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BADEN / Musiksalon: Klavierduo NEMIROVITCH & DIMITRIEVA

Spannende musikalische Neuentdeckungen und Wiederbegegnungen

30.05.2022 | Konzert/Liederabende
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Katia Nemirovitch-Danchenko und Masha Dimitrieva. Alle Fotos: Masha Dimitrieva

BADEN / Musiksalon Fleischberger: Katia NEMIROVITCH-DANTCHENKO &  MASHA DIMITRIEVA

29. Mai 2022

Von Manfred A. Schmid

Klavier zu vier Händen. Bekannt aus dem Unterricht, wo Kompositionen für diese Besetzung es dem Lehrer und dem Schüler ermöglichen, gemeinsam zu muszieren und sich aufeinander ein- und abzustimmen. Klavier vierhändig erinnert aber auch an die Tradition der Hauskonzerte im 19. Jahrhundert, als – beginnend mit dem Biedermeier – angestrebt wurde, die opulente Klangwelt von Orchesterwerken durch deren Bearbeitung für zwei Klavieren in den eigenen vier Wänden, vor einer Handvoll eingeladener Freunde, nachzuempfinden. Zudem war diese Klaviermusik natürlich immer schon eine eigenständige Gattung, die sich über die Jahrhunderte weiterentwickelt hat und in letzter Zeit – mit Klavierduos wie den Brüdern Eduard und Johannes Kutrowatz oder den Labeque-Schwestern – vermehrt in Konzertsälen anzutreffen ist.

Dennoch gibt es immer noch zu wenig Gelegenheiten, um sich mit dieser Gattung zu beschäftigen. Umso lobenswerter die Privatinitiative des Badener Orgel- und Klavierbauers Hans Fleischberger, in seinem Musiksalon, der atmosphärisch einzigartig ist und seit über 30 Jahren besteht, dem interessierten Publikum wieder einmal ein intimes, gemeinsames Erleben auch dieser Art von Musik zu vier Händen zu bieten.

Das Klavierduo Katia Nemirovitch-Dantchenko & Masha Dimitrieva eröffnet sein Konzert mit Mozarts Sonate in D-Dur KV 381, die der 16-jährige Mozart für sich und seine Schwester Nannerl geschrieben hat.  Ein frühes, kleines Meisterwerk. Die beiden Pianistinnen lassen im 1. Satz die fröhlich-heitere Stimmung erblühen, gestalten das folgenden Andante mit der ihm innewohnenden Ruhe und Gelassenheit, während der Schlusssatz, Allegro molto, ein geistreicher musikalischer Spaß ist und den Übermut des jungen Genies zum Ausdruck bringt. Dass das zweite Thema dieses Satzes dann trotzdem mit „dolce“ charakterisiert ist, verweist auf die Originalität seines Schöpfers, dem Widersprüchliches, Überraschendes nicht fremd ist.

Masha Dimnitrieva, die u.a. das gesamte Klavierschaffen des Mozart-Zeitgenossen Ígnaz J. Pleyel eingespielt hat, ist Gründerin eines eigenen Labels, Sonuns Eterna, in dem sie sich mit Vorliebe der Entdeckung und Verbreitung von Werken unbekannter Komponisten aus Vergangenheit und Gegenwart widmet. Es ist also nicht verwunderlich, dass in diesem Konzert neben bekannten Größen auch nicht so geläufige Namen vorkommen. Einer davon ist Johann Baptist Woelfl, ein weiterer Mozart-Zeitgenosse, der in ganz Europa als Klaviervirtuose und Komponist zeitlebens (1773–1812) hohes Ansehen genoss. Die dargebotene Sonate C-Dur op. 17 enthält viele Merkmale der Wiener Klassik, wo er vor allem an Haydn anknüpft, verweist aber auch schon auf die folgende Romantik.

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Weitgehend vergessen ist das Klavierwerk französische Pianistin und Komponistin Cécile Chaminade (1857-1944), nur ihrem Concertino für Flöte und Orchester op. 107 kann man in Konzertsälen hin und wieder begegnen. Die drei Stücke aus Piece Romantique op. 55 – Primavera, La chausse á porteurs und Sérénade d‘ automne – beeindrucken durch ihre breit geschwungenen melodischen Bögen, sind spätromantisch gefärbt und technisch anspruchsvoll. Die elegante Gestaltung durch Katia Nemirovitch-Dantchenko und Masha Dimitrieva betont die impressionistischen Züge ihres Kompositionsstils, kann aber den Eindruck, der Salonmusik nahezustehen, nicht ganz kaschieren.

Nach der Pause wird es virtuos. In Sergei Rachmaninovs „Waltz“ (Walzer) aus der Suite op. 11, kann das Klavierduo seine technische Brillanz und interpretatorische Auslotung voll ausspielen, handelt es sich dabei doch um eine Komposition, die höchste Ansprüche an die Ausführenden stellt. Sowohl Rachmaninov, der Klaviervirtuose wie auch Rachmaninov, der fein nuancierte, farbenreiche Komponist, kommen zu ihrem Recht. Beim Zuhören wird einem klar, dass hier erstklassige Pianistinnen zueinander gefunden haben und sich wunderbar ergänzen. Katia Nemirovitch-Danchenko, bekannt für ihre internationalen Meisterklassen und ihre Vorliebe für den argentinischen Tango, und Masha Dimitrieva, die engagierte Kämpferin für die Wiederentdeckung von zu Unrecht vergessenen und nicht beachteten Komponistinnen und Komponisten, sind eine aufregende, spannende Paarung.

George Gershwins Summertime ist ein Evergreen, den man schon in verschiedensten Bearbeitungen und Cover-Versionen gehört hat, darunter Instrumentalversionen von Jazzbands, Tanzkapellen, Caféhaus-Geigern und Straßenmusikern. Das Arrangement dieses so schönen und einfachen Lieds für zwei Klaviere von Misscha Portnoff klingt allerdings etwas zu überladen und wird dem innigen Charakter dieses Stücks, das aus einer 16-taktige Melodie in a-Moll besteht, die zum Ende in C-Dur mündet, nicht gerecht.

Am Schluss steht ein Werk des amerikanischen Komponisten Gordon Sherwood, eine der wichtigsten Entdeckungen von Masha Dimitrieva, die aus dem „unbekanntesten bekannten Komponisten“ (Selbstdefinition) in unermüdlicher Arbeit einen Komponisten gemacht hat, den man zu schätzen und wieder aufzuführen begonnen hat. Die Sonate op. 66 ist, wie viele seiner Klavierwerke, geprägt von der Musik des Heimatlands des Weltbürgers und unermüdlichen Globetrotters. Blues und Boogie schimmern durch, die unendliche Gelassenheit und die leichte Beschwingtheit, die die zwei Sätze prägen, übertragen sich auf die Befindlichkeit des Publikums. Manche wippen mit, innerlich vermutlich alle.

Langanhaltender und begeisterter Applaus ist der Dank für einen abwechslungsreichen, fein abgestimmten Konzertabend, der viele Überraschungen und viel Unbekanntes bereit hatte und sich auch dadurch von üblichen Angeboten unterscheidet. Die Künstlerinnen ihrerseits bedanken sich beim Publikum mit einer fulminanten Zugabe: Rimsky-Korsakows Fantasie über den neapolitanischen Gassenhauer „Funiculi, Funiculà“. Ein in allen Farben leuchtendes, brillantes musikalisches Feuerwerk.

 

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