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BAD WILDBAD/Kurtheater/ „Rossini in Bad Wildbad: „L’EQUIVOCO STRAVAGANTE“

Repertoirefähig

30.07.2018 | Oper


Durch List zum Ziel – Patrick Kabongo (Ermanno) und Antonella Colaianni (Ernestina). Copyright: Patrick Pfeiffer

ROSSINI IN WILDBAD 2018:

„L’EQUIVOCO STRAVAGANTE“  29.7. 2018 (Kurtheater) – Repertoirefähig

Es ist erstaunlich, dass Rossinis 1811 uraufgeführte, erste abendfüllende heitere Oper bei „Rossini in Wildbad“ unangefochten den Platz 1 aller bisher aufgeführten Werke einnimmt. Nach den Inszenierungen 1989, 1993, 1994 (Wiederaufnahme der Erfolgsproduktion 93) und 2000 gab es zum 150. Gedenkjahr eine Gastspielinszenierung durch den Hausherrn Jochen Schönleber für die Staatsoper Russe (Bulgarien).

Das vom Uraufführungspublikum in Bologna sehr beifällig aufgenommene „dramma giocosa“ mit seinen vielen frivolen Anspielungen missfiel der damaligen Zensur, nach der 3. Vorstellung wurde „L‘ equivoco stravagante“ vom Spielplan verbannt. Erst um 1960 tauchte das köstliche Frühwerk wieder auf, der unvergessene Alberto Zedda sorgte für die Erstellung einer kritischen Ausgabe und seit den Erfolgen in Bad Wildbad taucht es wieder vereinzelt in den Spielplänen auf. Auch für uns Heutige gibt das mit sexuellen Anzüglichkeiten nicht geizende Libretto von Gaetano Gasbarri viel Anlass zum Schmunzeln und man könnte sich nach dieser turbulenten Produktion ohne Weiteres vorstellen, dass sich der pfiffige Zweiakter – blendende Sänger und eine quirlige Inszenierung vorausgesetzt – neben der Dominanz von „Barbiere“, „Cenerentola“ und „L’Italiana“, neuerdings sich immer mehr dazugesellend „Il Viaggio a Reims“ und „Le Comte Ory“, wie auch „La pietra del paragone“ durchaus behaupten kann. Es müssten die Intendanten bei Rossini nur aufgeschlossener und einfallsreicher werden!

Worum geht’s in diesem Stück? Der geadelte Bauer Gamberotto will seine literaturbesessene Tochter Ernestina mit dem vermögenden Schnösel Buralicchio vermählen. Ernestina zieht aber den mittellosen Ermanno vor. Unter Mithilfe eines Freundes (= Frontino, Diener bei Gamberotto) wird Buralicchio die Kunde zugetragen, dass Ernestina in Wirklichkeit ein Ernesto sei. Ernestina spielt die Intrige mit ganzem Körpereinsatz mit, Buralicchio erkennt zu spät, dass man ihn gefoppt hat und Ernestina erwählt Ermanno zum Manne.

Diese speziell im zweiten Akt ungemein witzige Handlung wurde von Jochen Schönleber (auch verantwortlich für die geschickte Bühnenlösung)  mit einem Feuerwerk an guten Gags und einer minutiösen Personenregie in Szene gesetzt. Da passte jede Geste und selbst die Idee, den Männerchor in sehr kleidsame Frauen-Kostüme (Kompliment an Sandra Li Maennel Saavedra für die generelle Kostümierung der Darsteller)  zu stecken, wirkte nicht billig oder aufgesetzt. Auf jeden Fall hatten die Herren des erstmals in Bad Wildbad als Hauschor eingesetzten Gorècki Chamber Choir (Einstudierung Mateusz Prendota) mit ihrer ungewohnten Aufgabe genauso viel Vergnügen wie die sich köstlich unterhaltenden Zuschauer. Schönleber konnte sich auf ein bestens eingespieltes Ensemble verlassen, das sich die Pointen wie Bälle zuwarf. Und es wurde von den wahrhaft virtuosen „Virtuosi Brunensis“ (Leitung Karel Mitás), seit Jahren bestens bewährtes  Quasi-Hausorchester von Bad Wildbad, herrlichst musiziert, Rossinis musikalischer Witz blitzte am laufenden Band auf. Dirigent José Miguel Perèz-Sierra sorgte für eine schwungvoll-differenzierte Wiedergabe und war den Sängern ein aufmerksamer Begleiter.

Sechs Sängerdarsteller bescherten dem höchst animiert mitgehenden Publikum einen vergnüglichen „Stagione-Kehraus“. Zwei Stipendiaten der hiesigen „Akademia Belcanto“ waren in die Produktion eingebunden: die bereits über brillante Höhen, schönes Sopranmaterial verfügende und schwungvolles Spiel einbringende Eleonora Bellocci (Rosalia, Ernestinas Zofe) und der in der Mittellage eher substanzlose, in der Höhe gefestigtere, neutral timbrierte Tenor von Sebastian Monti als gewiefter Diener Frontonio. Das Quartett der Hauptdarsteller bestand aus hervorragenden Persönlichkeiten. Die umschwärmte Ernestina wurde von der bildhübschen, mit einem glanzvollen „echten“ Contralto (und leichten Anklängen an die junge Agnes Baltsa) gesegneten Antonella Colaianni verkörpert. Großer Karriereverdacht! Ihr schüchterner Verehrer Ermanno wurde vom farbigen Tenor Patrick Kabongo (optisch leider mit einer fürchterlichen Perücke verschandelt)  rührend gespielt und auf das Prächtigste gesungen. Die Stimme besitzt ein ausnehmend betörendes Timbre, ist herrlich gerundet und bereitet uneingeschränktes Hörvergnügen. Absolute Karriereprophezeiung! Aus der Figur des dandyhaften Buralicchio machte der Mexikaner Emmanuel Franco ein Glanzstück an Komödiantik und begeisterte mit seinem flexiblen, farbenreichen Spielbariton. Und der bei „Rossini in Wildbad“ aus seinen Anfängen (2006 – 2008) bestens bekannte Giulio Mastrototaro zeigte als Gamberotto, dass er in die Liga der erstklassigen Rossini-Bassbuffi aufgestiegen ist. Ein Erzkomödiant von Format, versehen mit einer Bombenstimme (man fürchtete zeitweise um den kostbaren Stuck des zauberhaften königlichen Kurtheaters). Ein etwas Mehr an vokaler Verfeinerung würde das akustische Vergnügen noch weiter steigern.

Mit Jubel, Trubel und Heiterkeit ging die heurige, ganz dem großen Jahresregenten Rossini gewidmete Saison zu Ende, die die Bekanntschaft mit z. T. äußerst selten gespielten Opern wie „Zelmira“, dem großen französischen „Moise“ ebenso brachte wie höchst erfreuliche Sängerleistungen (herausragend, neben den hier besonders Gewürdigten, Silvia Dalle Benetta, Elisa Balbo sowie Alexey Birkus). Wie schön, dass das klein budgetierte „Rossini-in-Wildbad-Festival“ das große Rossini-Opera-Festival in Pesaro immer wieder gehörig herausfordert und sogar immer wieder die Nase vorne hat. Gratulation an die dafür Verantwortlichen (namentlich genannt seien Jochen Schönleber und Reto Müller, die Rossini-Instanz schlechthin).   

                                                                                                                                                                                                                   Dietmar Plattner

 

 

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