Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BADEN-BADEN/ Festspielhaus: „LISA BATIASHVILI – BERLINER PHILHARMONIKER – KIRILL PETRENKO“

30.03.2024 | Konzert/Liederabende

Baden-Baden / Festspielhaus: „LISA BATIASHVILI – BERLINER PHILHARMONIKER – KIRILL PETRENKO“ – 29.03.2024

Und noch ein Konzert-Schmankerl zu den „Osterfestspielen 2024“ am Karfreitag: Lisa Batiashvili glänzte mit dem wunderbaren „Violin-Konzert“ von Jean Sibelius im Festspielhaus. Während der letzten zwei Jahrzehnte hatte ich schon mehrmals das große Vergnügen der hervorragenden Künstlerin zu lauschen, seit der ersten Begegnung zählt die charmante und bescheidene Virtuosin zur Lieblings-Favoritin dieses Genres.

Zum dritten Mal erlebte ich Lisa Batiashvili mit diesem herrlichen Violinkonzert des finnischen Meisters, einem der schönsten Konzerte der Musikliteratur überhaupt.

Elegisch fein gesponnen erklangen die ersten Takte, in weitausschwingendem Atem zeichnete Batiashvili sodann in glasklarer Bogenführung  die melodischen Linien des Allegro moderato in schier überirdischer Schönheit der Kantilenen. Ihr Instrument klang einzigartig weich, warm, unglaublich rund und farbenreich strömten die Töne dahin, kraftvoll ohne sich im Plakativen zuverlieren spielte die Geigerin in atemberaubender Brillanz die variable Kadenz. Man wähnte sich hautnah in die nordische Hemisphäre der Seen und Wälder versetzt, im hemmungslosen Verströmen instrumentaler Sehnsüchte. Wie verklärt schien die Solistin in feiner, leiser Melancholie dem Adagio di molto zu begegnen aus welchem sie einen flüssigen seelenvollen Klang zauberte. Die Violine säuselte, adelte dieses unerschöpfliche melodische Füllhorn mit Eleganz und Noblesse, weinte schwermütig, dass es einem die Tränen in die Augen trieb.

Jenen thematischen Attributen vermochte natürlich Kirill Petrenko mit seinem famos aufspielenden Berliner Philharmonikern in Harmonie und Brillanz entgegen zu wirken, jedes Streicherweben wurde klanglich in feinnerviger Transparenz ausmusiziert, jedes Crescendo der bestens disponierten Bläserfraktionen erhoben sich paukenbeschwert zu formativer instrumentaler Klangorgie auf ganz besondere Weise im Finalsatz.

In überschäumender Ekstase, glutvoller Expressivität, charismatischer Intensität vernahm man Batiashvilis danse macabre, so vom Komponisten gar selbst tituliert, in tänzerischer schwungvoller Anmut entfesselte die intelligente Künstlerin im Dialog mit dem elitären Orchester in bizarren Intervallen während des  Allegro ma non tanto ein brillantes Kolorit-Feuerwerk. Dem Zuhörer erschloss sich in Vollendung komplexe Virtuosität, verborgen hinter pastellener Grazie.

Die Ovationen des enthusiastischen Publikums bedankte Lisa Batiashvil im Duett mit der Konzertmeisterin, begleitet von dunklen Streichern mit dem betörend interpretierten „Air“ von J. S. Bach.

Im Geiste der Romantik erklang zum Abschluss die  „Vierte Symphonie“ von Johannes Brahms. Diese letzte Symphonie des bedeutenden Komponisten unterscheidet sich im Merkmal von ihren drei Vorgängerinnen, bedingt der Diktion vergangener Jahrhunderte. Uralte Sakraltonarten leben in ihrer Melodik wieder auf: mittelalterliches Kolorit, barocke Formen etc.

Ohne Einleitung begann das Allegro non troppo dem Hauptthema des ersten Satzes und offenbarte bereits die klare durchkomponierte Instrumentalkunst des genialen Tonsetzers. Ähnlich einem Kanon oder Echo-Widerhall im Frage- und Antwortspiel zeichneten die akkuraten Holzbläser die melodischen Harmonien mit den bestens disponierten Hörnern, die Bässe und tiefen Streicher gesellten sich in fundamentalen rhythmischen Auflockerungen hinzu. Kirill Petrenkos Brahms-Interpretation erstrahlte in herbstlichen Farben, zu sämigem Streicherklang, dunkelgetöntem Bläsertimbre in atemberaubender Rasanz.

Gleich einer Ballade eröffnete Petrenko das Andante moderato vom Horn eingeleitet erhob sich das altertümliche harmonische Thema, einer melancholischen Bardenweise. Die Celli spannen  es betörend fort, die Violinen stimmten ein mit geheimnisvollen Figurinen, packend ließ der versierte Dirigent die Melodien anschwellen und verhallen, wie im Nebel der Zeit.

Paukendonner dröhnte durch den Violinenchor des Scherzo, wie Brahms keines zuvor komponierte, eine Seite seines Wesens enthüllend, welches sonst in keinem seiner Werke offenbar wurde. Wilder Humor, sprunghafte Verläufe voll leidenschaftlichen Spannungen von   präzise aufspielenden  Bläsern in grellen Farben gemalt, verliehen dem Allegretto giocoso

etwas Anarchisches, das Instrumentarium schien zu schreien, jubeln, stöhnen, flüstern und schäumte jäh in jagendem Presto wild auf.

Zur barocken  Form der Chaconne welche im  Allegro energico e passionato eingeschmolzen, krönte Brahms dieses Finale seines symphonischen Schaffens in besonderer Weise. Auf sehr hohem musikalischem Niveau musizierten die Berliner zu genialer Tonalität im variablen Reichtum dieses prächtigen Finalsatzes. Aus der Abgeklärtheit, aus dem Ernst, aus dem leidenschaftlich-düsteren Pathos einiger Momente, vernahmen wir die Stimme eines Menschen, berührte die Mahnung unser Herz, dass alles auf Erden vergänglich ist. Dynamisch bewegt in höchster Präzision musizierend ließ das exzellente Orchester, das Werk in klassischer Gestaltungsform ausklingen.

Mit tosendem Applaus und lautstarken Bravos verabschiedete das Auditorium die Berliner Gäste mit ihrem unvergleichlichen Maestro.

Das undisziplinierte Verhalten, das hemmungslose Bellen von Teilen des Publikums während der Satzpausen wurde zwar von Orchester-Mitgliedern amüsiert wahrgenommenen, jedoch sollte dem künftig das Management höflich aber bestimmt entgegen wirken. Nicht immer ist Christian Thielemann mit dem Taschentuch winkend zur Stelle dem munteren Treiben Einhalt gebietend.

 

Gerhard Hoffmann

 

 

 

 

Diese Seite drucken