Athens Epidaurus Festival / Griechische Nationaloper im Odeion des Herodes Attikus
Madama Butterfly
Besuchte Vorstellung am 4. Juni 2023
Bedeutungsschwanger und unentschieden
Das diesjährige Athens Epidaurus Festival startet mit Giacomo Puccinis „Madama Butterfly“ im Odeion des Herodes Attikus. Das gut erhaltene römische Theater bietet zwar keine grossartige Akustik, dafür aber einen spektakulären Rahmen für Opernaufführungen und Konzerte. Die griechische Nationaloper gastiert dort vor allem mit Werken des italienischen Repertoires. Nun war wieder einmal Puccinis populäres Werk an der Reihe.

Der Regisseur Olivier Py weist im Programmheft zu Recht auf die kolonialistischen Aspekte des Werks hin, auf die von der amerikanischen Präsenz bedrohte traditionelle japanische Kultur. Sein Ausstatter Pierre-André Weitz hat in einer aussergewöhnlichen Bühnenanordnung das Orchester hinter die Hauptspielfläche, welche eine schwarze Scheibe markiert, gesetzt. Ein Treppenaufgang und Umgang verläuft um das Orchester herum. Solisten und Chor treten von der oberen Bühnenrückwand und von der Seite her auf. Werbebanner an der Rückwand verweisen vor der Pause auf die globalisierte Welt von heute, während danach Bilder von den Zerstörungen durch den Atombombenabwurf 1945 zu sehen sind. Das Geschehen ist also als überzeitlich markiert oder erhält zumindest eine historisch vorausweisende visuelle Ebene. Zum Konkreten der Geschichte gesellt sich viel Symbolik, die in stummen Männergestalten manifest wird. Diese Schicksalskräfte treten mal als rabiate amerikanische Matrosen, dann als weiss getünchte Figuren auf die Bühne. Der Mix aus historischen Assoziationen und symbolischen Handlungen gewinnt kaum Plausibilität, eine längere tänzerische Szene vor dem dramatischen Ende ist an Plumpheit kaum zu überbieten. Die Figurenführung von Py weist erhebliche Mängel auf, was sich deutlich im Verhältnis von Cio-Cio-San und Pinkerton zeigt, aber auch mit Blick auf Sharpless. Wie böse gebärdet sich der Offizier und wie gut oder human ist der Konsul wirklich? Olivier Py schafft ein reichlich verschwommenes Bild der „Madama Butterfly“, das freilich einiges an Spektakel auf die Bühne bringt.

Musikalisch versetzt einen die Aufführung keineswegs in einen rauschhaften Zustand. Die Position des Orchesters mag das eher gebremste Spiel des Klangkörpers erklären. Der Dirigent Vassilis Christopoulos bietet immerhin ein farbenreiches Klangerlebnis. Anna Sohn ist eine gute, momenthaft sehr gute Cio-Cio-San. Ihr Sopran lässt das Besondere, Farbenreichtum und kraftvolle Mittellage vermissen, ist aber sicher geführt und überzeugt mit runden Spitzentönen. Alisa Kolosova weiss sich als Suzuki mit ihrem voluminösem, dramatischem Mezzosopran sehr gut in Szene zu setzen. Enttäuschend ist der Pinkerton von Andrea Carè, der mit unsicheren Höhen und einem Mangel an Schmelz und Strahlkraft auffällt. Dionysios Sourbis‘ Bariton gewinnt zu wenig Präsenz und weist bisweilen ein störendes Tremolo auf. Um die Hauptprotagonisten herum erlebt man solide Leistungen. Es ist eine Opernproduktion, die einem kaum im Gedächtnis haften bleiben wird.
Das Publikum im vollen Halbrund des Odeions spendet am Schluss starken Beifall und Bravorufe.
Ingo Starz (Athen)

