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ATHEN/ Theater Attis: REQUIEM von Theodoros Terzopoulos. Satzverlust, Übergangserfahrung

27.01.2024 | Theater

Theater Attis, Athen 

Requiem 

Besuchte Vorstellung am 26. Januar 2024

Satzverlust, Übergangserfahrung

atz

Theodoros Terzopoulos‚ Theaterarbeit ist eine stete Auseinandersetzung mit Ausdrucksqualitäten des Körpers und dem Konzept des Rituals. Das zeigt sich auch in seiner aktuellen Arbeit „Requiem“. Der kurze, gut einstündige Theaterabend ist dem Andenken dreier verstorbener Mitstreiter gewidmet: den Schauspielerinnen Sofia Michopoulou und Aneza Papadopoulou sowie dem Bühnenbildner Charalambos Terzopoulos. Das Requiem als Sterbe- oder Seelenamt ist ein Ritual. Es ist ein Akt der Erinnerung an Verstorbene. Terzopoulos siedelt diesen im Hades oder unmittelbar davor an, man weiss es nicht genau. Der Bühnenraum weist Lichtfelder an den Längsseiten, einen Lichtkreis im Zentrum sowie zwei skulpturale Stelen im Hintergrund auf. Das Licht gestaltet, transformiert den Raum. Die Stelen stammen von Charalambos Terzopoulos, die Musik von Panagiotis Velianitis. 

In dem beschriebenen, fast leeren Raum agieren zwei Schauspielerinnen, Sophia Hill und Aglaia Pappa. Sie tragen nurmehr Fetzen am Leib (Kostüme: Loukia). Fetzenhaft, fragmentarisch erscheint auch alles andere, was sich in dem Raum abspielt. Statt Sätzen entweichen den Frauen nur noch einzelne Worte oder Atemgeräusche. Die Szenengestaltungen und der Sound wirken ebenso bruchstückhaft. Was im Angesicht des Todes bleibt, sind Erinnerungsfetzen. Diese webt Terzopoulos in sich langsam vollziehende Bewegungen und Gebärden ein. Sie scheinen vom Ritual des Übergangs zu künden. Es sind konzentrierte Augenblicke, die letztlich von tödlicher Erfahrung berichten: dem Femicide. Höchste Verdichtung erfährt dieses Berichten in einer Szene, in welcher die beiden Frauen aneinandergeraten. Sie halten sich dabei gegenseitig Messer an ihre Kehlen. Die Langsamkeit des Geschehens macht die markierte Gewalt noch bedrückender. Eine Geste des Reenactments als kathartisches Ritual. 

Theodoros Terzopoulos präsentiert eine prägnante Studie über Gewalt und Tod. Die von ihm entwickelte Theatersprache ist so symbolisch wie unmittelbar sprechend. Die beiden Schauspielerinnen fügen sich bestens in den ritualhaften Prozess ein. Wie beim musikalischen Requiem werden unterschiedliche Stadien, Erfahrungsräume erkennbar. Das ausgehauchte Leben scheint wie in Erinnerungsfetzen ein letztes Mal aufzublitzen. Ein kurzer, eindrücklicher – fast möchte man sagen therapeutischer – Theaterabend. 

Das Publikum spendet am Schluss starken Beifall und verlässt nachdenklich das Theater. 

Ingo Starz (Athen)

 

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