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BADEN-BADEN/ Festspielhaus: PIQUE DAME. Die Handlung wird zum Sog

19.04.2022 | Oper international

Peter Tschaikowskys Oper „Pique Dame“ am 18.4.2022 im Festspielhaus/BADEN-BADEN

Die Handlung wird zum Sog

 Rasche Übergänge stehen im Mittelpunkt dieser interessanten Inszenierung von Moshe Leiser und Patrice Caurier. In den sieben Bildern dieser Oper wird so ein einheitlches Weltbild entwickelt. Vergilbte Fotos verbrennen auf einer riesigen Leinwand (Video: Etienne Guiol), das Ganze bekommt auch durch das weiträumige Bühnenbild von Christian Fenouillat, das Kostümdesign von Agostino Cavalca und die Maske von Sylvie Barrault und Rebecca Barrault nostalgische Züge.

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Foto: Monika Rittershaus

Zentrum der Bühne ist hier ein Bordell, wo sich Hermann und Lisa zum ersten Mal begegnen. Eigentlich soll sie den Fürsten Jelezki heiraten. Sie wird an ihn verkauft wie eine Kurtisane. Hermann spricht hingegen mit Leidenschaft zu ihr. So hat sie Hoffnung, ihrer schwierigen Lage zu entkommen. Ein Moment, den die Regie überzeugend herausarbeitet. Auch die Personencharakterisierung spielt bei dieser farbenreichen Inszenierung eine  große Rolle – etwa dann, wenn Surin seinem Freund Tschekalinski beschreibt, welchen verstörenden Eindruck Hermann auf ihn gemacht hat.

In Puschkins Erzählung hat  die Liebe für Hermann eigentlich keine Bedeutung. Im Libretto dagegen schon. Bei einer großen und grotesken Ballszene tritt sogar die Zarin Katharina die Große in Gestalt der alten Gräfin auf, von der Hermann unbedingt das Geheimnis der drei Karten erfahren will. In einem unglücklichen Moment erschreckt er sie zu Tode – und sein schlechtes Gewissen verfolgt ihn jetzt überall. Moshe Leiser und Patrice Caurier unterstreichen den dämonischen Charakter dieser Verfolgung, die schließlich im Selbstmord Hermanns endet. Sein Gegenspieler Jelezki hat ihm gesagt, dass er statt des Asses die Pique Dame gelegt hat. Die Aufführung betont diese hochdramatischen und packenden Momente ausgezeichnet. Man erkennt als  Zuschauer ebenso, dass es zwischen der Bühnenfigur Hermann und Tschaikowsky selbst eine enge und unheimliche Verbindung gibt. Die Wucht der Gefühle entlädt sich hier auch in den großen Massenszenen, die immer wieder unter die Haut gehen. Die Charaktere werden von Moshe  Leiser und Patrice Caurier auf der Bühne so dargestellt, dass sie auch zur Musik passen.  Manchmal könnte die szenische Geschlossenheit auch noch größer sein. Hermann ist dabei jemand, der sich vom Leben betrogen fühlt – deswegen schlägt seine Stimmung vom einen Moment zum anderen um und die Situation wird immer schlimmer. Aber auch Jelezki und Lisa verlieren alles. Hermann ist ein Opfer von „fake news“ – die Leute tischen ihm Lügen auf. Die lasziven Momente erscheinen in dieser Inszenierung zuweilen wie eine bewusste Verhöhnung des verzweifelten Hermann, der an sich selbst zerbricht.

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Foto: Monika Rittershaus

Unter der einfühlsamen Leitung von Kirill Petrenko musizieren die Berliner Philharmoniker bei dieser Aufführung sehr konzentriert und arbeiten die dramatischen Elemente eindringlich heraus. Die Steigerung im ersten Bild bis zum gewaltigen Aufruhr der Leidenschaften entwickelt so eine sehr starke Wirkung. Auch im zweiten Bild steigert sich eine zarte Stimmung zu einem heftigen Gefühlsausbruch. Petrenko beschwört diese gewaltigen Crescendo-Steigerungen mit geradezu unerbittlicher Energie. Und auch das Gesellschaftsbild im zweiten Akt mit der gelungenen Ballettszene (Choreographie: Beate Vollack) stellt die Zeiten des sterbenden Rokoko im Stil von Mozarts „Don Giovanni“ eindrucksvoll dar. Auch Assoziationen zu Meyerbeers Oper „Robert der Teufel“ blitzen gespenstisch hervor. Die Mezzosopranistin Doris Soffel hat im vierten Bild als alte Gräfin einen großen Auftritt, wo sie eine Ariette aus Gretrys „Richard Löwenherz“ in unheimlicher Weise nachsummt.  Die gesangliche Verkörperung von Martha Mödl war im Vergleich hierzu brüchiger, weniger melodisch. Doris Soffel gelingt es dagegen sehr gut, auch die melodiösen und graziösen Figurationen dieser berühmten Partie zum Leuchten zu bringen. Einen grandiosen Auftritt hat hier auch der ausgezeichnete und vom Publikum gefeierte Tenor Arsen Soghomonyan als Hermann, der ihr bei seinem Erscheinen ein furchtbares Erwachen bringt. Kirill Petrenko betont mit den Berliner Philharmonikern, dem Slowakischen Philharmonischen Chor (Einstudierung: Jozef Chabron) und  dem Cantus Juvenum (Einstudierung: Clara-Sophie Bertram und Lorenzo de Cunzo) auch die kunstvolle leitmotivische Arbeit in Tschaikowskys Meisterwerk.

Davon profitieren außerdem die weiteren Sängerinnen und Sänger Elena Stikhina (Sopran) als ausdrucksstarke Lisa, Vladislav Sulimsky als Graf Tomski, Boris Pinkhasovich als markanter Fürst Jelezki, Aigul Akhmetshina als Polina (die insbesondere bei der es-Moll-Sequenz brilliert), Yevgeny Akimov als Offizier Tschekalinski, Anatoli Sivko als Offizier Surin, Christophe Poncet de Solages als Spieler Tschaplizki und Zeremonienmeister, Mark Kurmanbayev als Spieler Narumow und Margarita Nekrasova als Gouvernante. In weiteren  profilierten Rollen gefallen Sergej Czepurnyi als Kolja (stumme Rolle), Jakob Lichti als Junge (Sprechrolle) sowie die nuancenreichen Tänzerinnen Aleksandra Aidu, Martina Consoli, Tura Gomez Coll, Milena Kapfer, Jacqueline Lopez, Sophie Melem und Olga Wien (Klavier auf der Bühne).

Jubel und großer Applaus. 

Alexander Walther

 

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