AUGSBURG/Martinipark: LA FORZA DEL DESTINO – Neuinszenierung
Premiere am 24.03.2018
Zunächst war das eine ungewöhnliche Werk-Wahl: Verdis „Forza del destino“ ist ein in jeder Beziehung opulentes Werk mit einer außerordentlich wertvollen Musik und einer Handlung, die Scharen von Regisseuren zur Verzweiflung brachte. Im Deutschen meinte man sogar bemerken zu müssen, dass sie nicht den Titel „Macht des Schicksals“ verdiene, sondern besser „Macht des Zufalls“ heißen sollte. Und außerdem: mit seinen vielen Massenszenen, seinen überdurchschnittlich anspruchsvollen Solo-Partien und der Vielzahl schwer nach-vollziehbarer Schauplätze ein Werk, das die Grenzen eines großen Theaters nicht nur erreicht, sondern oft überschreitet. All das spräche gegen eine Aufführung in einem „Behelfstheater“, das der im Augsburger Martini-Park vorübergehend beheimatete „Theaterraum“ eben doch bleibt…
Aber – oh Wunder! Zu berichten ist von einer musikalisch stimmigen, in vielen Einzelheiten hochkarätigen Wiedergabe und einer Inszenierung, die nicht nur des Raumes wegen aus der Not eine Tugend machte. Es war eine beeindruckende, überzeugende Premiere in des Wortes absolutem Sinn. Großartige Leistungen von Orchester und Chor, starke, partien-adäquate Solisten-Besetzung und eine verblüffendlogische Inszenierung. Das Publikum war begeistert, der Abend ein großer Erfolg für Augsburg. Gratulation!
Die Musik Verdis, die in diesem Werk bereits auf die Meisterschaft des späten Maestro hinweist,bildete nicht nur die solide Basis, sie wurde von Domonkos Héja und seinen Mitstreitern, den ausgezeichnet disponierten Augsburger Philharmonikern, dem großartigen, von Katsiaryna Ihnatsyeva-Cadek mustergültig vorbereiteten Opern- und Extrachor des Theaters Augsburg, und einer wahren Schar prächtiger Solisten zum aufregenden Fundament des Abends, der sich – bis auf die Schlussszene – auf die zweite Fassung des Werkes von 1869 stützte, als Finale die Urfassung von 1862 wählte. Eine schlüssige und konsequente Entscheidung, umso mehr, als keine wesentlichen Striche in der Partitur erfolgten, was ja leider bei diesem Werk keine Selbstverständlichkeit ist.
Besonders hervorzuheben bleibt: Héja bewies einmal mehr, dass in diesem Raum differenziertes dynamisches Musizieren möglich ist, sein Orchester folgte ihm großartig. Und eine so subtile Instrumentation, wie sie ein Meister wie Verdi nun einmal vorlegt, erbrachte ebenso den Beweis, dass Singstimmen trotz offenen, hochliegenden Orchester von Instrumenten nicht „abgedeckt“ oder erstickt werden müssen. Eine großartige und beispielhafte Interpretation!
Intendant André Bücker inszenierte erstmals an seiner neuen Wirkungsstätte ein Werk mit dem Ensemble des Musiktheaters und dabei gelang ihm ein überzeugender Coup: das weit-verzweigte, oft jeglicher Logik entbehrende Geflecht einer unübersichtlichen Handlung an ebenso kaum nachvollziehbaren Schauplätzen versuchte er gar nicht erst zu entschlüsseln sondern erklärte es als die Ausgeburt der verletzten Seele Leonoras, interpretierte es als in ihrer Psyche sich abspielendes traumatisches Erlebnis und spielte das gesamte Werk in ihrem „Raum“, dem mehr oder weniger attraktivem Zimmer des originalen Stückbeginns. (Bühnenbild: Jan Steigert, Kostüme: Suse Tobisch). Dieser „Einheitsraum“ war verblüffend durch die vielfältigen Verwandlungsmöglichkeiten, durch Auftrittmöglichkeiten „durch die Wände“ – eine interessante Bildversion!
Ich bin kein Freund von „bebilderten Ouvertüren“, erst recht nicht, wenn es sich um derartig meisterhafte, wie die von Verdi der 2. Fassung vorangestellte – quasi „Konzertouvertüre“ handelt; hier allerdings machte die Bebilderung Sinn. Leonora liegt in ihrem Bett und wird von Alpträumen geplagt, eine Situation, die den Fortgang des gesamten Stückes bestimmt. Und in diesen seelischen Qualen, diesem Alptraum, „ereignet sich vielleicht alles gar nicht real“ (Bücker). Das war durchaus überzeugend und hielt auch tatsächlich – mit wenigen Ausnahmen – den Abend über die Oberhand. Und dann ist alles möglich, was unmöglich erscheint: der zufällige Tod des Marchese, die Ungereimtheiten der Männerfreundschaft und Todesfeindschaft von Bruder und Liebhaber, die Vielfalt der Massenszenen besonders im 3. und 4. Akt. Leonora träumt und durchleidet dies alles, sie ist – das ist übrigens ein zwangsläufiger „Nebeneffekt“ dieser Lesart – immer präsent, auch im 3. Akt, in dem sie im Original überhaupt nicht auftritt. Sie wird zur Hauptträgerin der Handlung, was nicht nur durch ihre Dauerpräsenz auf der Bühne, sondern auch durch Film-Einblendungen (Video: Robert Zorn) und spannende Licht-Variationen (Kai Luczak) überzeugend unterstrichen wird. Auf diese Weise kann Bücker die Handlung ohne Brüche ins Südamerika der 1980er Jahre verlegen, kann Gewalt und Drogenexzesse ebenso zeigen wie er die Buntheit der Volksszenen nicht fürchten muss. Dem Werk wurde keine Gewalt angetan. Alles wird möglich, alles kann sein – oder auch nicht sein. Eine verblüffende Transposition.
Er kann das natürlich nur tun, weil er in Sally du Randt eine Darstellerin hat, die in der Lage ist, diese Version glaubhaft zu spielen. Man leidet und durchleidet mit ihr alle Qualen, man versteht diese Inszenierung durch ihr überzeugendes Spiel, ohne Erklärungen erhalten zu müssen. Das alles wäre nicht möglich ohne die singuläre gesangliche Leistung der Künstlerin, die über eine Stimmkultur und stimmtechnische Qualität verfügt, die mit einer pianissimo-Kultur ebenso überzeugt wie mit grandiosen stimmlichen Ausbrüchen und einer Vielseitigkeit an Nuancierungen im dynamischen Bereich. Bewundernswert dabei besonders ihre Fähigkeit zum langen Atem, zu vorbildlichen Legatobögen und zum Aufblühen der Stimme in schönster Weise. Sie trägt den Abend souverän, nicht nur als Schauspielerin, sondern eben als einzigartige Sängerin.
Und sie befindet sich in durchaus adäquater sängerischer Gesellschaft: neben ihr überzeugte der stimmlich großartig profunde Bass des Stanislav Sergeev als Pater Guardian am nachhaltigsten, eine Stimme, die nicht nur ebenso technisch sicher geführt wird, sondern zu dramatischen Nuancierungen fähig ist. Beider Duett im zweiten Akt war ein musikalischer Höhepunkt dieses erfreulichen Abends (wenn ich dazu auch anmerken möchte, dass dieses Duett in seiner Direktheit sich ein wenig vom Grundkonzept des „Traumes“ entfernte!)
Stanislav Sergeev (Guardian) und Sally du Randt (Leonora) – im Hintergrund Tobias Pfülb (Melitone) Foto: Jan-Pieter Fuhr / Theater Augsburg
Alejandro Marco-Buhrmester konnte mit seinem fülligen Bariton die großen Anforderungen der strapaziösen Partie des Carlos glänzend meistern, makellos seine Technik, beeindruckend seine Musikalität – auch er ein Aktivposten im derzeitigen Augsburger Ensemble.
Dieses wurde durch einige Gäste glücklich erweitert: Leonardo Gramegna wartete mit einer stimmlich bis an die Grenzen des Risikos führenden überzeugenden stimmlichen Leistung als Alvaro auf; Tobias Pfülb war als Marchese von Calatrava und als Fra Melitone besetzt, wobei er als Letzterer mehr zu überzeugen vermochte; Rita Kapfhammer spielte eine burschikose Preziosilla und meisterte die Tücken der Gesangspartie mit verblüffender Routine. Infolge einer plötzlichen Erkrankung des Ensemblemitgliedes Thaisen Rusch sprang Florian Stern sehr kurzfristig als Mastro Trabuco ein und rettete die Premiere mit bewundernswerter Sicherheit.
Nicht unerwähnt dürfen die kleinen Partien bleiben, die aus dem Chor besetzt wurden: die sehr überzeugende Curra der Maria Theresia Jakob, der sichere Alkalde des Eckehard Gerbot und schließlich Andre Wölkner als Chirurg.
Alejandro Marco-Buhrmester (Carlos – rechts), Rita Kapfhammer (Preziosilla), Opernchor des Theaters Augsburg Foto: Jan-Pieter Fuhr / Theater Augsburg
Vielleicht das Wichtigste: das gesamte große Ensemble strahlte eine Spielfreude und ein Engagement aus, das wirklich auf die Begeisterungsfähigkeit des Publikums übersprang. Sie alle spielten und sangen mit spürbarer Freude und bewiesen, dass es ihnen Ernst um ihr Anliegen ist: allen Widrigkeiten zum Trotz einen großen Abend zu gestalten.
Jedenfalls hat sich die lange Reise nach Augsburg in diesem Falle mehr als gelohnt.
Werner P. Seiferth