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BADEN-BADEN/Festspielhaus: Musiktheaterprojekt „DIGGIN OPERA II – THINGS FALL APART“

25.04.2021 | Oper international

Live-Stream: Musiktheaterprojekt „Diggin Opera II – Things fall apart“ im Festspielhaus am 25.4.2021/BADEN-BADEN

Hoffen auf neue Zeiten

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Foto: Michael Bode

Schülerinnen und Schüler aus Deutschland und Irland haben in den vergangenen Monaten gemeinsam mit dem Festspielhaus Baden-Baden und verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern eine Oper im Internet entwickelt. Dieses interessante, gelungene Musiktheaterprojekt wurde am Offenburger Oken-Gymnasium sowie an der Limerick Educate Together Secondary School realisiert. Die Künstlerische Leitung haben die „CyberRäuber“ Björn Lengers  und Marcel Karnapke. Der Regisseur und Theaterpädagoge hat ein fantasievolles Bühnenbild hervorgezaubert, das Vorgänge des Unterbewusstseins eindringlich variiert. Zuweilen meint man, Gehirnstrukturen und abstrakte Formate zu erkennen, die die Bühne in ein seltsames blau-rotes Licht tauchen. Der Musiker und Komponist Micha Kaplan komponierte die Musik zu „Things fall apart“. Er studierte auch die Chorparts zusammen mit Rebecca Tüttelmann (Leiterin des Offenburger Gymnasiums) und den Offenburger Schülerinnen und Schülern ein. Die Sopranistin Dana Marbach interpretiert hier ihre expressive Partie zwischen Sprechgesang und elektrisierenden Intervallspannungen. Der Cellist Tom Kellner und die Hornistin Merav Goldman begleiten sie mit facettenreichen rhythmischen Figurationen und reizvollen thematischen Veränderungen.  In dieser zweiten Phase des Projekts „Diggin‘ Opera“ soll noch stärker als in Phase eins untersucht werden, inwiefern digitale Medien jungen Menschen helfen können, sich  für das vielschichtige Thema Oper zu begeistern. Mit Ausbruch der Corona-Pandemie wurde das gemeinsame digitale Arbeiten die einzige Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu bleiben. So fügt sich diese ungewöhnliche Oper im Cyber-Raum zusammen. Wichtig ist, dass das Gedicht „The Second Coming“ des irischen Dichters únd Nobelpreisträgers William Butler Yeats hier im Mittelpunkt steht. Thematische und szenische Ideen nehmen auch auf den apokalyptischen Inhalt dieses Gedichts Bezug: „Und welch rohes Tier, seine Zeit nun gekommen, kriecht auf Bethlehem zu, um geboren zu werden?“ So breitet sich zwischen Flüstern und Singen zuweilen eine alptraumhafte Stimmung aus. William Butler Yeats war als Dichter von der keltischen Mythologie, von Shakespeare und der Romantik beeinflusst. Er schrieb unter dem Eindruck des eben zu Ende gegangenen ersten Weltkrieges und inmitten einer weltweiten Pandemie dieses visionäre Gedicht. Dem will auch diese Aufführung  Rechnung tragen. Zentrale Fragen wie „Wo bin ich? Wer bin ich? Was bin ich?“ korrespondieren mit beklemmenden Gedanken über eine „unendliche Leere“ und dem unvermeidlichen Alleingelassensein: „Chaos ist normal“. Die Politik kann auch nichts ändern, neue Ordnung muss ins Chaos gebracht werden. Davon singt dann der Chor in Kanon-Form. „Ich hasse Homeschooling“ heißt es immer wieder, man fühlt sich den amerikanischen Firmen ausgeliefert, die alles besser beherrschen. 

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Foto: Michael Bode

Corona ist allgegenwärtig. Es ist den Jugendlichen hier jedenfalls sehr überzeugend gelungen, die Hoffnung auf neue und bessere Zeiten zu artikulieren. So wird es dem Zuschauer in den 45 Minuten keinen Moment langweilig. 

Alexander Walther

 

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