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BADEN/ Bühne/ Sommerarena: EVA – Großartige Lehár-Wiederentdeckung in Baden

31.07.2021 | Operette/Musical

Großartige Lehár-Wiederentdeckung in Baden: „EVA“ – Pr. 30.7.2021

EVA — Bühne Baden
Sujet: Bühne Baden

Im „Merker“-Heft 5/2020 widmeten wir Franz Lehár anlässlich seines 150. Geburtstags einen umganreichen Leitartikel. Die verschiedenen  Beiträge offenbarten eine  Vielzahl an Kompositionen, die heutigen Theaterbesuchern noch weitgehend unbekannt sind. Er hat die unterschiedlichsten Themen mit stets passender, origineller und anspruchsvoller Musik lebendig werden lassen.
Zu den originellsten Operetten gehört zweifellos die Geschichte des attraktiven Waisenkindes Eva, die, eben großjährig geworden, über ihr eigenes Leben entscheiden darf und einen ungewöhnlichen gesellschaftlichen Aufstieg erlebt. Für die nunmehrige Badener Titelheldin Sieglinde Feldhofer, die uns damals über ihre Lehár-Erfahrungen einen begeisterten und begeisternden  Bericht lieferte, ist es die nunmehr 9. Lehár-Rolle, die sie singen und gestalten darf. Da auch die exzellente Inszenierung des Badener Intendanten Michael Lakner, die musikalische Wiedergabe unter Franz Josef  Breznik und die Besetzung aller übrigen Rollen für dieses ungewöhnliche Operetten-Sujet einnimmt, sei der Besuch einer Reprise (31.7., 6., 8., 10., 19., 21., 22., 28., 29.8. und 2.9.) allen Musiktheaterfreunden wärmstens empfohlen.

Die Handlung spielt – ganz ungewöhnlich für eine Operette – in einem französischen Vorort von Brüssel in einer Glasfabrik. Durch ein Vermächtnis ist deren Besitz dem vormaligen Pariser Dandy Octave Flaubert zugefallen, dem Arbeit bisher fremd war. Der umsichtige Buchhalter der Fabrik soll ihm assistieren. Eva, von Werksführer Larousse  nach dem Tod ihrer Mutter väterlich betreut, ist seit ihrem 5. Lebensjahr das Patenkind der gesamten, nicht gerade noblen Belegschaft,  die aber offenbar, wie die Geburtstagsfeier für das eben volljährig gewordene Mädchen gleich zu Beginn  der Operette zeigt, Eva als etwas Höheres einstuft. Bereits bei der ersten Begegnung mit dem neuen Chef „funkt“ es zwischen den beiden. Das wohl Schönste an der von Lehár liebevollst vertonten Geschichte ist, dass Eva gescheit und charaktervoll genug ist, um sich nicht sofort der neuen Lebenschance hinzugeben, sondern erst nach langer Überlegung und Überprüfung des Liebesangebots ihre Zusage erteilt.

Natürlich muss es in einer Operette ein zweites, weniger seriöses Paar geben. In diesem Fall machen mehrere Herren andersgeartete Erfahrungen mit „Pipsi“, um die sich lebendigstes Spiel- und Tanztheater dreht. Der 16-köpfige Chor ist zudem gesanglich und tänzerisch (Choreographie: Anna Vita) amüsant zugegen. Die Kostümwahl von Friederike Friedrich ist, wie immer im mutigen Badener Stadttheater, perfekt, und die  Bühnenausstattung für die recht profanen Fabriks- und Büroszenen ebenso wie für den 2. Akt beim Tanzfest im Palais des Firmenchefs,  optimal. Dietmar Solt (gebürtiger Salzburger) heißt der Bühnenbildner, der mit der Gesamtausstattung des Richard Wagner Festivals Wels  (demnächst auch im Füssener „Tristan“ zu Gast) den  vielleicht international am meisten beachteten Erfolg erzielt hat).

Einmal mehr ist es Franz Lehárs Musik, die ebenso erfreut wie  erstaunen macht. Ersteres durch ihre Ästhetik, letzteres, weil er – seinem großen Zeitgenossen Richard Strauss nicht unähnlich – mit immer neuen instrumenatalen Raffinessen die jeweils zu den einzelnen Charakteren bzw. zur Bühnensituation passenden Einfälle aufweist. Zwischen tiefgründig und spritzig wechselnd, immer auf melodischer Basis, könnte man auch bei geschlossenem Vorhang erraten, worum es gerade geht. Der Hörgenuss in der Badener Sommerarena wurde dadurch erhöht, dass die Bläser in den Seitenlogen platziert waren und dadurch individuell besser zur Geltung kamen als im engen Orchesterraum. Gott sei Dank drang das südwärts von Baden niedergehende Gewitter  nicht bis in die schöne Kurstadt vor, sodass man bei offenem Dach die Abendluft genießen konnte. Die Musizierfreude aller Mitwirkenden war sichtlich und hörbar optimal, wie das nach der langen Corona-Pause derzeit wohl überall zu konstatieren ist.

Eine Besonderheit des Badener Stadttheaters war immer schon das Bekenntnis zur aktuellen Textgestaltunag  durch das Regieteam – diesmal vom Intendanten vorgenommen. Das betraf auch die wohl gekürzte „Eva“-Fassung, die in pausenlosen 90 Minuten ablief. Dass man darauf Wert legt, ebenso gute Sprecher wie – wenn erschwinglich – Sänger einzusetzen, ist erfreulich. Erstaunlich auch, dass bei den – größtenteils nicht deutschsprachigen Chormitgliedern –  kein fremder Akzent zu hören ist – abgesehen vom werkgetreuen Französisch rund um die Pipsi.

© © Christian Husar | Sieglinde Feldhofer, Reinhard Alessandri, Franz Födinger, Justyna Samborska
Sieglinde Feldhofer, Reinhard Allesandri, Franz Födinger. Foto: Christian Husar

Das hübsche, lebhafte junge Mädchen, das sich nach Höherem sehnt, von den Librettisten Alfred Maria Willner und Robert Bodanzky  ebenso liebenswert und klug  bedacht wie vom Komponisten, wird von Sieglinde Feldhofer  optimal verkörpert. Wie sie vom gesprochenem zum gesungenen Text übergeht, scheint das Natürlichste der Welt. Sehr berührend bereits bei der ersten Arie, wo sie ihre Liebe zur verstorbenen Mutter kundgibt. Stimmliche Probleme gibt es bei ihr überhaupt nie. Von der lyrischen Basis über Koloraturgewandtheit bis zum finalen glücklichen dramatischen Höhenausbruch erlebt man perfekten Gesang, der ausdrucksmäßig immer zur jeweiligen Situation passt. Das feinst ausgedachte Rollenporträt versteht sich bei Sieglinde Feldhofer, die ich schon in den unterschiedlichsten Rollen erlebt habe,  von selbst.

Reinhard Alessandri war ihr mit seiner expressiven Sprechstimme ein adäquater Partner. Sein Tenor hat die für Operettenpartien in der Regel unerlässliche sichere Mittellagenbasis und die in begrenzter Zahl verlangten, maskulin klingenden Höhen.  Ob er ebenso gut etwa Mozart oder Rossini singen könnte, steht hier nicht zur Debatte. Als Bühnenfigur ist er stets vorhanden. Sein Wechsel vom Tandy zum wahrhaft Liebenden war absolut glaubwürdig, zumal auch die Optik bestens passte.

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Foto: Dr. Sieglinde Pfabigan

Köstlich auch all die anderen Sängerdarsteller. Der rührend um Eva besorgte Ziehvater und „erste Werksführer“ Bernard Larousse hat in Franz Födinger einen rührend um sie besorgten Interpreten gefunden. Als Buchhalter der Firma, der sich an Klugheit rasch als dem neuen Chef  überlegen zeigt,  überzeugte Thomas Zisterer von Anfang bis Ende. Alexander Kröner als sein Freund Dagobert Millefleurs (köstlicher Name!) erwies sich im Umkreis der raffinierten „Pipsi“ als äußerst umtriebig. Claudia Goebl sang  und spielte diese Pepita Desiree Paquerette, die allseits begehrte, meist aber auch  leicht  durchschaubare „seconda donna“ durchaus glaubwürdig.

Treffliche Typen waren überdies: Mario Fancovic (Ein Diener/Chauffeur), Marco Ascani (Fredy), Glenn Desmodet (Teddy), Dessislava Flipov (Elly), Maria Koreneva (Gigi) sowie Tsveta Ferlin und Ekaterina Polster als 1. und 2. Arbeiterin. Sämtliche Chordamen und-herren waren ebenso köstliche Typen.

Evviva Lehár!!
 Sieglinde Pfabigan

 

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