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BADEN-BADEN: „LAC“ – mit Les Ballets de Monte Carlo 18.6. – Neu und elegant belebter Mythos

20.06.2016 | Ballett/Tanz

Festspiele Baden-Baden

„LAC“ mit Les Ballets de Monte Carlo 18.6.2016 – Neu und elegant belebter Mythos

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Profiliert aufgewertetes Königspaar – Marianna Barabàs und Gabriele Corrado. Copyright: Alice Blangero

Zu Beginn des Jahres hat Alexej Ratmansky die Urfassung von Tschaikowskys berühmtestem Werk mit dem Zürcher Ballett mit viel Liebe zum Detail, aber auch befreit von allem überflüssigen Ausstattungs-Pomp, rekonstruiert. Bereits im Dezember 2011 war auch Jean Christophe Maillot bei seiner Choreographie für die die seit gut 20 Jahren von ihm geleiteten Les Ballets de Monte Carlo auf die ursprüngliche Partitur von 1877 zurück gegangen, konzentrierte sich dabei aber im Rahmen seines an unsere Zeit verständlicher heran geholten Schwanenmythos unter Entledigung aller reinen Divertissements und Tanznummern auf die erzählerisch vorwärts drängenden Teile. Auf diese Weise entstand Hand in Hand mit Maillots raffiniert Altes und Neues kombinierender choreographischer Handschrift ein auf eineinhalb Stunden Dauer komprimiertes Tanz-Drama. (Libretto und Dramaturgie: Jean Rouaud)  Mit zwei Vorstellungen gastierte die als späte Nachfolger der legendären Ballets Russes zu betrachtende, 1985 von Prinzessin Caroline gegründete monegassische Compagnie jetzt im Festspielhaus Baden-Baden.

Maillots Ansatz ist die Aufschlüsselung des alten Märchens durch psychologische Motive ohne den wesentlichen Kern dabei anzutasten. Der schlicht auf „Lac“ = See verkürzte Titel lässt mehrere Möglichkeiten offen, wobei die Schwäne nicht das Wesentliche sind. Es könnte genauso gut ein aus Tränen des Kummers und der Trauer gespeister See sein. Die königliche Geschichte rückt in klassisch zeitloser, ganz entschlackter Form an eine modernere Zeit heran – mit stilisierten Thronsesseln und großen Steingebilden in den beiden Naturszenen (Bühne: Ernest Pignon-Ernest ), die die volle Konzentration auf die schlicht eleganten, ebenso schicken wie charakterlich treffenden Kostüme von Philippe Guillotel ermöglichen. Anstatt einer bloßen Erzählung der gegenwärtigen Vorgänge geht Maillot der Ursache für das böse Element, für das Austricksen des Prinzen durch den dunklen, traditionellen Zauber Rotbarts auf den Grund und ersetzt diesen durch eine Majestät der Nacht, die als Rivalin des elterlichen Königspaars zu verstehen ist und ihre vom Prinzen einst als Kind abgelehnte Tochter rächen möchte, in dem sie ihr Kind vorschickt und den künftigen Herrscher durch Vertauschen der weißen und schwarzen Schwanenfrau in den Verrat seiner Liebe treibt. Die Vorgeschichte der Tat, jene Begegnung des Prinzen mit dem weißen Mädchen, und die ungebeten ihre schwarze Tochter aufdrängende Königin der Nacht, wird in einem Fantasy ähnlichen Schwarz-Weiß-Film mit Unheil dräuender akustischer Kulisse gezeigt, ehe die Leinwand die Bühne für das jetzige Geschehen frei gibt.

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Raffinierte Geometrien – Maude Sabourin (Majestät der Nacht) mit George + Alexis Oliveira (Erzengel). Copyright: Alice Blangero

Die Frauen, die sich zunächst um die Hand des auf der Schwelle zum Erwachsenwerden stehenden Prinzen bewerben, entpuppen sich alle samt als Gesellschaftszicken mit den Charakterzügen der Eitelkeit, der Wollust, der Gleichgültigkeit und der Unersättlichkeit. Kein Wunder, dass sich der Prinz nur nach jenem weißen Mädchen von einst sehnt, die inzwischen ein wechselndes Tag- und Nachtdasein als Frau bzw. Schwan führt. Offensichtlich gab es  zwischen dem König und der majestätischen Nacht eine frühere Verbindung, die sowohl die Königin als auch den Prinzen zu spüren glauben, so dass wir es hier mit einem Dilemma der Eltern zu tun haben, in das die Kinder mit hineingezogen werden. Daneben scheint aber auch noch eine engere Bindung des Prinzen zu seinem Vertrauten zu bestehen, so dass homoerotische Beziehungskräfte (in Anlehnung an Tschaikowskis Neigungen) zumindest denkbar sind, aber auf jeden Fall ein zusätzliches Spannungsfeld in den Konflikt bringen.

Jedenfalls ist es ein weiterer Grund, warum die Geschichte nicht gut enden kann, doch Maillot lässt die beiden im See ihrer Tränen ertrinkenden Königskinder nicht hoffnungslos im Sturm der aufgepeitschten Elemente untergehen, und so schließt sich der Kreis der mit einer Überwältigung begonnenen Ereignisse durch den ebenso hinreißend übermächtigen Vorgang, in dem sich ein vom Wind geblähtes schwarzes Zelt über die Szene senkt, mit den letzten Takten wieder nach oben gezogen wird und alles im Nichts einer besseren Zukunft oder eines Neubeginns auflöst.

Als einstiger Tänzer in John Neumeiers Hamburger Compagnie hat Maillot die klassischen Tugenden soweit verinnerlicht, dass sie auch die Basis seines Schaffens bilden. Wie er allerdings herkömmliche Sprünge und Drehungen, Arabesquen und Tendues z.B. mit Hände- und Schenkel-Klatschen kombiniert, Linien in ungewohnte Winkel dehnt und kippt oder durch kleine Gesten des Kopfes und der Hände der rein tänzerischen eine erzählende Kraft beigesellt, das macht aus den erwähnten erweiterten Fäden der Handlung ein beständig gesteigertes Tanzdrama, bei dem nichts überflüssig erscheint, aber gesamtbildlich gesehen doch ein neoklassisch fließendes Ballett mit wenigen Soli, einigen Duos, aber vor allem wechselnden Gruppen bleibt.

Die Chimären genannten Schwäne sind hier einerseits durch ihre bis in die Finger reichenden Federn wildere Geschöpfe, andererseits zeigen sie sich bei Nacht in glatten weißen Trikots als auch mit den Füßen schlagende rebellische Frauen. Durch den Verzicht auf die traditionelle Doppelrolle Odette/Odile wird eine direkte Gegenüberstellung der beiden Kontrahentinnen mit schroffen Reaktionen ermöglicht. Die Majestät der Nacht erscheint ähnlich der Carabosse in Marcia Haydées Stuttgarter „Dornröschen“ mit einem riesigen schwarzen Umhang, unter dem sie auch ihre Tochter und zwei als Gehilfen eingesetzte Erzengel in dreiviertel Montur verbirgt. Sie ist zwar die dominierende Instanz in diesem vergegenwärtigten Mythos, reiht sich aber mit allen anderen Solisten auf ein gleichmäßig hohes tanzdarstellerisches Niveau. Maillots Compagnie ist als geschlossenes Ensemble zu betrachten, in dem keine/r mehr brilliert als der/die andere, und wozu sie in dieser trotz hoher technischer Ansprüche nicht auf Virtuosität ausgelegten Schwanensee-Version auch keine Gelegenheit haben.

Dennoch sind alle Solisten einzeln zu würdigen: Lisa Hämälainen als überragend große und einfühlsamer Weißer Schwan, Victoria Ananyan als ihr auch mal fauchendes Gegenbild, Stéphan Bourgond als hin- und her gerissener Prinz, Daniele Delvecchio  als dessen pfiffig mitmischender eigengewichtiger Vertrauter, Maude Sabourin als herrscherische Königin der Nacht, George und Alexis Oliveira als ihr dienende Erzengel der Dunkelheit sowie Gabriele Corrado und Marianna Barabàs als enorm aufgewertetes und deutliches Profil gewinnendes elterliches Königspaar. Die Gruppentänzer fügen sich nahtlos in dieses dicht inszenierte und choreographierte Spektakel, wobei jede/r bestimmt ohne Abstriche auch in die Solorollen schlüpfen könnte.

Nicolas Brochot, der musikalische Berater des Ensembles, vermochte die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz mit viel Gespür, aber auch Antrieb zu leidenschaftlicher Entfaltung auf die farbig satte Musik Tschaikowskys einzuschwören, dabei die unterschiedlichen bühnenkongruenten Tempi zu wahren und bei aller naheliegenden Bombastik einen federnden Teppich zu legen.

Die stehenden Ovationen für die gesamte Compagnie lagen gegen Ende hin bereits in der Luft und waren die konsequente Reaktion aufgestauter Faszination. Ein Ballett-Ereignis!

 Udo Klebes

 

 

 

 

 

 

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