Baden-Baden: „ELINA GARANCA-MÜNCHNER PHILHARMONIKER-ROBIN TICCIATI“ – 13.12.2022

Foto: Andrea Kremper
War mir innerhalb weniger Wochen das Glück beschieden Gustav Mahlers „Siebte“ und „Neunte“ mit Elite-Orchestern erleben zu dürfen, gesellte sich nun im Festspielhaus nun die „Dritte“ in glanzvoller Soli-Besetzung mit Elina Garanca sowie den Münchner Philharmonikern unter der Stabführung von Robin Ticciati hinzu. Jedoch erhielt meine vorfreudige Euphorie bereits während der ersten Spielminuten einen kräftigen Dämpfer und stellte ernüchternd fest, dass das orchestrale Level nicht annähernd mit den vorab gehörten Qualitäten konkurrieren konnte. Durfte ich meinem Konzert-Leporello glauben erlebte ich die „Dritte“ heute zum 14. Mal und zu meinem Leidwesen nicht in optimaler Formation, doch davon in späterer Erwähnung.
Die Faszination und Attraktivität von Gustav Mahlers spätromantischen Weltentwürfen bleibt nach wie vor ungebrochen. Dazu gesellte sich noch ein weiteres Phänomen: wer einmal vom Mahler-Virus infiziert wurde bleibt für immer befallen, will das Ganze, so auch der Rezensent dessen große Liebe ganz besonders der „Zweiten“ und „Dritten“ des melancholischen Meister gilt. Nun waltete Robin Ticciati am Pult der Münchner Philharmoniker und hinterließ bei mir recht zwiespältige Eindrücke. Bisher erlebte ich die Münchner immer als präzisen Klangkörper, doch heute schienen die Musiker*innen nicht besonders motiviert und vermutlich lag es wohl auch am Dirigenten? Robin Ticciati wählte eine für mich irritierende Auslegung, seine Generalpausen, seine Laut-Leise-Proportionen fanden in meinem Gehör nicht immer die positive Anteilnahme. Keineswegs fehlte seiner Interpretation die Aura einer gewissen Professionalität, welche dem Notentext eine natürliche Dynamik verlieh.
Mächtig erschallten die Trompeten und Hörner, leiteten im Marschrhythmus den ersten Satz ein, die Themen flossen ineinander über Klippen und Abgründe führten Wege zu neuen Motiven, welche wachsend wie Geschöpfe der Natur anmuteten. Ticciati verband mit dem wachsam musizierenden Orchester klare Linien, baute stilsichere Proportionen zwischen den Instrumentalkörpern, keine Piccoloflöte sprang vorwitzig hervor, verzerrte das Klangbild. Die Dynamik des Gehörten war von immenser Tonalität mit prägnanten Holz- und Blechbläser-Soli jedoch schlichen sich hier die ersten Diskrepanzen ein, welche sich im weiteren Verlauf leider wiederholten. Nun habe ich grundsätzlich für alles Menschliche Verständnis – Nobody is perfect, absolut Niemand! Und dennoch gehen so kleine Misstöne ins Ohr und bleiben im Gedächtnis des Zuhörers haften. Großartig vereinten sich die Streichergruppen in den Detail-Themen im Wechsel aus starrer Materie allmählich zum pulsierenden Leben, auffällig erblühte das vordergründige Vorherrschen teils düsterer, teils heiterer oder grellfarbiger Marschmusik vom Klangapparat in bester Formation interpretiert.
Naturrealistisch begann der zweite Satz, ein Menuett den Wiesen und Blumen gewidmet, Wind fegte darüber hinweg, schüttelte Blüten und Blätter, alles schien zu ächzen um Erlösung flehend. Im dritten Satz gelangen Mahler kompositorische Einblicke in die Welt der Fauna, sein Lied Kuckuck hat sich zu Tode gefallen wurde intoniert. In ausgelassener Heiterkeit formierte sich die Tierwelt zur schier wilden musikalischen Groteske, das Trio inmitten malte mit mildem Hörnerklang und süßen Kantilenen ein romantisches Sommeridyll, die Tiere im Walde rauften sich aufs Neue, helle Fanfaren setzten ihrem lustigen Treiben ein Ende.
Das Adagio des vierten Satzes setzte den Menschen in den Focus. Das Altsolo sang Worte aus Nietzsches „Zarathustra“, thematisch folgten variabel musikalische Motive aus dem ersten Satz. Mysteriös wirkte das Ganze in seiner philosophischen Tendenz in schroffem Gegensatz zum vorherigen Stimmungsbild. Elina Garanca war die bezaubernde Solistin, das weiche wunderschöne Timbre, die melodisch-fließende Stimmführung dieses prachtvollen farbenreichen Mezzosoprans prädestinierten die Ausnahme-Künstlerin als Mahler-Interpretin von hohem Rang. Ein Genuss dieser wunderschönen Stimme zu lauschen, ein kulinarisches Labsal für das Gehör.
Lustig, keck erhob sich das Bimbam des Tölzer Knabenchores (Christian Fliegner) im fünften Satz, in höhere Gefilde entführten zu Versen Es sungen drei Engel ein süßen Gesang aus „Des Knaben Wunderhorn“ die Damen des Philharmonischen Chores München (Andreas Herrmann).
Das Adagio des Finalsatzes dieses herrlichen atmosphärischen Werkes widmete sich schließlich der Liebe, den alles versöhnenden Mächten, streifte erneut die Thematiken der Symphonie, steigerte sich aus verhalten sanglich-weichem herrlich musiziertem Streicherklang in einer traumhaften Melodie, nicht mehr von dieser Welt in höhere Sphären. In leidenschaftlicher Emotion erhob sich das Instrumentarium zum hymnisch-weihevollen Ausklang entrückt jeglicher Erdenschwere.
Ohne Innehalten wurde applaudiert, die Begeisterung des Publikums fand bei Garanca und allen Mitwirkenden schier keine Grenzen.
Gerhard Hoffmann

