte, die – von ein, zwei Menschen bewegt – flugs neue Perspektiven auf das geschäftige und irgendwie doch gemütliche Treiben in Anatevka freigibt. Schräge, verwinkelte Häuser und Plätze, und oben auf der Fi(e)dler auf dem Dach (Fiddler on the Roof), der geheimnisvoll darüber schwebend, wie auf einem Gemälde von Marc Chagall, seiner Geige melancholische Klänge entlockt (Aliosha Biz).

Gesungen und gespielt wird tadellos bis mitreißend. Georgij Makazaria ist ein sympathischer Tevje mit viel Herz, der am stärksten berührt, wenn er mit Gott – „einerseits…, andererseits… – über sein Schicksal hadert, den Humor dabei aber nie verliert. Allerdings hat man schon charismatischere Milchmänner erlebt. Das gilt auch für seine Ehefrau Golde, für die mit Maya Hakvoort eine Musical-Legende aufgeboten wird. Spröde und pragmatisch hält sie ihre Familie zusammen – und ihren Träumer Tevje unter Kontrolle. Die Schlüsselszene des Paares – das Duett „Ist das Liebe?“ – verfehlt ihre rührende Wirkung nicht, aber auch das hat man schon intensiver, „gefühlsechter“ vorgeführt bekommen. Dafür wirkt die burleske Traumszene mit der Erscheinung der Großmutter Zeitel (Tanja Golden) eine Spur zu überdreht.

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Traumszene: Großmutter Zeitel (Tania Golden) erscheint Golde und Tevje.

 

Die Rollen der drei Töchter im heiratsfähigen Alter, Zeitel, Hodel und Chava, werden von Anna Burger, Marianna Lisa Herzig und Valerie Luksch mit viel Liebe und Mut zur Veränderung dargestellt. Zeitels herzensguter Bräutigam, der bitterarme Schneider Mottel (Alexander Donesch) bedeutet ihr mehr als der reiche, alte Fleischer Lazar Wolf (Josef Forstner). Der kein Risiko scheuende, von Revolution nicht nur träumende, sondern sie aktiv vorantreibende Intellektuelle Perchik (Stefan Bleiberschnig) bekommt Hodel zur Frau, die ihm in die Verbannung nach Sibirien folgen wird. Keine Einwilligung erteilen kann Tevje allerdings zur Verehelichung seiner Tochter Chava mit dem nichtjüdischen russischen Soldaten Fedja. Einen Segenspruch schickt er ihnen letztlich bei ihrem Abschied doch noch nach. Aufbruch allerorts. Und am Schluss muss die ganze jüdische Bevölkerung binnen drei Tagen Anatevka für immer verlassen.

Von den vielen weiteren Rollen erwähnt seien noch Shlomit Butbul als umtriebig-geschwätzige Heiratsvermittlerin Jente und Dominik Kaschke als Wachtmeister, der sich Tevje gegenüber zwar wohlwollend gibt, aber, wenn es darauf ankommt, eben zu allererst seine Pflicht tut.

Coronabedingt sind manche choreografische Einlagen nicht nachbar, aber der eindrucksvolle Flaschentanz (Choreografie Natalie Holtorn) darf ebenso fehlen wie eine russische Tanzeinlage.

Das Orchester der Bühne Baden unter der Leitung von Franz Josef Breznik beweist wieder einmal, wie hervorragend man in einem Drei-Sparten-Haus – demnächst steht La Traviata auf dem Programm – von einem Genre in das andere wechseln kann: Diesmal ist es exzellente, mit Klezmerklängen angereicherte Musik aus einem der weltbesten Musicals.

 

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