Giudittas heiße Küsse im Stadttheater Bad Hall in einem Fest der Superlative

Begeisterung, Bewunderung, Staunen – enthusiastischer Beifall für die scheinbar leichte Muse
Es ist längst bekannt. Das relativ junge, kleine Stadttheater Bad Hall steigt langsam aber sicher zu einer Musiktheaterbühne auf, die es mit größeren Häusern aufnehmen kann. Die Premiere von Franz Lehárs nicht allzu oft gespieltem Spätwerk „Giuditta“ am Samstag, dem 4. Juli 2026, gelang bei den heurigen Operettenfestspielen als ein weitbeachtetes Ereignis in der frequentierten Kurstadt. Die Produktion wies auf allen Linien Vorbildqualität aus, was gerade mit diesem Werk nicht leicht zu erreichen war. Das beginnt schon beim Titel. Das goldene Zeitalter der Operette war für den Komponisten zahlreicher, erfolgsbewährter Operetten aus eigener Feder vorbei, also muss etwas Neues auf die Bühne. Lehár nannte seine „Giuditta“ eine musikalische Komödie, eigentlich seltsam durch den tragischen Ausgang. Aber so tragisch wurde der Inhalt gar nicht. Mit seinem zeitlosen Thema LIEBE, die Herzen an Untreue brechen lässt. Enttäuscht bleibt der Liebhaber zurück, während seine Angebetete in ein anderes Leben flüchtet. Die Darstellung solcher tiefgreifenden Gefühle braucht viel Fingerspitzengefühl auch für melancholische Momente oder ganz einfach die visionäre angeborene Kraft des Regisseurs. Bad Hall hat das Glück einer Erfüllung dieser Ansprüche. Thomas Kerbl, seines Zeichens lehrender Musikprofessor an der Linzer Bruckneruni, weiß genau, worauf es ankommt bei der scheinbar leichten Muse. Emotionen in heikelsten Situationen ausdrücken zu können, den Szenenverlauf in Bewegung zu halten, so dass das Publikum keine Minute das Wunder der Faszination verliert. Bei Kerbl glitzert und glänzt das Geschehen, seine Ideen übertragen sich auf die Mitwirkenden, die Identifikation erfolgt spontan auf die Rollenträger. Dazu hat er natürlich auch das genau passende Team, schauspielerisch sowie sängerisch und auch für die tänzerischen Einlagen. Eine allgemein zündende Stimmung vom Anfang bis zum Ende durch die Ausstattung der fünf Bühnenbilder von Susanne Kerbl, die so einfach wie kulissenmäßig großartig die Handlung widerspiegelten.
Die Musik strotzt förmlich von melodischer Grazie, rhythmischer Lebendigkeit und einer geschickt ausgewogenen Orchesterbehandlung. Bis heute tönen bekannte Schlager aus „Giuditta“ im Ohr von Musikkennern etwa „Gern hab ich die Frauen geküsst“, welche liebeshungrige Dame würde das nicht kennen ? Oder „Freunde, das Leben ist lebenswert“. Und das seit 1934, dem Uraufführungsjahr des Werkes nach dem Buch von Paul Knepler und Fritz Löhner. Keine bedeutendere Bühne als die Wiener Staatsoper hatte es für sich entdeckt. Im oberösterreichischen Bad Hall weiß man es zum ersten Mal, wie Lehár seine geniale Musik mit unsterblichen Klängen in Zeitlosigkeit versetzte.
Wie gesagt, leicht ist es nicht, im Theater alle Höhepunkte von Lehárs spätem Opus als der letztvollendeten der Operette umzusetzen. Durch den Übergang von der traditionellen Operette zum modernen Musiktheater hat in „Giuditta“ eben eine Sonderstellung in der Musikgeschichte. In Zeiten digitaler Ablenkungen und Stückversetzungen in die Gegenwart heißt es, die Relevanz der Bühnenkunst dem Publikum erfahrbar machen zu können. Auch in dieser Hinsicht ist der Produktion insgesamt höchstes Lob auszusprechen.
Der spätromantische Sound der Musik kam vom Orchester unter der Leitung von Walter Rescheneder, die tänzerischen Rhythmen wie Tango oder Foxtrott, perfekt ausgeführt von professionellen Solotänzerinnen, verdienten die präzise Begleitung der Musiker. Die Akkordeonklänge des Straßenmusikers Bernhard Walchshofer füllten bravourös die Orchesterpausen, und auch das Herrenensemble sang seine Parts mit Feuer und Eifer. Dass ohne sichtbare Verstärkung der Stimmen die Artikulation durch die Bank keinen Wunsch übrig ließ, ist keine Selbstverständlichkeit. Die adäquate Besetzung der Hauptrollen schien für eine solche Produktion fast eine Pflicht zu sein. Cinzia Zanovello als Giuditta weist alle Vorzüge auf, die diese Rolle verlangt. Eine umwerfende Ausstrahlung, herrliche, in der Höhe mühelose Stimme, ein natürlich bewegtes Spiel und Tanz; als die ideale Vorstellung von einer umworbenen Diva erhielt sie sämtliche Avancen vom Publikum. Christoph Gerhardus als Octavio war gewiss ein attraktiver Partner, allein die Führung seines flexiblen Tenors würde vielleicht noch etwas mehr Beachtung vertragen. Einem Richard Tauber durch Forcieren nachzueifern, braucht es bei diesem Sänger gar nicht. Eine Art Buffopaar hatten Génesis López Da Silva als Anita und Alexandre Bianque als Perrino darzustellen, was sie nicht nur im Gesang hochtalentiert für diese Aufgabe taten. Ernst Garstenauer (Ibrahim), Gerald Giedenbacher (Butler/Lord), Josef Krenmair (Wirt/Türsteher) und Marie Büchele (Lolitta) ergänzten in bewundernswerter Eintracht das Gesamtensemble. Versäumen Sie diese aufregende Inszenierung nicht und besuchen Sie eine der zahlreichen Aufführungen, die bis zum 26. Juli 2026 geboten werden.
Georgina Szeless

