Theater Neos Kosmos im Theater Knossos : Henrik Ibsen: Ein Volksfeind
Besuchte Vorstellung am 8. Februar 2026
Stimmen der Mitbürger

Copyright: Theater Neos Kosmos
In Zeiten polarisierter Gesellschaften wird einer der für wissenschaftliche Erkenntnis eintritt und dabei ökonomische Nachteile für das Gemeinwesen in Kauf zu nehmen bereit ist, schnell zum Verräter oder Volksfeind erklärt. Henrik Ibsens Drama „Ein Volksfeind“ hat auch deshalb nichts von seiner Aktualität und Brisanz eingebüsst. In Griechenland werden die Werke des Norwegers recht häufig aufgeführt. Das Theater Neos Kosmos hat nun keine Neuinszenierung auf die Bühne des Theaters Knossos gebracht, sondern hat eine Arbeit von Thomas Ostermeier eingeladen, die nun mit griechischer Besetzung zur Aufführung kommt. Inszenierungen von Ostermeier waren bereits mehrfach in Athen zu sehen und sein Schaubühnenstil erfreut sich einiger Beliebtheit beim griechischen Publikum. Wie nehmen die Athener nun Ostermeiers „Ein Volksfeind“ auf?
Ostermeiers Ibsen-Produktion kam 2012 beim Festival in Avignon heraus. Der Regisseur zeichnet den Arzt Thomas Stockmann und seine Frau sowie die beiden Journalisten Hovstad und Billing ein wenig als alternative Hipster, die letztlich an der Realität des kapitalistischen Systems scheitern oder eben durch Anpassung darin ihren Platz finden. In Kleidung und Verhalten – der Arzt Thomas Stockmann kommt beim ersten Auftritt mit Kinderwagen nach Hause – erscheint die Gruppe für einen anderen Lebensentwurf zu stehen, dessen Ideen auf den Schultafeln gleichenden Wänden mit Kreide geschrieben sind. Der Bruder des Arzts, Stadtvogt Peter Stockmann, und die Druckereibesitzerin – im Original ein Mann – nehmen die andere Seite ein. Ihnen geht es ums Geschäft, um den ökonomisch florierenden Badeort. Der Arzt will wegen Wasserverschmutzung die Haupteinnahmequelle der kleinen Stadt stilllegen – zumindest für längere Zeit. Das führt zu zu Unruhe. Der vierte Akt, in dem Stockmann vor die Gemeindeversammlung tritt und seine Position darlegt, öffnet sich bei Ostermeier zum Publikum. In Athen wird aus dem vierten Akt eine emotionale Volksversammlung.
Die Griechen schauen generell mit Argwohn auf das politische Geschichte im Land. Proteste finden häufig statt. Es überrascht darum kaum, dass das Publikum mit längeren Statements auf Stockmanns Rede, die aktuelle Bezüge zur griechischen Realität aufweist, reagiert. Hier laufen der Hauptdarsteller Konstantinos Bibis und das Publikum zu Hochform auf. Es knistert buchstäblich zwischen Bühne und Zuschauerraum. Das Ibsensche Stück offenbart auf eindringliche Weise seine Aktualität. Man kann sich sicher über die Übersetzung streiten, über deren häufige Verwendung vulgärer Alltagsformulierungen. Die Aktualisierung funktioniert im Rahmen von Ostermeiers Athener Inszenierung jedenfalls sehr gut. Das Publikum ist spürbar über die mehr als zwei Aufführungsstunden bei der Sache. Und auf der Bühne agiert neben dem famosen Konstantinos Bibis als Thomas Stockmann ein überzeugendes Ensemble: Michalis Ikonomou, Lena Papaligoura, Ieronymos Kaletsanos, Stelios Dimopoulos, Alkistis Ziro und Iasonas Ally. Ein gelungener und anregender Abend.
Das Publikum strömt bereits im dritten Monat in Scharen in das gar nicht kleine Theater Knossos. Und man sieht wirklich Zuschauer aller Altersgruppen. Die Einladung der Ostermeier-Inszenierung zahlt sich aus. Und das Publikum spendet am Schluss heftigen, mit Bravorufen versetzten Beifall.
Ingo Starz (Athen)

