Als hätte Mozart seinen „Figaro“ vom Himmel geschickt
Wie man Oper werkgerecht darstellen kann, weiß man im Bad Haller Stadttheater bestens. ( 7.3.2026)

Einen echten Mozart würdigen Abend der Oper „Die Hochzeit des Figaro“ gibt es im Stadttheater Bad Hall zu erleben. Das Wunder ist kaum vorstellbar, dass in dunklen Zeiten des heutigen Regietheaters ein Meisterwerk in seiner Originalgestalt auf die Bühne gelangt. Da braucht es keine pseudoklugen Erfindungen für die Inszenierung, keine textlichen Umänderungen oder Versetzung des Stückes in die Gegenwart, wie es gerne gemacht wird. Oder den Komponisten des betreffenden Werkes mitspielen zu lassen, indem ihm eine Rolle zugeteilt wird. Das Publikum amüsierte sich blendend und war entzückt schon allein von der Königsidee, zu Beginn der Aufführung einen Zuckerbäcker namens Hermann Scheidleder vom Burgtheater Wien im passenden Outfit vor den Vorhang zu holen. Der Maitre Chocolatier führte witzig und maulfertig durch die Handlung der Oper mit ihren Personen samt deren Launen und Charakteren, was durchaus hilfreich ist. Wurde doch in der Aufführung richtigerweise kaum auf Deutsch, sondern auf Italienisch und auch etwas auf Spanisch gesungen. Wie es sich halt beim Figaro gehört, uraufgeführt 1786 erst auf Intervention durch Joseph II in Wien, und später erst zu richtigem Ruhm gelangt. Denn der Beaumarchais-Text von 1784sorgte zunächst als Vorahnung der Revolution in Paris für einiges Aufsehen und musste zur Freigabe von Lorenzo Da Ponte in ein Libretto umgeformt werden. All diese „Figaro“- Verführung und Erfahrung kannten die beiden Initiatoren des Mozart-Festivals in Bad Hall von der Linzer Bruckner Privatuniversität; eine Aufführung in Kooperation mit der „Internationalen Mozart-Akademie“ der Anton Bruckner Privatuniversität des Landes: der Intendant in Bad Hall Thomas Kerbl und sein Kollegenfreund und Akademieleiter Robert Holzer. Ihre aus einem Mozart-Wettbewerb hervorgegangenen Finalisten des neuen Ensembles mit perfekter Ausbildung vor weltoffenen Karrieren, bestanden bei der Premiere durchwegs qualitätsgleich ihre anspruchsvollen Aufgaben. Viel verlangt, aber alles mit Herzblut gegeben von den insgesamt elf Mitwirkenden, die die unterschiedlichen Charaktere in Mozarts genialen Liebesverwicklungs- und Versteckspielen mit Lust und Esprit sangen und spielten.
Einzelne Szenen ragten aus der Fülle des Geschehens heraus und hielten die Neugierde und Spannung wach, als hätte man den „Figaro“ gerade neu erfunden. Die Figuren sind allesamt scharf durchgeformt, die Rezitative auf dem Hammerklavier spiegeln die Stimmungen deutlich wider. Die großen Finali des zweiten und einige Takte des dritten Aktes betonen unaufdringlich die dramaturgische Situation durch die Musik so plastisch, dass eine perfekte Synthese des Theaters mit Musik entsteht. Sei es in den ruhigen Arien der Gräfin (Laura Avila aus Venezuela), in Cherubinos zart-erotischen Kanzonen (Genesis Lopez), in Susannas inniger Rosenarie (Chimene Smith) oder in der Szene des herrischen machtgierigen Grafen Almaviva (Johannes Eder). Man müsste aber verdienterweise noch die übrigen Darsteller des jungen Ensembles einzeln nennen, was aber den Rahmen sprengte. Sie alle halfen mit, diesen kunstvoll geschnürten Intrigenknoten zu lösen, geschickt agierend auf der stilecht ausgestatteten Bühne von Gottfried Angerer und ebenso in mozartisch gekleideten Kostümen von Susanne Kerbl. Etwa als Marcellina Elena Dadajova, als Barbarina Lena Obexer, Alexander Dimitrov als Bartolo, Jianhan Li als Basilio, Kazuma Tsuboi als Don Curzio, und nicht zuletzt der schlaue Titelträger Philipp Schöllhorn als Figaro. Besonders erwähnenswert, der pfiffige Regie-Gag Kerbls, eine Klavierstunde, die scheinbar erfolglos verlief, weil das Notenblatt verkehrt am Ständer lag. Das hätte dem Dirigenten der Aufführung Matthias Achleitner, dem hoffnungsvollen Senkrechtstarter der Pultszene unter dem heimischen Nachwuchs, nicht passieren können. Das Dirigat seiner OÖ. Philharmonie strahlte vor Leidenschaft und Präzision, entbrannte für die Partitur Mozarts, wie man es sonst nur bei der Größe eines internationalen Pultstars voraussetzt. Eine bessere Stütze als verlässlicher Träger für die zu animierenden Sänger kann man sich kaum vorstellen, Beweis genug für Achleitners viel versprechende Zukunft. Unmittelbar nach dem letzten Ton sprang das Publikum in der ausgebuchten Stadthalle von den Sitzen und feierte mit standing ovations stürmisch das Bad Haller Opernereignis seiner Festspiele. Auf ein weiteres Sängerreservoir für Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ in Bad Hall sei hingewiesen mit einer zweiten Einstudierung am folgenden Tag, dem 8. März 2026 um 17, im Stadttheater. Dem Riesenerfolg sollte man unbedingt einen Besuch abstatten.
Georgina Szeless
Kulturjournalistin

