Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BAD WILDBAD / Rossini in Wildbad – ROSSINI PIANO PIANISSIMO mit ALESSANDRO MARANGONI

24.07.2022 | Konzert/Liederabende

BAD WILDBAD / Rossini in Wildbad – ROSSINI PIANO PIANISSIMO mit ALESSANDRO MARANGONI
22.7.2022 (Werner Häußner)

Grelles Glockenläuten, ein „satanisches“ Pfeifen: Pianist Alessandro Marangoni verbreitet Hektik im an sich beschaulichen Kurtheater in Bad Wildbad. Sein Hämmern auf den Flügel ist keine Willkür, sondern von Gioachino Rossini vorgeschrieben. Der fängt in einer seiner pianistischen „Alterssünden“ die Atmosphäre kurz vor der Abfahrt eines Zuges mit lautmalerischer Raffinesse ein. Natürlich geht es hier nicht um einen ICE, sondern um einen Dampfzug anno 1860. Jüngeren Menschen kommt das fremd vor; die Älteren erinnern sich wohl noch an das Läuten der Signalglocke an früheren Bahnstationen, die Trillerpfeife des Fahrdienstleiters und den Antwortpfiff der Lokomotive.

Die setzt sich auch mit schwerfälligem, dann immer flotterem Stampfen in Bewegung. Marangoni imitiert den Takt der Maschine, das Accelerando der Auspuffschläge, das hurtige Rollen des Zuges, gekleidet in eine von Rossinis suggestiven Melodien mit Ohrwurmcharakter. Der „kleine Vergnügungszug“ – le petit train de plaisir – ist eine jener „péchés de vieillesse“, die in den letzten zehn Jahren seines Lebens entstanden sind. Sie zeigen Rossini nicht nur als versierten Klavierkenner – als der er sich schon in seiner Jugend als Begleiter von Rezitativen in der Oper erwiesen hat –, sondern spiegeln auch seinen Humor, mal fein, mal derb, mal ironisch und durchaus auch mit Sarkasmus gewürzt.

Die komische Katastrophe des Vergnügungszugs ereignet sich am Ende einer Konzertstunde, die Marangoni beim Festival „Rossini in Wildbad“ gestaltete. Ursprünglich war eine Soirée mit Margarita Gritskova vorgesehen, die aber absagen musste. Der Pianist aus Novara ist als Kenner der Stücke ausgewiesen: Zwischen 2008 und 2018 hat er die Klavierwerke nebst „Kammermusik und Raritäten“ auf CD aufgenommen, die nun auch in einer 13-Platten-Box erhältlich sind.

Marangoni nähert sich dem geistvoll erfundenen Nonsens ebenso wie der parfürmierten Eleganz, dem sentimentalen Salonton wie den ausgefuchsten Charakterstückchen eher trocken, fast schon distanziert. Er macht keine musikalische Bühne auf, sondern stellt dar. Das mag man hin und wieder bedauern und sich mehr theatralischen Zugriff wünschen, aber am Ende befriedigt Marangonis Lesart gerade, weil sie Übertreibungen vermeidet. Und einem Pianisten mit anderem Temperament stünde es ja zu, die „Alterssünden“ mit mehr Süffisanz und dem satten Pinsel der Theatermalerei zu gestalten.

Dass der Komponist durchaus nicht nur noble Zurückhaltung pflegt, wird in „A ma petite perruche“ offenbar: Rossinis kleiner Sittich kann sprechen und begrüßt ihn nicht nur artig mit „Bonjour Rossini“, sondern wirft ihm mit „foudre, foudre“ auch höchst Anzügliches an den Kopf, das mit der Aufforderung, die Waffe zu präsentieren, nicht gemildert wird. Der Pianist hat die Aufgabe, die Worte in die nette Kanzonette zu Ehren des Mini-Papageis hinein zu krähen. Damit nicht genug: Der Walzer „L’huile de ricin“ schildert sehr anschaulich, wie ein gestopfter Akkord sich unter dem Einfluss musikalisch geölter Passagen in eine gleitenden Strom von Noten verwandelt – eine Analyse der Wirkung von Rizinusöl, die deutlicher nicht formuliert werden könnte.

Rossinis Nonsens-Titel korrespondieren prächtig mit der geistvoll-witzigen Musik, etwa in einer „chinesischen Polka“, in der sich tatsächlich eine fernöstliche Tonleiter mit dem böhmischen Rhythmus mischt – was leider in Marangonis distanziertem Spiel kaum zu hören ist. Und eine Schmeichelei für die Gattin klingt zunächst wie eine verträumte Petitesse des Klavierstars John Field, verwandelt sich aber maliziös in ein „zänkisches“ Fortissimo-Gewitter, nach dem sich der eheliche Beziehungshimmel freilich wieder erheitert.

Das Publikum hatte viel Spaß mit Rossinis musikalischen Groteskerien und bekam als Lohn für seinen Applaus eine Caprice für vier Finger, bevor es mit dem wiederholten Krähen des kleinen Papageis zum Fünf-Uhr-Tee entlassen wurde.

Werner Häußner

 

Diese Seite drucken