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AUGSBURG/Staatstheater / Martinipark: THE RAKE´S PROGRESS von Igor Strawinsky

04.02.2024 | Oper international

THE RAKE´S PROGRESS von Igor Strawinsky am Staatstheater Augsburg (Martinipark) am 3. Februar 2024

Die 1951 in Venedig uraufgeführte, einzige abendfüllende Oper von Igor Strawinsky erfreut sich immer mal wieder heftigen Zuspruchs des Publikums, auch wenn sie die Popularität der Vorgänger, an die sie nicht nur immer wieder erinnert, sondern worauf sich ihr Komponist auch explizit immer wieder beruft, nie erreichen konnte. Strawinski hatte sich in seiner Schrift „Poétique musicale“ zu der Meinung des altersweisen Verdi bekannt, der gefordert hatte: „Lasst uns zu den alten Meistern zurückkehren, und es wird ein Fortschritt sein!“ Das Werk bedient  ganz bewusst die Anforderungen an eine klassische Oper, mit Arien, Duetten, auch vom Cembalo begleiteten Rezitativen, mit großen Ensembles und wirkungsvollen Chören. Allerdings kann die literarische Vorlage, die auf der gleichnamigen Kupferstichfolge von William Hogarth beruht, die stringente Bühnenpräsenz eines DON GIOVANNI nur sehr bedingt erreichen. Sich auf Mozart berufen, ist nie verkehrt; Wagner ablehnen kann man auch. Allerdings wird man festhalten dürfen, dass die Meisterwerke dieser beiden bis heute die Spielpläne der Welttheater beherrschen – davon sind Strawinskys Opern meilenweit entfernt (was nichts über den Komponisten Strawinski aussagt, dessen Stellenwert in der Musikgeschichte unbestritten ist!) !

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Das Finale mit der Moral von der Geschichte: „Alles war  nur Theater!“ – Szenenfoto mit (v.l.n.r.): Shin Yeo (Nick Shadow), Kate Allen (Baba the Turk), Sung min Song (Tom Rakewell), Sally du Randt (Anne) , Avtandil Kaspeli (Trulove) – Foto: Jan-Pieter Fuhr /Theater Augsburg

Das Interregnum im Martinipark Augsburg dient nun für fast alle Musiktheatergattungen, mit Ausnahme der so genannten „großen Oper“, deren bühnentechnische Anforderungen oder der gewaltige Orchesterapparat entsprechende Werke verhindern; und es dauert schon viel zu lange. Noch ist Augsburg von Kölner Opern-Umbau-Zeiten ein Stück entfernt, aber es kommt den Kölner Verhältnissen recht nah, nicht nur was die Zeit, sondern entsprechend auch – was die Kosten betrifft! Unrühmliche Beispiele für neuere Theater-Baugeschichte!

Rühmlich hingegen, was den Theatermachern immer wieder einfällt, das Publikum die Missstände dieser Lokalität vergessen zu lassen! So gesehen hat das Musiktheater des Staatstheaters Augsburg schon einige Male kleine Wunder vollbracht, die man sich in der Not-Spielstätte  nicht hätte vorstellen können; Inszenierungen wie Smetanas DALIBOR (2018), ARIADNE AUF NAXOS von Richard Strauss (2019) oder Brittens PETER GRIMES (2022) reizten die Möglichkeiten des Raumes und der akustischen Grenzen optimal aus und erbrachten überdurchschnittliche Ergebnisse. Auch die jüngste Produktion, Strawinskys  THE RAKE´S PROGRESS (Premiere war am 20.01.2024) würde ich – alles in allem – zu diesen Erfolgsproduktionen zählen wollen, weil es dem Team um Regisseur Jan Eßinger (mit Bühnenbildner Nikolaus Webern, Kostümbildnerin Lena Brexendorff, Lichtgestalter Marco Vitale sowie Dramaturgin Vera Gertz) nicht nur gelungen ist, einen unterhaltsamen und amüsanten Abend zu gestalten, sondern angesichts der optischen Opulenz und der  Vielseitigkeit der Gestaltungsmöglichkeiten die Beschränkungen des Interregnums vergessen zu lassen. Auch GMD Domonkos Heja und seine Augsburger Philharmoniker trugen wesentlich zum Erfolg des Abends bei, delikates Musizieren bei größtmöglicher Spielfreude gepaart mit rücksichtsvoller Zurückhaltung der Bühne gegenüber. Einen sehr guten Tag hatte der in gewohnter Klangpracht präzise und tonschön singende und unterschiedlich agierende Opernchor des Staatstheaters Augsburg in der zuverlässigen und sicheren Einstudierung der bewährten Chordirektorin Katsiaryna Ihnatsyeva-Cadek. (Nur im Bordell-Bild ging es meiner Meinung nach all zu brav zu – aber das ist Meckern auf hohem Niveau!)

Was die solistischen Leistungen betrifft, wurde man in Augsburg selten enttäuscht, auch diesmal nicht – obwohl die von mir besuchte zweite Vorstellung witterungsbedingt unter keinem guten Stern stand: zwei Sänger mussten im Verlaufe des Abends wegen Indisposition entschuldigt werden, weshalb sie sich – Claudio Zazzaro als Sellem, in der Pause auch noch Shin Yeo als Nick Shadow – der Beurteilung hier entziehen. Großartig war (wie eigentlich immer) Sally du Randt, die die Rollengeschichte der Anne Trulove, die mit großen Namen von Elisabeth Schwarzkopf (Uraufführung) über Hilde Güden (Metropolitan-Opera 1953) bis zu Felicity Lott (Glyndebourne Festival 1975) reich bestückt ist, mit ihrem silberklaren, hellen und höhensicheren jugendlich-dramatischen aber jung gebliebenen, präzisen Sopran und ihrer ergreifenden Darstellung äußerst positiv fortschrieb. Eine beglückende Leistung! – Für den Tom Rakewell bringt Sung min Song einen klaren und höhensicheren Tenor und schneidende Intelligenz mit, die in ihrer Prägnanz und Schärfe an den jungen Gerhard Stolze erinnert. Wohltuend diszipliniert fügen sich Avtandil Kaspeli als Trulove und Natalya Boeva als Mother Goose in das Geschehen ein. Baba the Turk ist mit Kate Allen stimmlich fulminant besetzt, schien mir als Figur zu sehr karrikiert; immerhin bleibt sie keine Hans-Wurstiade, im Gegenteil ist sie es ja, die ihre „Ansprüche“ zurückstellt und Anne den Weg für deren finales Verhalten ebnet.

Bei aller Begeisterung – und das Publikum reagierte begeistert und spendete reichen Beifall! – schien mir der Abend gegen Schluss hin doch einige Längen zu haben, wie denn auch die fremdsprachige Aufführung (von Originalsprache kann ja angesichts der Herkunft der Sänger nicht gesprochen werden) Lücken im Verständnis offen lässt. Bei einer Buffa ist es schon von Vorteil, wenn man jedes Wort verstehen kann und nicht umständlich über die Übertitelungsanlage Zusammenhänge herstellen muss. Und noch eines: auch einem Kritiker muss es erlaubt sein, ein Werk nicht gut zu finden oder der Musik keinen Charme abgewinnen zu können, mich hat die Musik weder an- noch aufgeregt, ich finde sie einfach nur antiquiert! Das sagt ja nichts über ihre Qualität aus…

 

Werner P. Seiferth

 

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