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ATHENS/Epidaurus Festival/Pereiros 2060: Dyptik: D-Construction / Alexandra Waierstall: ANNNA3. The Worlds of Infinite Shifts 

20.06.2021 | Ballett/Tanz

Athens Epidaurus Festival, Peiraios 260

Dyptik: D-Construction / Alexandra Waierstall: ANNNA3. The Worlds of Infinite Shifts 

Besuchte Vorstellungen am 19. Juni 2021

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Foto: Epidauros-Festival

Windungen der Körper

Ein Schwerpunkt des Tanzprogramms beim Athens Epidaurus Festival ist betitelt: „Layers of Street“. Der Abend auf dem Festivalgelände an der Peiraios 260 beginnt mit einem etwa 30-minütigen Stück, das inhaltlich und personell seine Wurzeln im Street Dance hat. Die Choreografie „D-Construction“ der französischen Gruppe Dyptik, die unter der künstlerischen Leitung von Souhail Marchiche und Mehdi Meghari steht, arbeitet mit Elementen von Hip-Hop und Breakdance. Hinter und vor einem hohen Metallzaun auf dem Festivalplatz zeigt das sechsköpfige Ensemble die Gemeinschaften und Kämpfe der Strasse. Das hat viel mit dem zu tun, was sich beispielsweise in Pariser Vorstädten abspielt, wo sich Hoffnungslosigkeit und Wut, aber ebenso Lebensfreude junger Immigranten immer wieder Luft verschaffen. Das Stück ist kraftvoll in der Darstellung von Gruppendynamik und es berührt, wo es sich auf Regungen und Körperwindungen einzelner Protagonisten einlässt. Die Frage, die im Raum steht, ist: Was genau meint eigentlich dieser Zaun und wen umschliesst er?

Auf die gesellschaftliche Perspektive, welche „D-Construction“ aufwirft, folgt eine mehr intimere Betrachtung des weiblichen Körpers. Alexandra Waierstall präsentiert ihr Werk „ANNNA3. The Worlds of Infinite Shifts“ in Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Pianisten Hauschka und der Lichtdesignerin Caty Olive. Kostüme und Bühnenraum hat die Choreografin zusammen mit ihrem Ehemann Horst Waierstall entworfen. Die einzelnen Komponenten sind sorgfältig gestaltet und fügen sich überzeugend zusammen. Wie erscheint nun der weibliche Körper in diesem Setting? 

Die drei Tänzerinnen Ioanna Paraskevopoulou, Karolina Szymura und Ying Yun Chen treten als Individuen und in Gruppenzusammenhängen vor das Publikum. Sie zeigen in einer knappen Stunde ein Spiel von Enthüllung und Verwandlung. Erscheinen sie zunächst in dunklen, auch den Kopf verhüllenden Gewändern auf der Bühne, legen sie diese später komplett ab. Den Sequenzen mit den nackten Körpern der Performerinnen kommt fraglos entscheidende Bedeutung zu. Die Körper beginnen zu kommunizieren. Dabei wird Intimität erfahrbar, wird der Körper zum Träger von Ausdruck und Identität. Die Tänzerinnen spielen Rollen durch, erinnern einmal in ihrer Bewegungskonfiguration gar an die drei Grazien. Die Choreografie markiert eine Art Suchbewegung und wirft Fragen danach auf, wie Frauen sich selbst darstellen und wie sie von Betrachtern wahrgenommen werden. Gegen Schluss, wenn sich eine der Performerinnen in einen glitzernden Mantel wirft, wird der Aspekt der Rollensuche und -zuweisung besonders anschaulich. Ein Dialog von Innen- und Aussenperspektive zieht sich durch das Stück.

Man hätte sich für „D-Construction“ einen belebteren urbanen Platz, für „ANNNA3“ einen mehr Intimität und Nähe gewährenden Raum vorstellen können. Gleichwohl ist man dankbar für die interessante und kontrastreiche Programmzusammenstellung. Das Publikum spendet nach beiden Performances kräftigen Beifall.

Ingo Starz (Athen)

 

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