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BAD WILDBAD/ „Rossini-Festival“: BIANCA E GERNANDO von Vincenzo Bellini. Konzertante Premiere

16.07.2016 | Oper

Opernrarität beim Belcanto-Festival „Rossini in Wildbad“:

„Bianca e Gernando“ von Vincenzo Bellini (Premiere: 15. 7. 2016)

 Seit einigen Jahren werden beim traditionsreichen Belcanto-Festival „Rossini in Wildbad“ auch Werke von Zeitgenossen Rossinis dem Publikum geboten. In diesem Jahr fiel die Wahl auf die Oper „Bianca e Gernando“ von Vincenzo Bellini, die 1826 als Auftragswerk für Neapels berühmtes Teatro San Carlo uraufgeführt wurde. In der Neufassung 1828 wurde aus Gernando Fernando.

 Nach dem großen Erfolg dieser Oper (seiner zweiten nach Adelson e Salvini) wurde Bellini (1801 – 1835) von Italiens mächtigstem Impresario, Domenico Barbaja, eingeladen, ein Werk für die Mailänder Scala zu schreiben. Mit dieser dritten Oper, Il pirata, legte Bellini 1827 den Grundstein zu seinem Ruhm. Es folgten 1829 La straniera und Zaira, 1830 I Capuleti e i Montecchi, 1831 La sonnambula und Norma, 1833 Beatrice di Tenda und schließlich 1835 noch I puritani als sein letztes Werk, ehe er mit knapp 34 Jahren in Frankreich starb. In Paris hatte er enge Freundschaft mit Rossini, Chopin und Heine geschlossen, der in seinen Florentinischen Nächten ein literarisches Porträt Bellinis zeichnete.

 In Reclams Opernführer wird auch die musikalische Verbindung Vincenzo Bellinis zu Gioachino Rossini beschrieben: „Bellinis Musik, deren lyrische Seiten den Einfluss Rossinis verraten, ist von elegischer, schwermütiger Färbung und intensiviert diese Stimmung durch schlicht wirkende, betörende, lang ausgesponnene Gesangslinien. Diese gefühlvolle, melancholische, manchmal ekstatisch gesteigerte Klangschwelgerei – bei genauester Deklamation und starker Berücksichtigung des Textes – machte Bellini zum Exponenten romantischer Kunstauffassung. … Die Wiederentdeckung der Belcanto-Oper brachte, nicht zuletzt durch den Einsatz großer Sängerpersönlichkeiten, seit den 1950er Jahren auch eine Zunahme der Bellini-Aufführungen.“   

 Die Handlung der Oper Bianca e Gernando, deren Libretto Domenico Gilardoni nach dem Stück Bianca e Fernando alla tomba di Carlo IV., Duca di Agrigento von Carlo Roti verfasste, in einem Satz: Die Geschwister Bianca und Gernando retten nach einigen Turbulenzen ihren Vater Carlo, den Herzog von Agrigent, vor dem Eroberer Filippo.

 In Bad Wildbad kam es am 15. Juli 2016 im Rahmen den Belcanto-Festivals in der ausverkauften Trinkhalle zu einer konzertanten Aufführung dieser Oper in zwei Akten. Das Orchester „Virtuosi Brunenses“, von Karel Mitáš, einem Konzertmeister der Janáček-Oper Brünn, gegründet und bereits einige Male zu Gast beim Belcanto-Festival in Bad Wildbad, wurde von Antonino Fogliani  mit großer Leidenschaft und Präzision geleitet. Das Orchester brachte die romantische Partitur des Komponisten exzellent zur Geltung und wurde mit seinem Dirigenten am Schluss vom Publikum ebenso gefeiert wie das Sängerensemble und der Chor. 

Star des Abends war die junge italienische Sopranistin Silvia Dalla Benetta in der Rolle der Bianca. Obwohl durch eine Verletzung nach einem Bühnenunfall in Luzern gehandicapt, sang sie ihre Partie glänzend und begeisterte das Publikum nicht nur mit Spitzentönen, sondern auch durch den innigen, warmherzigen Vortrag ihrer Arien. (Am 14. April 2016 rettete sie übrigens in Lüttich die Vorstellung der Manon Lescaut von Auber an der Opéra Royal de Wallonie, indem sie nach der Pause für die plötzlich indisponierte Sumi Jo die Titelrolle übernahm und aus dem Orchestergraben sang.)


Vittorio Prato sang den Verräter Filippo (Foto: Festival „Rossini in Wildbad“)

Ihr ebenbürtig war der russische Tenor Maxim Mironov als ihr Bruder Gernando, der mit seiner brillanten Strahlkraft in der Stimme beeindruckte. Den Verräter Filippo, der den Thron erringen will, sang der bekannte italienische Bariton Vittorio Prato mit kraftvoller Stimme, mit der er sein Streben nach Macht gut auszudrücken verstand. Der italienische Bass Luca Dall‘ Amico gab mit seiner voll klingenden Stimme Carlo, den Herzog von Agrigent, der schließlich von seinen beiden Kindern aus der Gruft, in der er gefangen gehalten wurde, gerettet wird. Die Rolle des Clemente, des Vertrauten der Fürstenfamilie, sang der aus China gebürtige Bass Zong Shi. Wohl konnte er seine Gefühle stimmlich ausdrücken, mimisch war ihm – wie häufig bei seinen Landsleuten – keine Regung anzusehen.

In drei kleineren Rollen waren noch zu hören: die Schweizer Mezzosopranistin Marina Viotti, die zum Teil auch in Wien studierte und unter anderem im Extrachor der Wiener Staatsoper sang. Sie gab die Hosenrolle des Viscardo, des Vertrauten von Filippo. Des weiteren der rumänische Tenor Gheorghe Vlad als Uggero, des Vertrauten von Gernando, und die spanische Altistin Mar Campo in der Rolle der Eloise, der Vertrauten von Bianca.

Enorm stimmgewaltig präsentierte sich der Camerata Bach Chor Poznań (Einstudierung: Ania Michalak), der bereits seit dem Jahr 2010 als ständiger Chor beim Festival „Rossini in Wildbad“ auftritt.

Das von der konzertanten Aufführung restlos begeisterte Publikum, das auch mit Szenenbeifall nicht geizte, bejubelte am Schluss alle Mitwirkenden mit frenetischem, nicht enden wollendem Beifall und vielen „Bravi“-Rufen, sodass sich der Dirigent noch zu einer musikalischen Zugabe durch eine teilweise Wiederholung des Finales animieren ließ.

Udo Pacolt

 

 

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