BAD VILBEL /Vilco: KONZERT NATIONALTHEATERORCHESTER MANNHEIM. Roberto Rizzi Brignoli, musikalische Leitung, Hanna-Elisabeth Müller, Sopran. (Beethoven, Strauss)
Sinfonischer Glanz und spärliche Ränge in Bad Vilbel

Nationaltheater Mannhem-Orchester. Foto: Christian Kleiner
Das Nationaltheater-Orchester Mannheim gastiert unter Roberto Rizzi Brignoli in der VILCO, bietet einen packenden Strauss- und Beethoven-Abend, gekrönt von Hanna-Elisabeth Müllers feinsinniger Interpretation der Vier letzten Lieder – und verdient schlicht mehr Publikum.
Ein Orchester von unzweifelhaft historischem Rang reist an, entfaltet auf der Bühne des Bad Vilbeler Kulturzentrums VILCO eine mächtige symphonische Besetzung – und blickt in einen erschreckend licht gestellten Saal. Es ist das vertraute Jammerbild regionaler Kulturpflege: Eine Kleinstadt vor den Toren Frankfurts leistet sich ein akustisch erstaunlich brillantes Haus, bucht Erstklassiges – und der Kartenverkauf dümpelt irgendwo im Niemandsland. Wer an diesem Abend den Weg in den Saal nicht fand, verpasste schlicht ein Ereignis. Denn was das Nationaltheater-Orchester Mannheim unter seinem Generalmusikdirektor Roberto Rizzi Brignoli an Klangkultur, Bogenführung und dramatischer Schärfe ablieferte, hatte das Niveau großer Festspielhäuser.

Roberto Rizzi Brignoli. Foto: Christian Kleiner
Den Auftakt machte Beethovens Ouvertüre zu Goethes Tragödie Egmont. Das war kein schneidiger, überspitzter Reclam-Heft-Beethoven alter Schule, sondern eine etwas schwerfällige, gewichtige Architekturskizze. Rizzi Brignoli drosselte die Emphase spürbar, setzte auf ein samtiges, dunkel grundiertes Klangbild und überließ die Dramatik der puren Struktur der Partitur. Im ersten Moment wirkte das etwas distanziert, legte jedoch das Gerüst frei, auf dem der gesamte Abend ruhen sollte.
Die wahre Stunde der Erleuchtung schlug vor der Pause mit Richard Strauss’ Vier letzten Liedern. Der Italiener am Pult baut derzeit in Mannheim an einem umfassenden Strauss-Zyklus, und man spürt in jeder Phrase, wie tief ihm diese Musik im Blut liegt. Rizzi Brignoli wählte die Rolle des vollendeten Kavalier-Dirigenten: Er bettete den Solopart in eine transparente Orchesterseide, balancierte die heiklen Holzbläserfarben mit enormer Umsicht aus und trug seine Sopranistin auf Händen durch diesen Schwanengesang der Spätromantik.
Mit Hanna-Elisabeth Müller stand eine Interpretin auf dem Podium, die derzeit international Maßstäbe setzt. Was diese Sängerin aus dem Notentext herausfilterte, war frei von jeder matronenhaften Schwere. Innig im Ansatz, mit glasklarer Artikulation und einer bestechenden Atemtechnik führte sie das Publikum durch die vier Stationen des Abschieds. Je höher die Töne stiegen, desto mehr entfaltete ihr Sopran einen leuchtenden Obertonreichtum, der den Saal mühelos füllte. Im dritten Lied, Beim Schlafengehen, schwebte die Violine der Konzertmeisterin wie ein feiner Silberfaden durch den Raum, bevor Müller den Satz mit einer schlichten, ergreifenden Würde zu Ende führte. Das war kein vokales Prunken, sondern eine innere Einkehr von höchster technischer Makellosigkeit.
Nach der Pause wendete sich das Blatt dramatisch. Beethovens Leonore-Ouvertüre Nr. 3 geriet zu einem virtuosen Lehrstück in Sachen Dynamik. Hier zeigte das Mannheimer Orchester seinen geschulten Theatersinn: Die Konturen schärften sich schlagartig, die Streicher attackierten mit Leidenschaft, und das berühmte Trompetensignal aus dem Hintergrund zerschnitt die Luft mit punktgenauer Brisanz. Der Befreiungsjubel der Coda war so packend, dass das Publikum begeistert reagierte.
Der eigentliche Höhepunkt der Orchesterkunst folgte jedoch mit der Tondichtung Don Juan. Richard Strauss verlangt dem Apparat hier alles ab – und das Nationaltheater-Orchester antwortete mit purem Luxusklang. Schwer, opulent und mit glühender Intonation stürzten sich die Mannheimer in die Partitur. Die Oboe zauberte das berühmte Cantabile mit einer Schmelzwärme in den Raum, die schlicht süchtig machte, bevor das Blech mit prägnantem Zugriff die Abgründe des Wüstlings ausleuchtete. Ein hingebungsvoller Vortrag, der die makellose Akustik des Raumes bis in den letzten Winkel ausreizte.
Dass ein solch hochkarätiges Gastspiel vor halb leeren Rängen stattfindet, ist kein Zufall und kein bloßes Publikumsschwund-Phänomen – es ist das Ergebnis handwerklichen Versagens. Bad Vilbel liegt unmittelbar vor den Toren Frankfurts. Dennoch ist vielen Frankfurter Musikfreunden weder der akustisch herausragende Saal noch die Saison mit ihren Sinfoniekonzerten überhaupt bekannt. Wer davon weiß, stößt oft nur zufällig darauf – etwa über eine Litfaßsäule in Frankfurt. Eine systematische Bewerbung mit gezieltem Konzerthinweis in der Region? Fehlanzeige. In Bad Vilbel selbst waren am Konzerttag keine Plakate für dieses Konzert zu finden. Vor dem Haus stand kein einziges Hinweisschild, das Laufpublikum hätte ansprechen können – und das, obwohl draußen gerade ein Stadtfest mit Schaubuden stattfand. Es war das erste Konzert der Saison, doch der Veranstalter begrüßte das (spärliche) Publikum nicht einmal. Auch die Preisstruktur wirkt wenig einladend: Die Kategorien liegen mit 56, 50 und 44 Euro so nah beieinander, dass sie kaum Differenzierung bieten. Ermäßigungen für Schüler, Studenten, Arbeitslose oder Rentner? Fehlanzeige! Vergünstigte Abendkarten für Kurzentschlossene oder zumindest eine deutlich günstigere Einstiegskategorie wären ein einfaches Mittel, um Hemmschwellen abzubauen – und fehlen komplett. Dieser Dilettantismus ist nicht nur ärgerlich, er ist respektlos gegenüber den gastierenden Künstlern. Ein hervorragendes Haus und exzellente Musiker reichen nicht aus, wenn die Vermarktung die Schlafmützigkeit einer Provinzbehörde atmet. Man muss den Menschen in der Region schlicht mitteilen, welch musikalische Schätze vor ihrer Haustür gehoben werden. Anreize zu schaffen ist kein Kunststück – man muss es nur wollen. Der Beifall der Anwesenden war echt und dankbar. Doch dieser Abend hätte einen übervollen Saal verdient gehabt.
Dirk Schauß, 04. Oktober 2026
Konzert in der VILCO Bad Vilbel am 03. Oktober 2026
Programm:
Ludwig van Beethoven, Egmont
Richard Strauss, Vier letzte Lieder
Ludwig van Beethoven, Leonore Ouvertüre Nr. 3
Richard Strauss, Don Juan
Hanna-Elisabeth Müller, Sopran
Nationaltheater-Orchester Mannheim
Roberto Rizzi Brignoli, musikalische Leitung

