Rossini in Wildbad: „LA GAZZA LADRA“ 1.8. (Premiere 25.7.2026) – wie der Zufall ein Drama auslöst

In den Fängen des Bürgermeisters: Nathanael Tavernier (Podestà), Emmanuel Franco (Fernando) und Claudia Muschio (Ninetta). Foto: Patrick Pfeiffer
Parallel zur vor einer Woche konzertant zur Diskussion gestellten späteren Pariser Grande Opéra Fassung von „Sémiramis“ bietet das kleinere Pesareser Schwestern-Festival Rossinis dieses Jahr die allein durch die Ouvertüre populär gewordene „Diebische Elster“ in der drei Jahre nach der Mailänder Uraufführung von 1817 für Italiens damals zweit bedeutendste Opernbühne, das Teatro San Carlo in Neapel entstandene Fassung in szenischer Form. Wobei die Abweichungen hier nicht so gravierend sind und hauptsächlich zwei/drei aus Rücksicht auf die dortigen ersten Sänger neu komponierte Arien betreffen, die an die Stelle von Duetten treten. Auf die aus denselben Gründen erfolgte Teilung des Bauernburschen Pippo in zwei Figuren hat Festivalleiter und Regisseur Jochen Schönleber bei aller sonstigen wissenschaftlich erforschten Werktreue verzichtet.
Der Zufall, der in der Handlung eine entscheidende Rolle spielt, will es, dass diese semiseria – wobei der Schwerpunkt eindeutig ernster Natur ist – im letzten Jahr vor der Schließung des Kurhauses 2009 in der Urfassung das letzte Mal in Bad Wildbad gezeigt wurde und jetzt das Eröffnungsjahr nach dessen Sanierung bestimmt.
Wie „Sémiramis“ gehört das zur Gattung der Rettungsopern zählende Werk mit gut drei Stunden Spieldauer zu den gewichtigen Brocken in Rossinis Oeuvre und besteht ausschließlich aus original dafür komponierter, nicht teilweise aus früheren Werken revidierter Musik. Das Ungewöhnliche des Stoffes liegt in der hierarchischen Position der aufgrund eines angeblichen silbernen Besteck-Diebstahls zum Tod verurteilten Ninetta. Wo sonst gesellschaftlich hoch stehende Personen aus Gefahren gerettet werden, ist es hier eine Dienstmagd auf dem Gut des reichen Pächters Fabrizio Vingradito. Eine Besonderheit markiert die Art der Rettung, der hier durch dem eine raffinierte indirekte Anklage gegen soziale Ungerechtigkeiten formulierende Zufall der Entdeckung des Nestes der sich krächzend bemerkbar machenden Elster, nicht wie sonst eines gewöhnlichen persönlichen oder gemeinschaftlichen Einsatzes. Der Zufall gleicher Namens-Initialen des Dienstherren wie ihres Vaters bekräftigt im Verlauf der Handlung auch die Schuld Ninettas, weil sie letzteren, der in seiner Not als desertierter Soldat die Tochter bittet sein Silberbesteck zu verkaufen, vor der Erkennung und Arretierung schützen möchte. Als die im letzten Moment frei gelassene Ninetta ihren dann von höherer Instanz begnadigten Vater in die Arme schließen kann, ist das Glück vollkommen und ihre Ehre wieder hergestellt.
Schönleber hat diese gut strukturierte Geschichte auf der beengten und in ihren technischen Möglichkeiten eingeschränkten Bühne des Kurhauses ohne Schnörkel geradlinig mit wesentlicher Herausarbeitung der verschiedenen Charaktere erarbeitet, wobei ihm die neue Drehbühne nur für einige rasche Szenenwechsel Hilfestellung leistet, während manche Umbauten dennoch der händischen Bewegung der beige-braun gemusterten Wand-Segmenten bedürfen. Die Kostüme von Katarzyna Coufal verorten die leider zeitlose Geschichte annähernd betrachtet in den 1950er Jahren. Warum Schönleber der häufigen Mode verfällt die Ouvertüre zu bebildern, indem er Ninetta und ihren Vater auf einem kreisenden Podest in ihrer Not zeigt – was sich am Schluss als hinter dem guten Ende stehenden Fragezeichen wiederholt – erschließt sich nicht. Ansonsten besteht wie gesagt inszenatorische Klarheit in der Personenregie, vor allem auch im Aufbau und der Strukturierung der Ensemble-Szenen, unter denen die sich spannend steigernde Gerichtsszene durch Rossinis Fertigkeiten in der Verquickung von Melodie und dramatischer Verarbeitung einen Höhepunkt garantiert. Dem ebenfalls wirkungsvoll entwickelten ersten Finale steht ein zweites in Vaudeville-Form als Rundgesang der Hauptpersonen mit darin einstimmender Gruppe gegenüber, wie es bis dato vor allem vom berühmten „Barbiere“ bekannt ist.
Wie schon in „Sémiramis“ herrscht mit ein paar Abstrichen überwiegend Festspiel-Niveau. Claudia Muschio, die in den letzten Jahren als Ensemble-Mitglied der Staatsoper Stuttgart viele Herzen gewonnen hat, tat dies auch hier mit der anrührend schlicht Position beziehenden Gestaltung Ninettas, intensiviert von ihrem durchweg leicht geführten, mäßig dunkel schattierten Sopran. Feine lyrische Phrasen mit a capella angesetzten hohen Tönen haben da genauso ihren sicheren Platz wie temperamentvoll Entzündetes. Und immer im Zeichen dahinter stehender Gefühle. Selbstzweck hat bei ihr keinen Platz. Giannetto ist ihr als zuletzt doch noch gewährter Herzensmann umsomehr gegönnt, als ihn Patrick Kabongo als sympathisches Muttersöhnchen mit feiner tenoraler Empfindung und strahlender Höhenentfaltung zeichnet.
Die dominierenden männlichen Figuren sind indes die beiden gleichwertig eingebundenen, Ninettas Situation entscheidend bestimmenden Partien ihres Vaters Fernando Villabella sowie des sie unter Druck liebesgefügig machen wollenden Bürgermeisters Gottardo. Ersteren gibt Emmanuel Franco als von Wind und Wetter gezeichneten Soldaten mit fast Raum sprengender Bariton-Fülle, auf Dauer etwas zu grob rustikal, aber auch mit einem weichen Kern, wenn es um die Zuneigung zu seiner Tochter geht. Nathanael Tavernier skizziert den Podestà allein schon durch seine Körpergröße mit überlegen eingesetzter Macht und setzt seinen ebenfalls üppig grundierten Bass kultivierter, mit mehr Raffinesse und durchweg dem Belcanto gerecht ein.
Neben Ninetta wird die Neapolitanerin Francesca Di Sauro als treu zu ihr stehender Bauernjunge Pippo mit ihrem warm timbrierten Mezzosopran und natürlich geläufiger Koloratur sowie herzhaftem Spiel zum Publikumsliebling. Beider Duett markierte neben den Ensemble-Szenen einen Höhepunkt. Ninettas Arbeitgeber setzen sie durch gegensätzliche Haltungen zwischen die Fronten: der trinkfreudige Fabrizio in Gestalt von Matteo Torcaso hält mit charaktervollem Bariton zu ihr, die mit Federschmuck die Dame markierende Lucia wandelt Gaja Vittoria Pellizzari mit bestimmendem Mezzosopran-Tonfall von Hochnäsigkeit zu reuevollem Mitleid. Dazu hätte es nicht des Fingerzeiges der Möglichkeit bedurft, dass sie in ihrer Ablehnung Ninettas für ihren Sohn Giannetto das besagte Besteck selbst verschwinden läßt.
Der mehrfach erscheinende hausierende Krämer Isacco, der das Besteck Fernandos verkauft, wird von Davide Zaccherini mit leierhaftem Ton ebenso passend versehen, wie er dann als Präfekt mit bestimmend klarem Tenor die Gerichtssitzung leitet. Giovanni Accardi ergänzt das Personal als ergebener Diener des Bürgermeisters Giorgio mit potentem Bass, Timoteo Bene Junior als hilfsbereiter Kerkermeister Antonio mit feinem Tenor.
Der Chor der Szymanowski-Philharmonie Krakau (Einstudierung: Michal Klauza) erfüllte seine Aufgabe mit klanglichem Biss und unterschiedlichem darstellerischem Engagement, hätte aber für die kaum hörbaren Passagen hinter der Bühne mehr Stimmen erfordert. Dafür war auch das insgesamt sehr dominante Orchester – leider ein akustisches Problem des Raumes – verantwortlich. Der in den letzten Jahren bei diesem Festival in Erscheinung getretene José Miguel Pérez-Sierra leitete das in den Bläsern und Schlagwerk doch recht üppig besetzte Orchester der Szymanowski-Philharmonie Krakau rhythmisch prägnant und auf Spannung bedacht im Zusammenhalt und locker dort, wo das Crescendo-Getriebe in Gang gesetzt wird. Die eine oder andere Nachlässigkeit bei den Streichern als auch Bläsern wurde durch insgesamt zielstrebiges und lustvolles Musizieren ausgeglichen.

Bezwingende Ensemble-Wirkung im Finale 1.Akt, im Mittelpunkt Claudia Muschio als Ninetta. Foto: Patrick Pfeiffer
Zuletzt tosender Beifall mit differenziert verteilten Ovationen.
Udo Klebes

