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BADEN-BADEN: „IGOR LEVIT-MÜNCHNER PHILHARMONIKER – VALERY GERGIEV“. 28. Brahms-Tage in Baden-Baden

26.09.2021 | Konzert/Liederabende

Baden-Baden: IGOR LEVIT-MÜNCHNER PHILHARMONIKER –      VALERY GERGIEV“   –  25.09.2021

 

  1. Brahms-Tage in Baden-Baden

Mit Pauken und Trompeten startete das Festspielhaus mit namhaften Gästen in die neue Opern- und Konzertsaison und so gastierten u.a. der Pianist Igor Levit begleitet von den Münchner Philharmonikern unter der Stabführung seines Chefdirigenten Valery Gergiev an der Oos. Der Abend stand im Zeichen zweier „B´s“, absoluter Musikgiganten und wurde mit dem „Ersten Klavierkonzert“ von Johannes Brahms eröffnet.

Vor knapp zwei Jahren hörte ich Igor Levit erstmals mit diesem Werk, mir erschien der Klavier-Virtuose nun gereifter, hat den pianistischen Olymp inzwischen erklommen und  sich dort etabliert zu haben. Dieser Brahms dürfte in Beethoven-Chopin etc. gewöhnten Ohren nicht als leichte Kost gelten, jedoch liegt gerade hier der besondere Reiz und ich freute mich umso mehr auf das relativ seltener gespielte „Erste“. Kaum ein anderes Werk des Komponisten hatte eine so lange andauernde, verwickelte Entstehungsperiode wie jenes Klavierkonzert. Im Jahre 1854 zunächst als Sonate konzipiert gelang es als Konzert nach diversen Umarbeitungen am 22. Januar 1859 in Hannover zur UA.

Von geradezu titanischen Ausmaßen erschien der erste Satz, allein bedingt durch die mit 90 Takten ausgeweitete Orchester-Exposition zum wild auffahrenden Einleitungsthema mit seinen Intervallsprüngen und Trillerkaskaden.  Brahms schrieb diese Art Trauermusik zur Nachricht des Suizidversuchs seines Freundes Robert Schumann. Nach den tristen Gedanken der wehklagenden hellen und dunklen Streicher-Sequenzen, den überleitenden Holzbläsern erhielt das Solo-Instrument endlich seinen ersten Einsatz. Nach gemilderten orchestralen Seitenthemen führte das Klavier einen versonnenen Ego-Dialog. In ungemeiner Ingenuität eröffnete Igor Levit sein Spiel geprägt von tiefer Brahms-Liebe in warmen Klangfarben voller Poesie. Der Notentext schien für ihn, den kritischen Denker höchstes Gut zu sein. Locker ohne Forcierung musizierte der Pianist die dynamische Satzfolge aus und hatte dennoch im großen Raum des Ausdrucksspiels, jede Menge überraschender Effekte bereit. Nicht Jedermanns Geschmack die akribische Analyse des charismatischen Künstlers, für mich jedoch höchst interessant diese Präsentation einer völlig neuen Brahms-Sichtweise. In zuweilen ungestümer Frische, handwerklich jedes Zweifels erhaben, kontrastiert legte der versierte Pianist sein enormes musikalisches Spektrum dar.

Mit feinem Gespür für lyrisch-melancholische Zwischentöne zeichnete Levit das Adagio, sein Spiel glich einer Synthese aus Klarheit, romantischem Schmelz, herrlichem Legato, präziser feingetönter Tasten-Meditation.

Gleich einem Nachsinnen über die Musik, in deren Strukturen eintauchend, den Pathos welcher die Komposition innehält,  Spannungsbögen wohldosiert offerierend  begleitete Valery Gergiev mit den hervorragend disponierten, klangvoll aufspielenden Münchner Philharmonikern und standen dem Solisten in effektvollen orchestralen Piani-Forte-Dimension akkurat zur Seite.

Empfindsam in pianistischer Brillanz durchdrang Levit die thematischen Stimmungen, strukturellen Winkel des Rondos. Wunderschön gelangen die fugierten Varianten zwischen Klavier und Horn, berückende wie gleichsam spektakuläre Momente in kühner technischer Punktierung und Dynamik des Anschlags. Spannungsreich präsentierte sich  die kompositorische Obligation zwischen Piano und Orchester,  temporär gipfelnd im finalen Klangrausch. Nach kurzer herrlich phrasierter Klavier-Kadenz verklang das Werk in herzhaftem Ausklang.

Wogen der Begeisterung schlugen dem Künstler entgegen, die Levit mit innig dargebotenen „Kinder-Szenen“ (Schumann) bedankte.

Nach der Pause vernahm man  sodann das Hauptobjekt meiner musikalischen Begierden die „Sechste“ von Anton Bruckner. Als der Komponist das Werk im Jahre 1881 vollendete war er bereits 13 Jahre in Wien ansässig und dennoch wurden von den Wiener Philharmonikern erst 1883 nur die beiden Mittelsätze aufgeführt. Entgegen der vielen Korrekturen welche Bruckner an den meisten Symphonien vornahm, blieb die Sechste verschont, es gibt also nur die eine authentische Version welche sich genau am Manuskript des Komponisten orientiert. Zudem wurde sie vom Meister in eigenwilliger Orchestrierung angelegt, von ihm gar selbst als „Keckste“ bezeichnet.

Das einleitende Maestoso eröffnete Valery Gergiev mit seinen hervorragend disponierten Münchner Philharmonikern in einer stillen Ostinato-Figur in hoher Violinenlage aus welcher sich langsam aber kräftig das Hauptthema aus den Celli und Kontrabässen erhob. Prägnant formte der Dirigent seinen Klangkörper in die für Bruckner typischen Kombinationen, in die Tuttiüberschwänge und leitete zum Satzfinale das niederstürzende Unisonomotiv zu neuen ausufernden Steigerungen, um es sodann in Exposition verebnen zu lassen.

Im Adagio beschwor Gergiev mit der klagenden Oboe, den tiefen dunklen Streicher-Kantilenen die weitschwingend-empfindungsvolle hymnische Trauerweise, hob zugleich unverkennbar die qualitative Spielkultur seiner Philharmoniker hervor. Im melodischen Bogen des sphärisch anmutenden Satzes, im ungemein modulationsreichen Musizieren des exzellenten Klangkörpers, wähnte man sich dem Himmel nahe. Wunderbar wurden die Themen als Steigerungselemente effektvoll variiert, beschlossen klar formell konzentriert den finalen Ausklang auf geradezu verklärte Weise.

Entgegen der sonstigen Scherzo-Sätze mit den größtenteils energischen Tonstufen klingt das in der Sechsten anders als alles was der Tonschöpfer davor komponierte. In phantastischer Atmosphäre zog eine Mixtur diverser Elemente an uns vorüber in klaren Differenzierungen von Streichern sowie Holz- und Blechbläsern. Sehr melodisch erklangen die Pizzicati des langsamen Trios zum Dialog der Hornrufe mit den phrasierenden Holzinstrumenten. Traumhaft variiert nahm man die wunderbaren Takte mild und leise wahr und unterstrichen definitiv Bruckners große Wagner-Verehrung.

Tonale energische Kontraste, Hörner- und Trompeten-Fanfaren, in Amplitude verschleierte Melodien zu Turnus-Kombinationen prägten das Finale  individuell. Brillant vermittelte der Dirigent Instrumental-Dimensionen ohne Schärfen, türmte die gewaltigen Wogen der prächtig aufspielenden Musiker im An- und Abklingen zum exzellenten Klangdom, bot auf bezwingende Weise ein hörenswertes architektonisches Resümee exemplarischer Interpretation.

In einem wahren Begeisterungstaumel feierte man alle Beteiligten.

Dennoch lag ein Schatten auf dem Konzert gleich zu Beginn: um 19:05h betraten die Philharmoniker das Podium. Die Unpünktlichkeit des Pultstars Gergiev ist bereits legendär doch, dass sie nun auf das Orchester abfärbt – einfach unverzeihlich dem Publikum gegenüber, welches teils mit ICE etc. anreist.  

Gerhard Hoffmann

Zum letzten Absatz erhielten wir eine Richtigstellung:

Ich habe sehr interessiert Ihre ausführliche Kritik zum gestrigen Konzert in Baden-Baden gelesen. Ich war ebenfalls im Konzert und teile viele Ihrer Eindrücke.

Allein den Vorwurf an das Orchester, unpünktlich auf die Bühne zu treten aus Respektlosigkeit gegenüber dem Publikum, konnte ich nicht nachvollziehen. Aus meiner Perspektive lag es vielmehr an den zusätzlichen Kontrollen im Festspielhaus, dass die Gäste nicht alle um 19:00 auf ihrem Platz waren. Die Saaltüren wurden erst gegen 19:05 vom Vorderhausteam geschlossen, i.d.R. das Signal für den Orchesterauftritt.

Dafür das Orchester verantwortlich zu machen, schien mir nach diesem wunderbaren Konzert doch ein wenig unfair.

 

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