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BADEN-BADEN/Festspielhaus: SCHWANENSEE

Deutschland-Debüt von Maria Khoreva beim alljährlichen Gastspiel des Mariinsky Balletts

24.12.2018 | Ballett/Tanz

Der Besuch des Gastspiels aus St. Petersburg ist für mich seit Jahren fester Bestandteil meines Weihnachtsprogramms. Die klassische Choreographie von Kontantin Sergeev nach Marius Petipa und Lev Ivanov und die wunderschönen Kostüme von Galina Solovieva im Bühnenbild von Igor Ivanov erfüllen alle Erwartungen, die man an ein opulentes klassisches Ballett haben kann. Die historisch anmutende Optik der Produktion vermag Jahr für Jahr Ballettfans jeden Alters zu begeistern. Dass auch immer wieder neue Zuschauer angesprochen werden, konnte ich den Pausengesprächen entnehmen, in denen sich französische Besucher ehrfurchtsvoll und überrascht über das hier im beschaulichen Kurort befindliche größte Opernhaus Deutschlands unterhielten oder eine andere Besucherin fragte, ob das Orchester aus Baden-Baden stamme.

Natürlich spielte im Orchestergraben das Mariinsky Orchester, welches ebenfalls für die Gastspiele an der Oos eingeflogen wurde. Die musikalische Leitung lag an beiden von mir besuchten Abenden in den Händen von Alexei Repnikov. Er vermochte es, sehnsuchtsvolle Passagen in bester russischer Manier zu gestalten. Dennoch klang einiges auch einfach nur knallig und da ich dies sowohl am 22.12. im Parkett als auch am 23.12. im 2. Balkon so empfand, würde ich es eher nicht der Akustik des Hauses zuschreiben. Die Koordination zwischen Tänzern und Orchester gelang sehr gut und insgesamt kann man sich die musikalische Umsetzung kaum besser wünschen.

Am ersten Abend gestaltete Viktoria Tereshkina Odette/Odile. Ihre Gestaltung der Rolle erschien mir verklärter und geheimnisvoller als die Interpretation von Ekaterina Kondaurova, die eher in unserer Welt beheimatet zu sein schien. Technische Perfektion und einen unbeschreiblich hohen Grad an Ausdrucksfähigkeit zeichnen beide Tänzerinnen aus. Prinz Siegfried wurde am 22. von Xander Parish und am 23. von Timur Askerov gegeben. Beide Herren vermochten es, ihre jeweilige Partnerin ins beste Licht zu stellen und konnten selbstverständlich auch mit eigenen Soli begeistern. Yaroslav Baibordin konnte mich als Narr stärker begeistern als Erwin Zagidullin, jedoch waren beide große Klasse und bestachen durch komödiantisches Talent.

Die ganz große Überraschung war für mich die Darbietung der erst 18-Jährigen Maria Khoreva, die am 22.12. ihr Deutschland-Debüt als einer der Freunde des Prinzen gab. Ich hatte zuvor nichts von dieser zauberhaften Ballerina mit der unglaublichen Bühnenpräsenz gehört und war insofern überrascht, dass mir die Interpretin dieser relativ kleinen Rolle so stark im Gedächtnis blieb. Tatsächlich hat sie erst im Sommer 2018 ihren Abschluss an der St. Petersburger Vaganova Akademie absolviert und wurde sofort als 1. Solistin ans Mariinsky Theater verpflichtet. Ein ähnlich steiler Karrierebeginn gelang zuvor nur Nijinsky, Nureyev und Baryshnikov. Schon heute ist die charismatische St. Petersburgerin Markenbotschafterin eines amerikanischen Sportmodelabels, sowie der Spitzenschuhmarke Bloch. Auf Instagram hat sie 259.000 Follower (die Wiener Staatsoper hat 51.300). Das allein macht noch keinen Superstar aus ihr, aber das künstlerische Potenzial und die Ausstrahlung dafür hat sie allemal.

Backstage-Aufnahme aus Maria Khorevas (rechts im Bild) Instagram Account: https://instagram.com/marachok

Insbesondere am zweiten Abend, als ich Karten hoch oben auf dem zweiten Balkon hatte, konnte ich beobachten, wie perfekt das Corps de Ballet sämtliche Figuren einstudiert hat. Lediglich für Bruchteile von Sekunden ließ sich erahnen, dass das Geschehen auf der Bühne nicht mit Zirkel und Lineal geschaffen, sondern von Menschen getanzt wurde.  Den dramatischen Abschluss meiner zweitägigen Reise in die Welt des Mariinsky Balletts liefert schließlich der Todeskampf des von Roman Belyakov verkörperten bösen Zauberers Rothbart.

Marc Rohde

 

 

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