BAD WILDBAD / Rossini in Wildbad: LA GAZZA LADRA
30.7.2026 (Werner Häußner)

Claudia Muschio (Ninetta) und Patrick Kabongo (Giannetto). Copyright: Patrick Pfeiffer
Seltsam, dass Gioachino Rossinis „La gazza ladra“ so lange warten musste, bis sich das regiegeprägte Musiktheater der Gegenwart an das Meisterwerk erinnerte: Erst die Bad Wildbader Inszenierung von 2009 und eine Frankfurter Produktion 2014 rückten die „opera semiseria“ wieder in den Fokus. Jetzt hat Jochen Schönleber, langjähriger Intendant des Festivals „Rossini in Wildbad“, die Geschichte um eine diebische Elster zur Eröffnung der frisch renovierten früheren Festival-Spielstätte, dem stimmungsvollen historischen Saal des Kurhauses, erneut in Szene gesetzt, diesmal in der Fassung für Neapel aus dem Jahr 1819/20.
Die Nichtbeachtung dieser mit opulenter Musik veredelten Spätblüte der „Rettungsoper“ verwundert. Denn selten hat Rossini ein Sujet mit derart aktuellen Bezügen vertont. Das gilt schon für die Entstehungszeit: Die Tragödie eines Dienstmädchens, das des häuslichen Diebstahls bezichtigt und gemäß der drakonischen Strafgesetze der Zeit hingerichtet wird, hat einen wahren Kern. „La gazza ladra“ verhandelt aber nicht nur einen Justizirrtum auf der Basis eines – durchaus schlüssig und plausibel wirkenden – Indizienprozesses. Die Oper thematisiert auch Rechtsbeugung und massive sexuelle Nötigung durch einen Podestà, einen lokalen Machthaber, den seine Stellung fast unangreifbar macht. Und sie zeigt ebenso unverblümt die Ohnmacht der kleinen Leute. Diese reagieren mit Anpassung an die Verhältnisse – so der Hausierer Isacco –, aber auch mit Solidarität und unverbrüchlicher Freundschaft – so der junge Bauer Pippo, eine der anrührendsten Figuren, die Rossini je geschaffen hat.
Schönleber inszeniert auf seiner eigenen Bühne die Abläufe schlüssig und ohne Regie-Extravaganzen, arbeitet aber mit dezenten komödiantischen Übertreibungen. Er belauscht die Charaktere aufmerksam und gibt dem Stück vor allem gegen Ende hin einen behutsamen Zug ins Surreale. Das liegt durchaus in der Handlung begründet. Die gehäuften Zufälle und die Entdeckung der Elster als Diebin des vermissten Silberlöffels in letzter Sekunde (ein „lieto fine“ muss ja sein) strapazieren die Ablauf-Logik ziemlich. Schönleber macht den Vogel im Käfig zum komischen Accessoire; der fatale Diebstahl dagegen wird von einer gierigen menschlichen „Elster“, der Dame des Hauses selbst, begangen: Lucia, Mutter des in Ninetta verliebten Soldätchens Giannetto, will die unstandesgemäße Hochzeit verhindern. Dass sie damit den Racheplänen des auf das Dienstmädchen erpichten Podestà in die Hände spielt und einen Prozess provoziert, hätte sie allerdings nicht gedacht.
Während der Vogel im Käfig hockt, schwebt die Elster nur zwei, drei Mal als Video über die Wandelemente, die Schönleber auf der neuen Drehbühne geschickt postiert: mal als Gefängnismauern, mal als Andeutung einer Küche, mal als Projektionsflächen. Die Kostüme von Karatyna Coufal lassen an die Nachkriegszeit denken, als die alten gesellschaftlichen Schranken nicht nur in Italien noch gültig waren. Den Prozess im Finale mit dem grandiosen Quintett begleiten schwarz gekleidete Gestalten mit weißen Federkrägen. Auch die wahre Diebin Lucia nimmt in ihrer schwarz-weißen Montur mit ausgeprägter Brille die Züge einer Elster an. So geht die Chiffre des Vogels über das harmlose Tier hinaus. Sie wird zum Signet einer Gesellschaft, die Menschen wie Ninetta, ihrem Vater Fernando oder dem bis zum Schluss ohnmächtigen Pippo Würde und Existenz bestreitet. Dass am Schluss der Wille des Jungen triumphiert, seine Freundin unter allen Umständen zu retten, hebt Rossinis Finale über ein konventionelles „lieto fine“ hinaus.
Wie schon in der konzertanten „Sémiramis“ hat Rossini in Wildbad für „La gazza ladra“ hervorragende Solisten gewinnen können. Ninetta und Giannetto sind das Traumpaar des diesjährigen Festivals: Claudia Muschio mit einem klaren, beweglichen Sopran, frischem Material, schlankem, aber nicht dünnem Ton. Sie zeigt sich fähig zu feinen koloristischen Lasuren zwischen naiver Freude und herzzerreißendem Leid. Patrick Kabongo liefert schon in seinem Auftritt ein Musterbeispiel differenzierten Singens. Er intoniert leicht, phrasiert flexibel, stuft die Dynamik sorgsam ab und bleibt auch in höchsten Höhen unangestrengt und aufmerksam für das Wort.
Auch Francesca Di Sauro gibt als junger Pippo eine exzellente Visitenkarte ihrer Gesangskunst ab. Ihr Duett mit Claudia Muschio im zweiten Akt markiert einen Höhepunkt des Abends und konkurriert mit dem Duett mit Patrick Kabongo. In beiden verschmelzen die Stimmen in einer Klangkultur, die auch das finale Quintett prägt. Gaja Vittoria Pellizzari, frisch von einem plötzlichen Stimmverlust genesen, zeichnet in dieser Inszenierung nicht den differenzierten Charakter zwischen Missgunst und Mitgefühl, weil ihr die für Mailand geschriebene Arie „A questo seno“ fehlt. Pellizzari betont mit schneidend-präsentem Sopran eher die boshaften Züge einer dominanten Hausherrin. Ihr Gatte Fabrizio (Matteo Torcaso) hat gegen sie keine Chance und ertränkt seinen weit abgeschlagenen Stand in häufigen Trankopfern an den von Francesca di Sauro zuvor so prickelnd besungenen Bacchus.
Unter den übrigen Herren bringt Timoteo Bene Junior in der kleinen Rolle des mitfühlenden Kerkermeisters Antonio die schönste Rossini-Stimme mit: unverkrampft, mit sanftem Vibrato und lockeren Tönen. Der Stipendiat der Akademie BelCanto weckt die schönsten Hoffnungen. Nathanaël Tavernier gestaltet einen so eleganten wie eitlen Podestà Gottardo, der seine erbarmungslose Übergriffigkeit mit den Manieren eines Scarpia verhehlt. Tavernier hat sich in den letzten Jahren zu einem kultivierten Sänger entwickelt: Frei von der heute vielfach im italienischen Fach üblichen Dauerlautstärke singt er mit dosiertem Ton, hat das Vibrato unter Kontrolle, beherrscht die Farben zwischen Schmeichelei, Sarkasmus und Brutalität. Die Regie lässt die Figur fast zu sympathisch erscheinen – so, als habe dieser Bürgermeister einen Gerichtsprozess initiiert, über den er am Ende beinahe bedauert, die Kontrolle zu verlieren.
Emmanuel Franco hingegen ertränkt im dominierenden Forte-Fortissimo die meisten Zwischentöne der Figur von Ninettas Vater Fernando, der als Deserteur wie seine Tochter existenziell bedroht ist. Wenn er seine Geschichte brüllend berichtet, verwechselt er Dramatik mit Lautstärke. Davide Zaccherini gibt dem Krämer Isacco einen meckernden Ton, von dem man nur hofft, er möge der Rolle und nicht der vokalen Disposition des Sängers entsprechen. Giovanni Accardi gestaltet den eilfertigen Diener des Podestà ansprechend. José-Miguel Pérez-Sierra lässt das Orchester der Szymanowski-Akademie Krakau unbekümmert aufspielen, statt den feineren Zwischentönen der reichen Partitur Rossinis nachzuspüren. Rossinis „leggero“ kommt zu kurz, das Martialische dröhnt an der Schmerzgrenze. Michał Klauzas Chor der Szymanowski-Akademie erledigt seine Aufgabe mit Energie und Esprit.
Werner Häußner

