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AUDITE: Hommage an die legendäre ungarische Geigerin Johanna Martzy auf 2 CDs

12.03.2015 | cd

AUDITE: Hommage an die legendäre ungarische Geigerin Johanna Martzy auf 2 CDs

Deutschlandradio Kultur gibt die RIAS Bänder 1953 bis 1966 frei

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 Geboren in Temesvar im heutigen Rumänien musste Johanna Martzy (1924-1979) in den 40-er Jahren über Österreich in die Schweiz fliehen. Eine allzu kurze Karriere und wenige monaurale Schallplatten in den frühen 50-er Jahren bei der Deutschen Grammophon ließen Martzy bald zur Legende werden. Die ungarische Violinschule des 20. Jahrhunderts verdankt ihrem großen Lehrmeister Jenö Hubay nicht nur Namen wie Joseph Szigeti, Emil Telmányi, Stefi Geyer und Sandor Végh, sondern auch die Geigerin Johanna Martzy . Sie erwarb sich dank ihrer außergewöhnlichen Einspielungen der Standardliteratur Kultstatus. Zurecht, wenn man sich das nunmehr erstmals auf Tonträger vorliegende Violinkonzert in a-moll von Antonin Dvorák mit dem RIAS Orchester unter Fricsay anhört. Das besondere an Martzys Geigenspiel ist ihr ganz der Partitur verpflichtete Ansatz. Romantisch ist Musik dann, wenn es die Partitur so will und nicht, wenn ein Interpret den Klang nochmals mit Schokosauce und Vanillecreme zu überziehen trachtet. Zucker und Schlagobers gehören in die Konditorei und nicht auf Noten gepatzt. Bei Martzy gibt es kein überflüssiges Vibrato, keine Seufzer und Schluchzer, keine übertriebenden Portamenti und Rubati. Bei nachtwandlerisch sicherer Intonation zaubert die ungarische Virtuosin einen runden stets sinnlich-sängerischen Klang aus ihrer Carlo Bergonzi Violine. Der edel fokussierte Ton schimmert wie ein roter knackiger Apfel im Abendlicht. Und Martzy verzichtet dabei nicht auf den Hochseilakt der eigenen spontanen Lesart und des Risikos der unbedingten Hingabe an den Augenblick. Technik allein genügt Martzy nicht,   oberflächliche Effekte meidet sie wie die Pest. Wie modern ist dieser Ansatz, oder altmodisch, wenn man  unsere was den „Mut“ zur Interpretation betrifft, so schrecklich „biedermeierlich“ und ratlos gewordene Zeit betrachtet. Die französische Musikzeitschrift Diapason d‘or bringt es in ihrer jüngsten Ausgabe auf den Punkt. Anhand Wilhelm Furtwänglers Deutung der 9. Beethoven aus dem Jahr 1942 als wahrlichen Höllentanz (Rattle: „Das wagt heute niemand mehr“) oder bei der Besprechung einer neuen Aufnahme von Tschaikovskys Pathetique, in der sinngemäß steht, dass man die neue Aufnahme gar nicht mit den großen Dirgentenleistungen der Vergangenheit vergleichen dürfe. Ein solcher Maestro ist fraglos Ferenc Fricsay, der das RIAS-Symphonieorchester beim Dvorák Konzert zu dicht intensivem Spiel animiert und mit Johanna Martzy eine Sternstunde der Schallplattengeschichte liefert. Man höre nur, mit welchem Sog und jubelndem Taumel das abschließenden Allegro giocoso, ma nion troppo musiziert wird. Ein waschechter schlechte Launen-Vertreiber. Eine bislang verborgene Kostbarkeit aus den Archiven ist nun dank AUDITE endlich erhältlich und für alle Musikfreunde zugänglich.

 Bislang hat sich vor allem das Label Testament um die Veröffentlichung von Aufnahmen der Johanna Martzy vor allem mit ihrem Klavierpartner Jean Antonietti (Schwarzkopf Freunden sicherlich ein Begriff) verdient gemacht. Letzterer ist auf der neuen Anthologie auch Martzys verlässlicher Partner bei der Brahms Violinsonate in g-dur Op. 78, einer beschwingten Sonate von Vivaldi in d-dur in einer kuriosen Bearbeitung von Ottorino Respighi oder der Violinsonate von Händel a-dur HWV 361. Diese Kostproben der Kunst Martzys fallen aber ebenso wie Bachs Sonate für Violine Solo Nr. 1 g-moll BWV 1001 oder die Berceuse sur le nom de Gabriel Fauré von Maurice Ravel schon in die Herbstzeit der Karriere der Johanna Martzy.

 Das ausführliche Booklet erinnert in einem exzellenten Essay von Rüdiger Albrecht ausführlich an die nunmehr ein Stückchen mehr dem Vergessen entrissene ungarische Künstlerin.

 Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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