Rossini in Wildbad: „SÈMIRAMIS“ 26.07. 2026 – konzertantes Ereignis der modernen Erstaufführung
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Drei gleichwertig starke Protagonisten: Mark Kurmanbayev (Assur), Diana Haller (Sémiramis) und Marina Viotti (Arsace) v.l. Copyright: Sabine Zoller
Mit Rossinis 1823 in Venedig uraufgeführter Oper sind die Festspiele in der kleinen Kurstadt im nördlichen Schwarzwald 1989 szenisch verunglückt gestartet. 2012 gab es eine konzertante Aufführung des Werkes mit dem Libretto von Gaetano Rossi. Jetzt wurde mit der modernen Erstaufführung der 1860 für Paris entstandenen Bearbeitung durch den Textdichter Joseph Méry und Rossinis engen Komponisten-Freund Michele Carafa, der auch die für dort obligatorische Ballettmusik (einen babylonischen und einen assyrischen Tanz), beisteuerte, eine neue Seite der zeitgenössischen Rossini-Rezeption geöffnet. Sein Name war in der französischen Hauptstadt so hoch angesehen, dass auch Überarbeitungen seiner Stücke anstatt neuer Kreationen auf großes Interesse stießen. Der Meister hat sich ja bekanntlich 1829 nach seinem „Guillaume Tell“ von der Opernbühne verabschiedet.
Méry konzentrierte die Handlung verstärkt auf die durch Mord, Komplizenschaft und Liebe verbundene Dreiecks-Beziehung Semiramis-Arsace-Assur, weshalb die ursprünglich mit zwei horrend schweren Tenor-Arien bedachte Partie des indischen Königs Idreno zu einer Nebenfigur degradiert und seine begehrte Prinzessin Azema auf eine reine Ensemble-Partie reduziert wurde. Dennoch und bedingt durch die erwähnte Ballett-Hinzufügung von gut zehn Minuten dauert auch diese französische, in vier statt zwei Akte gegliederte Fassung mit knapp dreieinhalb Stunden nur marginal weniger als die italienische Original-Version und bleibt damit nach dem Tell die umfangreichste Partitur seines Schaffens.
Musikalisch betrachtet handelt es sich um eine Restaurations-Oper, die einerseits in neue musikalische Dimensionen vorstößt, formell aber auch wieder auf ältere Strukturen wie z.B. eine voran gehende Ouvertüre setzt. Die französische Sprache bewirkt hier und da etwas mehr Feinheiten, mehr Eleganz, aber eine Grande Opéra war diese historische Geschichte auch ohne Tänze bereits in ihrer italienischen Urform.
In vokaler Hinsicht sind die Anforderungen durch ausgedehnt lange Arien und Duette, wozu noch zwei Terzette und ein aufwühlendes Finale des ersten Aktes treten, höchst virtuos. Dazu erhöhen pointierte Instrumentierungs-Nuancen die melodische Reife noch zu einer subtileren Wirkung.
Nach der Desdemona in Rossinis „Otello“ im letzten Jahr fügte Diana Haller, dem Festival seit dem Gewinn des Belcanto-Preises über viele Jahre verbunden, mit Semiramis eine weitere Partie ihres vollzogenen Fachwechsels zum Sopran hinzu. Wobei sie weiterhin von ihrer Mezzo-Vergangenheit zehrt und für ihren Vortrag mit profund abrufbarem Tiefenregister über eine gute Stütze und weitreichende Ausdrucksmöglichkeiten verfügt. Unterstützt von ihrer Präsenz ist sie eine Königin mit Würde, aber auch ein Mensch, der als Mörder des eigenen Mannes von stark wechselnden Gefühlen zwischen Verdrängung und Schuldeingeständnis bestimmt ist. Von schlicht zarten Momenten über leicht schwebende Legato-Bögen und Koloraturketten bis zu von Intervallsprüngen geprägten Ausbrüchen mit zielsicher attackierten Höhen reicht das Füllhorn an Belcanto-Eigenschaften.
Kaum nach steht ihr Marina Viotti als Arsace, hinter dem sich Semiramis totgeglaubter Sohn Ninia verbirgt, der den Vatermord rächen soll. Ihr Mezzosopran weist eine leicht dunkle Färbung auf, die vor allem in der Mittellage gut zum Tragen kommt, während die Spitzen fast eine metallisch helle Legierung aufweisen. Auch ihre vokale Palette kann die widersprüchlichsten Emotionen einfangen und sich im Duett mit der Bühnen-Mutter ideal verschwestern. Beider Zwiegesang im Zuge von Liebe und Vergeltung wird zum berührenden Höhepunkt der Aufführung.
Für dramatische Akzente sorgt Mark Kurmanbayev als Macht besessener Semiramis-Komplize Prinz Assur, der seinerseits Arsace als Rivale um Azemas Gunst nach dem Leben trachtet. Ein Bariton von stupender Beweglichkeit zwischen warmer und eruptiv bedrohlicher Tönung, mit großem Atem und einem ausgewogenen Register bis in die markig sitzenden Höhen hinauf. Nicht erst in seiner großen Solo-Szene vor dem Schluss, auch in den davor liegenden Duetten mit den beiden Damen stellt sich durchweg große Spannung ein.
Den Oberpriester Oroés stattet Nathanael Tavernier mit autoritär geführtem, prononciert seriösem Bass aus. Patrick Kabongo gehört inzwischen zu den fixen Größen des Festivals und kann sich auch in der arienlos gewordenen Rolle des Idreno durch sichere tenorale Qualität begeisterten Zuspruchs sicher sein. Als Azéma füllt Ilana Monteverdi Ensemble-Szenen, mehr kann über ihren lyrischen Sopran deshalb nicht gesagt werden. Als Stimme des Geists des getöteten Königs Nino tönt Giovanni Accardi mit beschwörend fülligem Bass aus dem Hintergrund. Seine orakelnde Mahnung wird erfüllt – Semiramis stirbt in der dunklen Gruft unbeabsichtigt durch Arsaces Hand.
Der Chor der Szymanowski-Philharmonie Krakau (Einstudierung: Michal Klauza) brachte mit etwa zwei Dutzend Stimmen im intimen, nach der Sanierung als ursprüngliche Spielstätte zurück gewonnenen Kurhaus mit Zunahme des Abends mehr Fülle in die Gruppen-Szenen und kommentierte die verschiedenen Situationen mit differenzierter Tongebung.
Das Orchester der Szymanowski-Philharmonie Krakau wurde unter der animierenden und beständig neue Impulse setzenden Leitung von Andriy Yurkevych zu einem schillernd musizierenden Klangkörper voller Lust und Ausgestaltung an Rossinis einfallsreich gesetzten Bläser-Figuren und der auch in einem Drama durchaus Sinn stiftenden Wechselwirksamkeit von Crescendi.
Viel Begeisterung begleitete die gesamte Aufführung in einem Festspielen würdigen Format.
Udo Klebes

