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„Auf dem Meer der Lust in hellen Flammen…“ Melodramen und Intermezzi von Erich J. Wolff und seinen Zeitgenossen – THOROFON 3 CDs

19.11.2016 | cd

„Auf dem Meer der Lust in hellen Flammen…“ Melodramen und Intermezzi von Erich J. Wolff und seinen Zeitgenossen – THOROFON 3 CDs

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Das pianopianissimo-musiktheater schickt den Hörer rund um Erich J. Wolffs Pierrot Zyklus sowie zwei Intermezzi für Klavier und Violine Op. 2 mit dieser siebenten Ausgabe einer Wolff-Edition auf eine spannende Zeitreise zu dem Melodramen im späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Neben bekannten Komponisten wie Max von Schillings, dessen dich recht bekanntes „Hexenlied“ im Katalog in einer mustergültigen Interpretation durch Martha Mödl mit dem Kölner Rundfunkorchester unter Jan Stulen (cpo) vorliegt, oder Franz Schreker wurden auch Werke von Camillo Horn, Arnold Winternitz, Josef Pembaur d. J., Heinrich Sthamer und Oscar Straus ausgegraben. Am Ende von CD 3 improvisiert der Pianist Rainer Maria Klaas zum Text „Tanzgilde“ von Otto Julius Bierbaum nach Arne Garborg.

„Melodram“ bezeichnet eine Handlung mit Musik bzw. die Unterlegung von gesprochenen Texten mit Musik. Freilich gibt es diesen Begriff im Film, im Musiktheater, auf der Sprechbühne und dem Konzertpodium. Das moderne Konzertmelodram entstand im 18. Jahrhundert. Am Ursprung der Renaissance des Melodrams lag Engelbert Humperdincks Urfassung der „Königskinder“ für Schauspieler und Orchester. Wie der exzellente Sprecher Peter P. Pachl aller hier vorgestellten, mit Musik unterlegten Gedichte oder anderer literarischer Vorlagen, im höchst informativen Booklet festhält, hat die Tonhöhen der Sprechstimme festlegende Notation auch Arnold Schönberg in „Pierrot Lunaire“ übernommen.“ Opernliebhaber kennen solche zu Orchestermusik gesprochenen Passagen u.a. aus den Opern „Fidelio“ (Kerker), Freischütz (Wolfsschluchtszene) oder der „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss.

Das pianopianissimo-musiktheater hat alle Werke in Kammermusikversionen für Violine (Martin Haunhorst) und/oder Klavier (Rainer Maria Klaas, der auch manche Klavierfassung eingerichtet hat) eingespielt. In der Mehrzahl handelt es sich um dramatisierende Begleitmusik von salonhaften bis durchaus expressionistischen extremen Ausdruckswerten. Camillo Horn hat Gedichte von Goethe („Der Fischer“), Friedrich Hebbel („Das Kind am Brunnen“) oder August Kopisch („Die Zwerge auf dem Baum“) mit Musik versehen. Unheimlich und düster mythisch geht es in Franz Schrekers „Das Weib des Intaphernes“ auf einen Text von Eduard Stucken zu. Stucken hat seinen frühen Text in Damaskus verfasst. Es geht in dieser orientalischen Ballade um die Pervertierung von Macht, ein durchaus aktuelles Thema: Intaphernes Weib erklimmt den Turm des Perserkönigs Darius um den Diktator zur Freilassung ihrer inhaftierten Familie zu veranlassen. Darius ist aber nur bereit, als Preis für ihre körperliche Hingabe einen der Ihren frei zu geben. Sie entflammt ein Feuer, in dem alle Beteiligten umkommen.

Der aus Oberösterreich stammende, zum Kreis Schönbergs gehörige Arnold Winternitz ist mit „Der Fluch der Kröte“ nach Gustav Meyrink und dem längsten Stück der Box „Die Nachtigall“ nach Hans Christian Andersen vertreten. Letzteres Märchen ist ja vor allem in einer Vertonung als Oper durch Igor Strawinsky bekannt geworden („Le Rossignol“). Die skurril schöne Geschichte der Nachtigall und die andere über unheilige Kröten im Tempel setzt Winternitz in originelle Musik, reduziert und klug symbolträchtig zugleich. Der mit Siegfried Wagner befreundete Josef Pembaur d. J. hat sein sechsteiliges Melodram „Mischka an der Marosch“ nach einem Gedicht von Nikolaus Lenau über die Rache des Musikanten Mischka am gräflichen Verführer seiner Tochter geschrieben. Der Hamburger Heinrich Sthamer hat Nikolaus Lenaus „Anna“ als Vorlage gewählt. Diese dürfte ja auch Hugo von Hofmannsthal gekannt haben, der in der bereits erwähnten Oper „Die Frau ohne Schatten“ die Färberin am Beispiel der Anna ja auch ihre Mutterschaft zugunsten des Erhalts von Jugend und Schönheit  abschwören lässt. Anna verliert symbolhaft ihren Schatten, was ihr Gatte bei einem gemeinsamen Ritt in einer Mondnacht erkennt. Das Album endet mit dem kurzen „Geflüster im Gange“ nach Otto Julius Bierbaum von Oscar Straus. Oscar Straus wird ja gerade in Berlin wieder entdeckt. Seine Operette „Die Perlen der Cleopatra“ wird am 3.12. 2016 an der Komischen Oper ihre Premiere feiern.

Die künstlerische Umsetzung steht und fällt in Falle solcher Melodramen mit dem Sprecher. Hier kommt wohl eindeutig das Primat des Wortes „prima la parola“ zum Tragen. Peter. P. Pachl spricht die Texte mit äußerster Präzision. Sein Vortrag ist farbenreich und narrativ kunstvoll, ohne je in Schwulst noch akademische Dürre zu verfallen. Manchmal darf Pachl kurz singen, das Sprechen auf bestimmten Tonhöhen steht bisweilen dem deklamatorischen Liedgesang erstaunlich nahe. Die beiden Instrumentalisten Haunhorst und Klaas erweisen sich sowohl in den Intermezzi als auch in „bloßer“ Begleitfunktion als versierte, hochmusikalische Partner. Das Booklet, in dem neben umfangreichen biographischen Notizen auch alle Texte abgedruckt sind, ist vorbildhaft. Das Erlebnis des Anhörens ist ähnlich wie bei einem Hörbuch. Man lauscht Geschichten, die emotional zusätzlich durch Musik verstärkt, gedeutet und kommentiert werden. Ein Erlebnis!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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