Bad Hall, Operettenfestspiele 4.07.2026: „GIUDITTA“ (Premiere)

Foto: Michael Tanzler
Franz Lehar und Giacomo Puccini verband gegenseitige Bewunderung: obwohl der Verleger Ricordi die „Commedia lirica“ – so die Originalbezeichnung von „La Rondine“ („Die Schwalbe“) – als „schlechten Lehar“ bezeichnete und nicht annahm! Auch Lehar nannte seine „Giuditta“ „musikalische Komödie in fünf Bildern“ und sah sich seinen Traum erfüllt, da die Uraufführung an der Wiener Staatsoper 1934 mit den Stars Jarmila Novotna und dem legendären Richard Tauber stattgefunden hatte, und der Komponist selbst am Pult gestanden war. Es wurde ein großer Erfolg, auch oft nachgespielt, ist in unseren Breiten aber heute eher weniger vertreten – kein Vergleich mit Aufführungszahlen etwa „Der lustigen Witwe“ oder „Das Land des Lächelns“.
Nun zählt dieses Werk von Meister Lehar, das eine Zwitterstellung einnimmt- halb Oper mit Puccinischen Anklängen, halb Operette – nicht gerade zu meinen Lieblingsstücken, doch muß ich gestehen, daß es so, wie es hier geboten wurde – etwas „gestrafft“ und gekürzt – auf einmal sehr gut funktionierte und bewies, daß es für Könner auch möglich ist, mit einfachen Mitteln Großes zu erreichen! Und so ein „Könner“ ist nun mal der Intendant Thomas Kerbl, der – von der Musik her kommend – weiß, was dem darstellenden Personal zumutbar ist, was Debütanten brauchen, um reüssieren zu können. Ein Mann der das Stück nachverfolgbar erzählt, stimmig, schlüssig, die Personen allesamt gut führt und ein wunderbares Gespür hat, was es braucht um ein – hier sehr mitgehendes – Publikum gut zu unterhalten! Ja, und nicht zu hinterfragen und irgendwelche kruden Ideen vielleicht drüber zu stülpen. So lief der Abend kurzweilig ab, und ich hörte Leute reden, die bedauerten, daß der Abend schon zu Ende war: das nimmt man heutzutage selten so wahr…! Daß die Handlung im ersten Bild statt in Süditalien in Spanien spielte, war zwar nicht notwendig, aber es änderte nichts und störte nicht. Glänzend gelungen wieder die offenen Umbauten der Bühnenbildelemente (Bühnenbild: Gottfried Angerer) – eine Spezialität von Kerbl, dem “Meister der Szenenwechsel“- die die Handlungsorte stimmungsvoll andeuteten und im Zusammenwirken mit den gelungenen Kostümen (Susanne Kerbl) den optisch stimmungsvollen Rahmen für eine gelungene musikalische Umsetzung boten.
Neben seinen nun bereits herausgestrichenen Meriten als Spielleiter, hat der Intendant auch ein gutes Händchen für die Solisten – nach dem „Land des Lächelns“ und „Im Weissen Rössel“ bewies er es diesmal erneut – alleine der Mut das „große Paar“ zwei jungen Künstlern anzubieten, die in ihren – anspruchsvollen – Rollen debütierten, zeugt von seiner Souveränität. Denn beide konnten verdiente Erfolge einfahren. Eine junge, zierliche Schweizerin, Cinzia Zanovello, schlüpfte erstmals in die Rolle der allseits begehrten Tänzerin – und füllte diese Partie mit Esprit, Attraktivität und – Gott sei Dank – mit Eleganz und Geschmack, ohne nur andeutungsweise in leider zu oft erlebte „Schein-Erotik“ mit gewöhnlichem Touch abzugleiten. Das war eine ganz feine Darbietung mit Persönlichkeit und – kongenialer stimmlicher Umsetzung! Das angenehme Material mit einem persönlichen Timbre wird nie forciert eingesetzt, der jugendlich-frische Sopran blüht oben schön auf und bleibt auch in den „acuti“ immer rund und wohlklingend. Eine feine Leistung dieser Künstlerin, die in Zürich geboren und in Wien an der MUK studiert hatte – ihre Entwicklung wird auf alle Fälle zu beachten sein. Mit vollem Einsatz und strahlenden Höhen eroberte der aus Niederösterreich stammende Christoph Gerhardus mit seinem „Freunde, das Leben ist lebenswert“ gleich die Herzen der Zuseher, speziell der Damen. Der fesche junge Mann – Typ „Lieblingsschwiegersohn“ – begann erstaunlicherweise als Bariton, führt seine Stimme sehr wortdeutlich, hat auch eine ausgezeichnete Prosa, und meisterte die Tücken der Partie ohne Probleme tadellos. Auch er kein „Selbstdarsteller“, sondern punktend durch noble Bühnenpräsenz, war somit bestens zu seiner Partnerin passend! Bravo! Auch das „zweite Paar“ war rollendeckend, vom Typ her und den Stimmen, wobei mir die herzliche Art der Darstellung und das liebliche Timbre von Genesis Lopez da Silva (Anita) noch besser gefiel, als der sehr humorvoll agierende Alexandre Bianque als Perrino mit leichtem Spieltenor. Von den übrigen – allesamt engagiert bei der Sache gewesenen Akteuren wie Marie Büchele (Lolitta), Gerald Giedenbacher ( Butler/Lord), Josef Krenmair (Wirt/ Türsteher) – sei als Luxus Ibrahim, der aus dem Nachbarort stammende Ernst Garstenauer herausgehoben, dem man seinem profunden, ausladenden Bass seine in der Schweiz und Deutschland gesungenen Gurnemanz oder Ochs von Lerchenau anhörte – weniger jedoch seine afrikanische Abstammung glauben konnte ( eher, daß ein Traunviertler in Afrika als „Etablissement- Besitzer Karriere gemacht un den Namen geändert hat). Ein guter Einfall Bernhard Walchshofer mit seinem Akkordeon als Strassenmusikanten immer wieder „Reminiszenzen“ von den ins Ohr gehenden Melodien bringen zu lassen…
Ausgezeichntes war auch aus dem Graben zu vernehmen, wo der Routinier Walter Rescheneder mit sparsamen Gesten dem auf hohem Niveau agierenden Orchester einen wunderbaren Lehar Klang entlockte und Graben und Bühne bestens koordinierte. Auch der Chor und das Tanzensemble trug zum großen Erfolg dieses Premierenabends bei, der vom Publikum stürmisch beklatscht wurde!
Es erstaunt mich immer wieder aufs Neue, wie eine 6.000 Seelengemeinde sich ein so tolles Stadttheater (erst vor paar Jahren renoviert, mit bequemen Sitzen und Klimaanlage!) leisten kann. Und dann noch ein buntes Programm für alle über das ganze Jahr bietet! Aber da steht die Gemeindevertretung unter Bürgermeister BR Bernhard Ruf an der Spitze mit Überzeugung hinter dieser Initiative und zeigt mustergültig vor, wie Kultur funktionieren kann! Im Oktober /November gibt es als Musicalproduktion „Evita“ und nächstes Jahr wieder eine Opernproduktion und zu den Operettenfestspielen dann „Eine Nacht in Venedig“! Bad Hall ist echt eine Reise wert! ( Giuditta läuft – mit Zusatzvorstellungen!! – noch bis 1. August! )
Michael Tanzler

